Auf Buchfühlung spricht mit Sophie Reyer

Auf Buchfühlung - Sophie Reyer

Sophie Reyer spricht über ihre beiden Romane

Der Tiroler Schauspieler und Tatortkommissar Roland Silbernagl brachte Sophie Reyer auf die Idee, sich des Stoffes für ihren Roman „Das stumme Tal“ anzunehmen und vom ersten Moment an ließ der sie nicht mehr los. In einer gewaltigen Gräueltat sollen zwei junge Burschen 1889 im Tiroler Zillertal eine ganze Familie ermordet und schließlich deren Hof angezündet haben. Einzige Zeugin und Überlebende war ein dreijähriges Mädchen, das vom Tatort fliehen konnte, schließlich sogar vor Gericht aussagen musste und die beiden Burschen belastete. Doch wie es um die Schuld der beiden Burschen bestellt ist, liegt heute noch im Dunkeln.

Der Mord im Zillertal

„Bis heute ist ja nicht klar, ob es die beiden Löter tatsächlich getan haben“, weiß Sophie Reyer, „in ihrer Gefängniszelle ritzten sie die Worte ‚Ich bin unschuldig‘ in ihre Teller. Alles was man über das Opfer – eine Frau, ihre Mutter und ihre zwei Kinder – wusste, war, dass sie Kinder von verschiedenen Männern hatte und im Dorf nicht sehr angesehen war.“ Und genau hier stellt der Roman seine spannendsten Fragen: Wie schnell gibt man sich mit einer potenziellen Lösung zufrieden? Wie kommt es, dass das Leben des Opfers seinen Tod vorbestimmt und wie ist die Zeugenaussage einer Dreijährigen zu bewerten, die noch dazu von zwei erwachsenen Männern flankiert ihre Aussage tätigt.
Amelia, so heißt das Mädchen in Reyers Roman, befindet sich also im Zeugenstand. Ihr zur Seite stehen der konservative Dorfpfarrer, der Amelias verstorbene Mutter schon zu Lebzeiten als liederliche Hexe abgetan hat, sowie Erl, der frischgebackene Ziehvater des kleinen Mädchens. Sie sind es auch, die Amelia die richtigen Worte einflüstern und damit ihr Los und das Los der beiden Löter besiegeln.

Erlkönig hat mir ein Leids angetan

Wie eine dunkle Vorahnung liegt da die Geschichte des Erlkönigs über Sophie Reyers Kriminalroman. Nicht nur der Name des Ziehvaters dient als Hinweis für den Fortgang des Geschehens, sondern auch der belesene Dorfdepp verweist auf die Ballade Goethes, in der ein Vater es nicht mehr schafft, sein Kind aus den Klauen des Erlkönigs zu befreien. „Ich wollte im Krimi einen literarischen Diskurs anzetteln, das ist mir über die Figur des Deppen gelungen“, erklärt Sophie Reyer.

Zwei Königkinder

Sophie Reyers zweiter Roman, der in diesem Frühling erschienen ist, trägt den Titel „Zwei Königskinder“ und ist so ganz anders als “Das stumme Tal”. In Rezensionen wird der Roman oft als Coming-of-Age-Roman bezeichnet. Dieses Etikett trägt er sicher nicht zu Unrecht. Es geht um Käthe, zu Beginn der Handlung ist sie 13 Jahre alt, und ihre Freundin Johanna. Zwischen den beiden Mädchen, die sich im Chor kennenlernen (Musik ist für den Roman ganz wichtig), bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Während Käthe sich immer mehr den Gefühlen für Johanna hingibt, steigert Johanna sich allerdings in einen religiösen Wahn hinein. Sind die Gefühlswirren der Pubertät ohnehin schon schwierig, werden sie zunehmend komplizierter, wenn sich nicht nur die Eltern gegen die sich anbahnende Liebe stellen, sondern Gott. Kein Wunder, dass es im Lauf der Handlung zu Verzweiflungstaten kommt und dass das Wasser zwischen den zwei Königskindern – ganz wie im Lied, das dem Titel zugrunde liegt und sich auch leitmotivisch durch das Buch zieht – zu tief war, als dass sie zueinanderkommen könnten.

In der aktuellen Folge von Auf Buchfühlung spricht Sophie Reyer über ihre beiden in diesem Jahr erschienen Romane und ermöglicht den Hörerinnen und Hörern einen tieferen Einblick in ihr Schaffen.

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