Kultur – Film / TV

Foto: Noah (c) 2014-Universal-Pictures
Foto: Noah (c) 2014-Universal-Pictures

Filmkritik: Noah

15. April 2014 • Film / TV, Kultur

Der Mensch zerstört die Natur, löst damit Katastrophen aus, bis sich der Mensch irgendwann selbst ausgelöscht hat. Weltuntergangs-Szenarien biblischer Ausmaße gehören zum Standardrepertoire von Blockbustern. Darren Aronofsky bedient sich nun in seinem neuesten Film dieses Formats und liefert mit Noah eine eigenwillige wie irritierende Interpretation von Großkino und Bibelfilm.

Wie das Buch Genesis erzählt, erhält Noah (Russell Crowe) von Gott – im Film konsequent als Schöpfer angesprochen – den Auftrag zum Bau einer Arche, die alle unschuldigen Kreaturen aufnehmen soll, während die Sintflut alle anderen vernichtet. Anfänglich möchte er seinen Söhnen Shem, Ham und Japeth eine Gefährtin zur Seite stellen, um auch die Menschen am Neubeginn des Lebens teilhaben zu lassen. Ila (Emma Watson), die Liebe Schems ist unfruchtbar. Doch als er sieht, zu welchen Gräueltaten die Menschen unter Führung von König Tubal-Cain (Ray Winstone) fähig sind, findet er zu der Deutung, dass der Schöpfer die Auslöschung der Menschheit fordere.

 

Unbeugsamer Patriarch, mit psychopathischen Zügen
Aronofsky zeigt Noah nicht als einen Helden, der für das Gute kämpft, sondern als einen unbeugsamen Patriarchen, der auf eine Vision hin gewillt ist, alles zu zerstören, auch seine Familie. Als die Welt unter Wasser liegt, fokussiert die Erzählung nicht das Überleben und den Neuanfang der Schöpfung, sondern den Konflikt in der Familie, der sich zwischen seinem und dem Standpunkt seiner Frau Nameeh (Jennifer Connelly) auftut. Nameeh verkörpert nicht Gottes, sondern das matriarchale Gesetz, sie stellt das Wohl ihrer Kinder über alles. In dieser Auseinandersetzung wird deutlich, dass es sich bei den Visionen Gottes um Botschaften handelt, die dechiffriert werden müssen. Es gibt keine Wahrheit, denn Aronofsky belässt den Schöpfer wort- und bildlos. Alles, was geschieht, beruht auf Noahs Deutung von Zeichen und Visionen.

Noah (c) 2014-Universal-Pictures

Noah (c) 2014-Universal-Pictures

Die Vorstellung einer magischen und göttlichen Natur ist heute keine Selbstverständlichkeit, sodass sich in Noah durchaus auch psychopathische Züge entdecken lassen. Dieses Gefühl steigert die aus Aronofskys bisherigen Filmen (The Wrestler, Black Swan) bekannte schrankenlose Annäherung an die Figuren, die eine für Blockbuster ungewohnte Art der Nähe erzeugt, weil sie die Zuschauer eine unruhige und wechselhafte Perspektive einnehmen lässt. Wo das Drehbuch (Aronofsky und Ari Handel) auf Momente von emotionaler Offenlegung und Übersteigerung hinausläuft, nimmt die Kamera von den Figuren Abstand. Auch Clint Mansells Score trägt dazu bei, sich der Idylle zu widersetzen.

 

Kein Happy End für die gescheiterte Schöpfung Gottes
Leider produziert das Drehbuch jedoch auch Augenblicke, die man lieber nicht gesehen oder gehört hätte. Pathos oder Elemente der Auflockerung erzeugen einen Widerspruch. Ähnlich verhält es sich mit so manchen optischen Eindrücken. Die technisch weitestgehend brillante Umsetzung gebiert CGI-Kreationen, die an Herr der Ringe oder Transformers erinnert. Abseits dessen bewegt sich Darren Aronofskys Bildsprache zwischen einerseits Endzeit- und Kriegs-Dramatik und andererseits biblischer Breite und Zeitlosigkeit, die auch in Anlehnung an historische Bibelfilme entsteht. In Form von ausdrucksstarken, zu Stimmungen gefrierenden Einstellungen oder Animationen (ein kleiner, feiner Film im Film über Schöpfungsgeschichte und Evolution) wird der Bibeltext in Bilder übersetzt, die den Erzählfluss der Handlung untermalen.

Tendenz und Botschaft münden bei allen aktuellen Bezugspunkten zur Klimadebatte auch in eine (religions-)philosophische Dimension. Das Ende ist kein Happy End, trotzdem es sich in einen Regenbogen kleidet. Die Tragik liegt in der Existenz des Menschen begründet. Das Gefühl, dass die Rettung der Menschheit etwas Erfreuliches ist (was man angesichts der eigenen Existenz vielleicht tun sollte), will sich nicht einstellen. Ganz abgesehen davon, dass Kategorien wie Gut und Böse nicht Orientierungsmöglichkeit bieten, sondern mehr als Ergebnis einer persönlichen Entscheidung, denn als erfassbare Handlungsmaxime dargestellt werden. Was bedeutet es für den Menschen, in Gottes Ebenbild erschaffen worden zu sein und welche Verantwortung erwächst ihm daraus? Nicht zuletzt erzählt der Film auch von der Last einer Aufgabe und der Angst zu versagen, denn Noah konnte den Auftrag des Schöpfers nicht erfüllen. Doch in letzter Konsequenz lässt sich der Mensch als das Scheitern Gottes lesen.

 
Fazit der Sintflut
Darren Aronofsky ist nicht gescheitert, wenngleich das Epos von einigen Störfaktoren durchzogen und der Übergang vom äußeren zum inneren Konflikt nicht ohne Bruchstelle gelungen ist. Dennoch ist Noah stark in seiner Dramaturgie und filmischen Ausdrucksweise, wo sie eine mythologisch-bedrohliche Atmosphäre erzeugen und den Kampf für das (Über-)Leben des Menschen nicht als hehre Aufgabe, sondern als Erschütterung zeigen. Damit verleiht Aronofsky auch dem Bibeltext Aktualität.

 

Noah
Regie: Darren Aronofsky; Drehbuch: Darren Aronofsky, Ari Handel
Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson, Anthony Hopkins, Ray Winstone
Filmlänge: 138 Minuten, Kinostart: 04.04.2014

 

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