Karl-Seitz-Hof (c) STADTBEKANNT

Vom Waisenbuben zum Bürgermeister des Roten Wien

100 Jahre „Rotes Wien“ feiert die Stadt heuer. Kaum jemand prägte dieses soziale Reformprojekt wie der langjährige Bürgermeister Karl Seitz. Als er heute vor 150 Jahren das Licht der Welt erblickte, deutete nichts auf seinen späteren Aufstieg hin.

Karl Seitz wurde am 4. September 1869 geboren. Sein Vater, der aus einer armen Weinhauerfamilie stammte, war nach dem Militärdienst Holzhändler in der Rossau geworden, starb jedoch sehr früh und hinterließ eine Frau und zwei kleine Söhne. Da die Mutter völlig mittellos war, konnte sie sich nicht um die Kinder sorgen, worauf Karls Lehrer den Vorschlag machte, seinen Schützling in einem geistlichen Stift unterzubringen, damit er dort zum Priester ausgebildet werden sollte. Da dort aber kein Platz mehr frei war, wurden Karl und sein kleinerer Bruder ins Waisenhaus in der Galileigasse unnah der mütterlichen Wohnung gesteckt, wo sich heute eine Volksschule befindet.

Am Sonntag durften sie die Mutter besuchen, die selber gern Geschichten aus ihrer Jugend erzählte. Vor allem die Schauergeschichten vom Gemetzel der kaiserlichen Truppen an der Zivilbevölkerung in der Vorstadt im Revolutionsjahr 1848 ließ in dem jungen Karl ein rebellischen Geist keimen. Im Waisenhaus herrscht militärische Strenge, die Buben tragen Uniform, doch Karl empfindet das Leben dort halbwegs erträglich, was er vor allem seinem „Waisenvater“ Wilhelm Bächer verdankte, der dafür sorgte, dass die Aufseher im Heim nicht schalten und walten konnten, wie sie wollten. Mit 14 stellte ihm dieser Herr Bächer vor die Wahl, ob er eine Lehre zum Schneider oder zum Glaser machen wolle. Karl wollte aber unbedingt weiter die Schule besuchen und studieren. Und sein Vormund gewährt ihm wirklich den Wunsch und finanziert den Besuch des Lehrerseminars in St.Pölten. Dort kommt Karl Seit mit den Ideen des Deutschnationalismus in Kontakt, die ihn begeistern.

Er ist mit voller Begeisterung Lehrer, unterrichtet im Waisenhaus in Matzleinsdorf und versucht einen neuen Erziehungsstil, der die militärische Zucht, die dort herrscht, abmildern soll.

Karl-Seitz Statue (c) STADTBEKANNT
Karl-Seitz Statue (c) STADTBEKANNT

Das alles war um das Jahr 1890, als eine neue politische Kraft in Wien aufzeigte – die Sozialdemokratie. Am 1. Mai waren die Arbeiter massenhaft auf die Straße gegangen, und die Bewegung für den 8-Stunde-Tag, höhere Löhne und demokratische Rechte wurde immer stärker. Karl Seitz verfolgte diese Entwicklung mit Sympathie, stand selber aber noch abseits. Doch das Leben sollte auch ihn, den jungen Lehrer, zum Sozialdemokraten machen.

In Ottakring, in der Volksschule Panikengasse, trat er eine neue Stelle an, und dort lernte er das wahre Elend der Wiener Arbeiterkinder kennen. Viele von ihnen waren als Kinder von Arbeitsmigranten aus Böhmen oder Mähren in die Hauptstadt gekommen. Nur die wenigsten hatten Schuhe, ihre Kleidung war zerfetzt und verlaust, sie kamen hungrig in den Unterricht und waren oft so müde, dass sie in der Schule einschliefen, weil viele von ihnen bis tief in die Nacht bei der Heimarbeit helfen mussten. Einzelnen zu helfen, war längst nicht ausreichend, bei diesem Ausmaß an Elend. Er selbst schreibt über diese Erfahrung:

„Ich bin nicht dazu da, einigen zu helfen. Die Befreiung der Menschen kann nur der Sozialismus bringen. Will ich also helfen, muss ich die Lehrer in unsere Reihen, in die Reihen des Sozialismus einordnen.“

Seitz wurde aktiver Sozialdemokrat und vertrat erfolgreich die Interessen der damals ebenfalls sehr verarmten Lehrerschaft. Bald schon wollten seine Kollegen, dass er bei Wahlen antritt. Er wurde im schwarzen Niederösterreich Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis, zu dem auch Floridsdorf (damals noch nicht Teil von Wien) gehörte. Später wurde er in den Reichsrat gewählt und war bald neben Viktor Adler der wichtigste Sprecher der Sozialdemokratie. 1918 wurde er der erste Präsident der Nationalversammlung und zum Präsidenten der jungen Republik gewählt. Im November 1923 wurde er Bürgermeister von Wien. Seine Worte bei der Eröffnung des Karl Marx-Hofs, des international bekanntesten Gemeindebaus des Roten Wien, haben bis heute Geltung: „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“

Karl Seitz und sein Schaffen kennen nur noch wenige, aber die Steine des Karl Marx-Hof sind heute immer noch Symbol für seine großen Leistungen als Bürgermeister des Roten Wien.

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