Capistranstiege (c) STADTBEKANNTCapistranstiege (c) STADTBEKANNT

Wiener Stiegen

„Wenn die Blätter auf den Stufen liegen / herbstlich atmet aus den alten Stiegen / was vor Zeiten über sie gegangen.“ Mit diesen Zeilen beginnt der Roman Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer, ein Meilenstein der österreichischen Literaturgeschichte. Seine Verse verdeutlichen, dass die prachtvollen Stiegenanlagen – von denen es in Wien einige gibt – nicht nur praktische Bauten sind, die die Wege durch die Stadt erleichtern, sondern auch Zeitzeugen, die den Geist vergangener Epochen atmen. Es lohnt sich, auf Stadtspaziergängen die Augen aufzuhalten, oder sogar eine kleine Erkundungstour entlang der schmuckvollsten Stiegenanlagen zu unternehmen. Dabei lernt man nicht nur verwinkelte Ecken Wiens kennen, sondern trainiert auch gleich noch die Oberschenkelmuskulatur. Auf geht’s!

Strudlhofstiege

Strudlhofstiege Alsergrund (c) STADTBEKANNT
Strudlhofstiege Alsergrund (c) STADTBEKANNT

Sie ist ohne Zweifel die berühmteste Stiege Wiens – und vielleicht eine der bekanntesten Europas. Doderers Klassiker hat 1951 der Strudlhofstiege und der Umgebung ein Denkmal gesetzt. Aber nicht nur literarisch, sondern auch architektonisch ist sie beachtenswert: Die verspielte Freiluftanlage ist ein bedeutender Jugendstilbau, der sogar mit einem Brunnen mit Wasserspeier aufwarten kann. Benannt ist sie nach dem Hofmaler Peter Strudel, der nicht nur das gleichnamige Palais neben der Stiege erbaute, sondern auch die Akademie der bildenden Künste gründete. Sie ist die älteste Kunstakademie Europas. Heute erinnert die Strudlhofstiege mit ihren grünen Geländern an die Stadtbahnbauten Otto Wagners, im Original war die Anlage aber einst in Blau gefasst. Wieder zurück in den Ursprungszustand wurden dagegen 2009 die Lampen der Stiegenanlage versetzt – statt Milchglaskugeln leuchten dort nun Kopien der Originallampen. Gerade im Sommer ist der Besuch bei Nacht ganz besonders zauberhaft, wer Glück hat erwischt eins der Konzerte, die manchmal auf der Stiege stattfinden.

Zwischen Liechtensteinstraße und Boltzmangasse
1090 Wien

Fillgraderstiege

Fillgraderstiege (c) STADTBEKANNT
Fillgraderstiege (c) STADTBEKANNT

Im secessionistischen Stil überwindet die Fillgraderstiege den Niveauunterschied des Wien-Hochufers im 6. Bezirk. Erbaut wurde sie 1905 bis 1907 nach Entwürfen des Architekten Max Hegele, benannt ist sie nach der Glockengießerwitwe Marie Anna Fillgrader, die im 18. Jahrhundert in der Nachbarschaft eine Stiftung für verarmte Bürger gründete. Zeitweise befand sich im Zwischenraum der Anlage ein Stehcafé, das inzwischen geschlossen hat. Immer noch direkt angrenzend findet sich der passend kalauerig benannte Friseursalon „Stufenschnitt“. Fun fact: Die Fillgraderstiege ist die viertschönste Treppenanlage Europas. Dazu kürte sie 2004 eine Jury aus 80 Kunstprofessoren. Tja, was soll man dazu sagen? Treppchen leider knapp verpasst!

Zwischen Fillgradergasse und Theobaldgasse
1060 Wien

Capistranstiege

Unweit der Fillgraderstiege überwindet auch die Capistranstiege den Höhenunterschied des Wienfluss-Hochufers. Angelegt wurde sie 1906, als die gleichnamige Gasse erbaut wurde – das zeigt sich im jugendstilig-geometrischen Muster der schmiedeeisernen Geländer. Benannt ist sie nach dem katholischen Prediger Johannes Capistran, was die Historikerinnen-Kommission, die Wiener Straßennamen prüft, 2013 als „Fall mit Diskussionsbedarf“ einordnete, da Capistran im 17. Jahrhundert für antijudaistische Polemiken bekannt war. Umso schöner ist es, das die Capistranstiege heute zu einem kunterbunten Ort geworden ist: Sie ist eine der Locations von Calle Libre, dem Streetartfestival, das internationale Künstler in die Stadt holt.

Verlängert die Capistrangasse hin zur Fillgradergasse
1060 Wien

Rahlstiege

Rahlstiege  (c) STADTBEKANNTRahlstiege  (c) STADTBEKANNT
Rahlstiege (c) STADTBEKANNT

Bevor man die Rahlstiege von der Mariahilfer Straße hinuntersteigt sollte man erstmal kurz anhalten: Hier steht der Gänsemädchenbrunnen, der ursprünglich den Geflügelmagd auf der Brandstätte im 1. Bezirk zierte. Die Rahlstiege selbst gibt es wohl schon seit dem 18. Jahrhundert, in der heutigen repräsentativen Form aber erst seit 1870. An ihrem Fuße befindet sich die von Franz West gestaltete Gerngross-Säule. Obwohl es nahe läge, hat die nicht mit dem quasi benachbarten Gerngross-Shoppingcenter zu tun, sondern ist nach dem zeitgenössischen Kärntner Architekten Heidulf Gerngross benannt.

Verbindet Mariahilferstraße und Rahlgasse
1060 Wien

Ruprechtsstiege

Ruprechtsstiege (c) STADTBEKANNT
Ruprechtsstiege (c) STADTBEKANNT

Diese Stiege selbst ist eigentlich relativ unspektakulär. Die ursprüngliche Anlage aus dem 19. Jahrhundert wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach neu errichtet. Der Besuch empfiehlt sich dennoch, da die Umgebung eine der ältesten Wiens ist: Die Ruprechtsstiege verbindet den Morzinplatz mit dem Ruprechtsplatz, auf dem die namensgebende Ruprechtskirche steht. Sie ist die älteste, noch erhaltene Kirche der Stadt und schon im 12. Jahrhundert belegt. In den umliegenden Gassen der Altstadt erinnert heute höchstens der üppige Bierkonsum ans Mittelalter: Im sogenannten Bermudadreieck sind zahllose Kneipen und Lokale beiheimatet.

Verbindet Ruprechtsplatz und Morzinplatz
1010 Wien

Vereinsstiege

Die Vereinsstiege liegt einigermaßen versteckt im äußeren Teil des 9. Bezirks. 1907 wurde sie erbaut, um den alten Donauuferhang zwischen Nußdorfer Straße und Liechtensteinstraße zu überwinden. Ihre Form ist eher schlicht, es handelt sich um eine gerade Podeststiegenanlage, aber die secessionistischen Kandelaber, die sie beleuchten, sind durchaus Schmuckstücke.

Verbindet Liechtensteinstraße und Nußdorfer Straße
1090 Wien

Amonstiege

Amonstiege (c) STADTBEKANNT
Amonstiege (c) STADTBEKANNT

Als eine von mehreren eher unspektakulären Stiegen, die im 6. Bezirk das Ufer des Wienflusses überwinden, weist die Amonstiege aber doch eine gewaltige Besonderheit auf: einen öffentlichen Aufzug! Sie ist Teil des direkten Wegs von der Mariahilfer Straße zum Naschmarkt, der zuerst durch den Raimundhof führt. Das Durchhaus des Hauses „Zum goldenen Hirschen“ ist nach dem bekannten Wiener Dramatiker Ferdinand Raimund benannt, der hier geboren wurde.

Verbindet im Verlauf der Stiegengasse die Gumpendorfer Straße mit der Windmühlgasse
1060 Wien

Falcostiege

Falcostiege (c) STADTBEKANNT
Falcostiege (c) STADTBEKANNT

Ganz ehrlich, man hätte Falco schon ein würdigeres Denkmal gewünscht. Die Falcostiege besticht durch – nun ja – gar nichts. Dass die Stadt Wien dann 2009 auch noch einen „250 Meter langen Gehweg in Wien Donaustadt“ (Die Presse) nach Falco benannt hat, macht das Ganze nur noch schlimmer. Einziges Trostpflaster: Die Gegend um die Falcostiege hat immerhin so einiges zu bieten. Naschmarktflohmarkt, Restaurants, das Café Rüdigerhof und das Celeste, in dem man – im Geiste Falcos – tanzen kann. Und ganz egal wie hin hin hin man morgens aus dem kleinen Club stolpert, nebenan gibt’s bei der Bäckerei Gül immer frisches Brot zum Frühstück.

Verbindet die U4-Station Kettenbrückengasse und die Rechte Wienzeile

Marienstiege

Maria am Gestade (c) STADTBEKANNT
Maria am Gestade (c) STADTBEKANNT

Schwer vorzustellen, dass da, wo heute die Stiege von der Kirche Maria am Gestade hinunter auf den Tiefen Graben führt, einst direkt ein Arm der Donau vorbeifloss. Lange vor Donaukanal und Donauregulierung hieß dieses Fleckchen deshalb auch „An der Fischerstiegen“. Später ging man zur Bezeichnung „Gstetten“ über – man kann davon ausgehen, dass der Mist sich hier häufte. Weil das aber einer Kirche unwürdig war, wurde der Name kurzerhand zu Gestade geändert. Zwei Stiegen verbinden den Kirchenvorplatz mit den tieferliegenden Gassen, besonders beliebt ist heute jene zum Tiefen Graben. Sie bietet perfekte Aussicht auf die gotische Kirche und ist deswegen eine populäre Location für Hochzeitsfotos oder Filmdrehs.

Verbindet den Tiefen Graben mit der Kirche Maria am Gestade
1010 Wien

Hauptbücherei am Gürtel

Hauptbücherei am Gürtel (c) STADTBEKANNT
Hauptbücherei am Gürtel (c) STADTBEKANNT

Es handelt sich hier freilich nicht um eine pompöse Stiege aus der Zeit des Jugendstils, sondern einen vermeintlich schnöden Neubau von 2003. Aber die Stiege aufs Dach der Wiener Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz ist nicht nur die größte Freitreppe Wiens, sie ist auch architektonisch von einer Ikone inspiriert: der Villa Malaparte auf Capri. Dort sonnte sich zum Beispiel die junge Brigitte Bardot in Jean-Luc Godards Nouvelle-Vague-Filmklassiker Die Verachtung. Passend: In lauen Sommernächten lohnt es sich insbesondere, Stufen aufs Dach der Bücherei zu erklimmen. Denn dann findet dort oben das Open Air „Kino am Dach“ statt.

Urban-Loritz-Platz 2A
1070 Wien

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