Ein Schwammerl auf Abwegen

Frauenminister (c) Dufek - www.dufitoon.at

Patsch, tatsch, klatsch – ein (Un)sittenbild

Lernbedürftig, älter und mächtig sind sie, jene Männer, die meinen, weibliche Intimsphären getrost ignorieren zu können und sich nehmen zu können, was ihnen zusteht.

Manchmal sind sie sogar so anständig und zeigen hinterher Reue. Peter Pilz zum Beispiel hat sich brav entschuldigt für seine Eskapaden. Er hatte nie die Absicht, Frauen zu kränken oder zu verletzen, und er sei eben ein “älterer, mächtiger Mann”, der “noch dazulernen müsste”. Das herzzerreißende, fast schon rührende Entschuldigungs-Posting des Hier-Weg-Wiederda-Politikers gefiel vielen. Vor allem jenen, für die versehentlich tatschende Männerhände mehr Verständnis haben als für das Anzeigen eines Grapschvorfalls. Immerhin ist ja damit eine ganze Karriere ruiniert. Und wegen solchen Kleinigkeiten gleich eine Polit-Laufbahn zerstören? Immerhin hat Peter Pilz niemanden ermordet, niemanden vergewaltigt und auch keinen skilaufenden Nationalhelden mit Dreck beworfen.

 

Von alkoholinduzierten Gedächtnislücken …

Oft angeführt in Verteidigung Pilzens: „Is jo eh nix Schlimmer’s passiert!“ Überhaupt sollten sich die ganzen #metoo-Möchtegern-Opfer nicht so anstellen. Da war halt einer patschert beim Flirten, und betrunken war er auch noch, der Arme. Nicht einmal erinnern kann er sich noch dran, was wirklich war. Wie soll er auch, nach ein paar Flascherln Wein auf einem All-You-Can-Drink-Event in Alpbach?

Blöderweise hat diese Logik einen gewaltigen Haken: Was für Drink & Drive gilt, gilt auch für Drink & Flirt. Wer weiß, dass er unter Alkoholeinfluss schrecklich anlassig wird, und sich dennoch dermaßen wegschießt, dass er nachher an dauerhafter Amnesie leidet, nimmt ja irgendwie in Kauf, dass „was Blödes“ passiert. Ähnlich wie jemand, der sich gemäß dem Motto „Tragt mich zum Auto, ich fahr euch heim!“ besoffen hinters Steuer setzt und seine Mitfahrer ins Jenseits chauffiert. Kurz gesagt: Dummheit schützt vor Strafe nicht.

 

… und anderen Peinlichkeiten

Logische Probleme gibt es auch mit der zweiten Verteidigungstaktik, die Peter Pilz‘ Fürsprecher ins Feld führen: Er sei halt einfach ein mächtiger alter Mann, quasi gefangen in seiner Haut, ein Opfer seiner gesellschaftlichen Prägung, eine unvermeidbare Folge seines Soziotops. So wie er seien eh viele Männer seiner Generation drauf, alternde Problembären quasi, an denen die Zeit vorübergezogen ist, ohne Spuren zu hinterlassen. Was kann er also dafür?

Um in den Worten des Proletariats zu sprechen: Oida? Zwischenmenschliches Rowdytum – in dem Fall sexuelle Belästigung – war noch nie ein Problem ausschließlich alter, mächtiger Männer. Dieses Problem haben viele Menschen, denen es an Charakter fehlt, andere Menschen anständig zu behandeln. Und sich zusammenreißen im Sinne von „Finger bei sich behalten“ oder „depperte sexistische Kommentare unterlassen“ kann man, egal wie viel (oder wenig) Macht man besitzt.

 

Unverifizierbare aufgeblasene Klitzekleinigkeiten!

Es gibt Dinge, die will man nicht wahrhaben. Beispielsweise, dass es dem süßen Babykatzerl eine riesige Freude bereitet, süße wehrlose Vogerln zu zerfleischen. Oder, dass Pandabärlis nicht nur lieb und flauschig sind, sondern erstens fürchterlich stinken und zweitens einen Menschen mit Zähnen und Klauen umbringen können. Von einem Mann, der sich als Politiker immer seriös, kritisch und fachkundig gegeben hat und stets eine weiße Weste bewahrt hat, will man folglich auch nicht, dass er ungustiöse Eigenschaften hat. Da kann es schon mal vorkommen, dass man sich die G’schicht so hinbiegt, wie es eben kommod ist. Ein paar Beispiele:

– Das kann man doch alles nicht mehr beweisen! / Die Zeugen sind geschmiert!
– Das wurde doch nur von den politischen Gegnern inszeniert! / Feurio, Intrige!
– Da geht’s ja nur um aufgeblasene Klitzekleinigkeiten! / Der Herr XYZ ist ja noch viel ärger!
– Die sollen Politik machen, nicht wegen sowas streiten!

Am Ende bleiben Ausreden allerdings Ausreden.

 

Die Welt ist schlecht

Es ist zum Heulen, aber wahr. Auch talentierte, berühmte und beliebte Menschen haben Charakterschwächen. Meist bleiben sie verborgen. Manchmal kommen sie ans Tageslicht. Und nur, weil es jemand getan hat, den man irgendwie leiwand findet, darf ungefragtes, ungeniertes Patschen und Betatschen kein Kavaliersdelikt sein. So einig sollte man sich sein in einem Land, das zumindest ein bisserl so tut, als wären Frauenrechte ein hohes Gut.

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