Lifestyle – Im Gespräch

Copyright Ruth Beckermann Filmproduktion 2011

Ruth Beckermann im Gespräch

11. November 2011 • Im Gespräch

American Passages ist eine Panoramaaufnahme Amerikas. Ein Film wie ein Roadtrip, scheinbar aus einem vorbeifahrenden Auto gedreht, aus dem man hin und wieder ausgestiegen ist, um wie beiläufig mit den Menschen zu sprechen, denen man begegnet.

Von SozialsiedlungsbewohnerInnen über Tea Party AnhängerInnen, Schulklassen im Sklaverei-Museum bis hin zu einer Hochzeitsgesellschaft und einem homosexuellen Paar, das sich an die Adoption seiner Kinder erinnert. Ein anderes Paar räumt vor der Pfändung sein Haus, ein Irak-Veteran versucht sich zu betäuben, schwarze Richterinnen sprechen über ihren Status und ein gebrechlicher Zuhälter sonnt sich in der Aufmerksamkeit der Kamera von Ruth Beckermann im Casino, wo er sein Leben zubringt. American Passages ist eine Momentaufnahme eines Abschnitts der Geschichte Amerikas, eben eine Passage, in einem Land, in dem gerade vieles anders wird. Auch so ist Passages lesbar: Übergänge.

„Man braucht eine Ökonomie in den Dingen, die man zeigt“

Wer die Personen sind und wo im Land man sich befindet, weiß man währenddessen nie. American Passages sollte nicht subjektiv werden, „der Prolog der Wahlnacht erklärt ja außerdem total, warum man jetzt einen Film über Amerika sieht.“ Ein Afroamerikaner in Harlem jubelt ‚We are free!‘ vor einer spontanen Liveübertragung der Wahl Obamas. „Als Filmemacherin muss man sich immer entscheiden, worauf man die Aufmerksamkeit lenken will: Ich wollte das auf die Highways und Delis lenken, nicht auf die Postkarten-Orte.“ Beckermanns Orte sind Nicht-Orte: Tankstellen, Straßen, Delis, Gefängnisse. Ein Lager, in dem nach Ausbleiben der Mietzahlungen der Inhalt privater Abteile versteigert wird.

Ruth Beckermann, die für die Realisierung von American Passages im Laufe von zwei Jahren insgesamt sechs Mal nach Amerika gereist ist, verlässt sich sehr auf ihr Glück, wenn sie dreht. Pläne sind wichtig und gut, dürfen aber auch über den Haufen geworfen werden.

Ich habe mir sehr vieles vorgestellt, das ich gerne im Film hätte. Man muss vorher Vorstellungen im Kopf haben, sonst ist man in der Weite verloren. Für mich gabs verschiedene typisch amerikanische Dinge, wie zum Beispiel Air Conditions, Highways, Diners, Waffelhäuser, Tankstellen, Self-Service – all das, was noch immer wichtig ist in Amerika, das die verschiedenen Kulturen, Minderheiten und Staaten verbindet. Das ‚Generic America‘ ist überall gleich, das ist das verbindende Element, auch im Film.“

„Las Vegas war für mich Kapitalismus ohne Aufputz“

Weil man sich so wenig auf soziale Netze verlässt, versucht man permanent, sein Leben zu verbessern, um an irgendetwas zu kommen. Diese Einstellung hat sicher auch mit dem Puritanismus zu tun – man muss ein guter Mensch sein.“ So haben die Obdachlosen, die Ruth Beckermann in einem Tunnel unter dem Casino Strip in Las Vegas trifft, Projekte und Pläne für ihre Zukunft. „Sie bewahren immer eine Perspektive. (…) Auch diese junge Frau, mit der ich im Gefängnis spreche, die versucht, aus ihrer Drogensucht- und Prostitutionsexistenz zu entkommen: man kann sich als Zuschauer fragen, ob sie das schafft, aber der Versuch scheint mir glaubhaft.

Präsentation ist wichtig in Amerika, und der Film tut gut an der nüchternen Darstellung von ausufernder Selbstdarstellung. „Präsentation ist genauso wichtig wie der Inhalt. Das mag man gut oder schlecht finden, aber Amerikaner tragen alles nach außen und stellen sich dar. Das ist verinnerlicht.“ Pathos ist da unvermeidbar, wenn eine Anhängerin der Tea Party am Memorial Day unter Tränen ihr ungenaues Mantra von schwindenden Rechten und der Gefahr für die Freiheit predigt.

 

Wenn die Europäische Union ein politisches Projekt mit fehlender BürgerInnen-Unterstützung ist, so muten die Vereinigten Staaten von Amerika wie ein sich fortsetzender Gesellschaftsvertrag an, der politisch umfochten ist, aber zivilisatorisch gewollt.

Es reißen alle an einer anderen Ecke, aber so ist Politik. Es ist ein Spiel, das Regeln braucht, und die Regeln dort sind ganz gut (…) Sie haben gelernt, miteinander zu leben. Sie sind eine sehr zivilisierte Gesellschaft, aber weil alles ausverhandelt werden muss, kommt diese Prozesswut. Vom Dating in Beziehungen bis zum Kaffeehaus – es ist wichtig, zu wissen, was man darf. Ich habe einmal im Flugzeug jemanden mit meiner Tasche gestoßen, prompt kam die Stewardess und hat mich belehrt, wie ich meine Tasche in Zukunft tragen soll, damit das nicht passiert. Das ist schon anstrengend, sie sind ständig auf einem Pädagogiktrip.

‚Es gibt keinen deutschen oder französischen Traum, es gibt nur einen amerikanischen Traum‘ (Filmzitat)

Beckermanns Film zeigt eine Gesellschaft, die sich auf die Zukunft bezieht, von der man aber weiß, wie stark die Vergangenheit in politische Entscheidungen miteinbezogen wird. Wenn in Immigrationsfragen ein Zaun zu Mexiko debattiert wird, bezieht man sich auf die Verfassung, in der fast religiös anmutenden Hoffnung, es könnte bibel-esk drinstehen, wie man sich zu verhalten habe. Der momentane Verfall des Empire ist bei aller Zukunftsgewandtheit der AmerikanerInnen an sich doch auch eine Folge der Mystifizierung ihrer Vergangenheit.

„In der Aussage ‚Ich bin Amerikaner‘ hat sehr viel Platz“

Die Amerikaner haben einen leidenschaftlichen Gründungsvertrag und sind meiner Meinung nach dem 18. Jahrhundert mehr verbunden und verwandt als dem 19ten. Die Gründungstexte sind das Dach der Nation, jeden Tag liest man von Artikel soundso aus der Verfassung – das ist lebendig und verbindend. In Amerika kann man im Gegensatz zu Europa auch sagen ‚I love America‘, ohne es zu definineren oder abzugrenzen. Man muss keine automatische Identitätssuche betreiben, die Aussage ‚Ich bin Amerikaner‘ hat sehr viel Platz. Europa ist da ganz anders, viel kleinteiliger, mit viel mehr Geschichten, die untereinander ganz unterschiedlich sind.“ Und, „auch wenn die Gründungs-Referenzen oft nur mehr leere Hüllen sind, die religiös zitiert werden: man merkt, wenn das nicht da ist, wie bei uns.

„Wie geht das Projekt Amerika weiter?“

Nun sind sie irgendwo stehengeblieben. Wie soll das Projekt weitergehen? In den 80ern hat man gedacht, alle werden Middle Class, jeder wird ein Haus haben. Bush hat das noch betont. Aber das wars ja wohl nicht, diese Verwirklichung eines Traums ist gründlich daneben gegangen mit der Blase. Jetzt geht’s darum zu fragen: Wohin mit uns? Sie sind eigentlich Konsumenten geworden, obendrein sind sie viel zu dick geworden. Das hemmt natürlich die Dynamik. Was passiert noch alles in der Krise? Wie stark kommt der Rassismus wieder? Das ist ja nicht beendet. Ich glaube zwar, dass die Wahl Obamas ein einschneidender historischer Moment war, auf den man sich immer berufen wird. Aber man sieht bereits jetzt, dass die ersten Verlierer der Krise die Schwarzen sind, die ihren Job verlieren in einem ganz regulären Verdrängungsmarkt.

„It is what it is“

American Passages ist ein melancholischer Film über das Ende eines Empires, und zugleich eine Hommage an das Land, das ein Recht auf ‚the pursuit of happiness‘ im Verfassungsrang hat. „Was mich sehr beeindruckt hat, ist, dass man sich nicht gehen lässt. Sonst geht man unter.

American Passages kommt am 25. November in unsere Kinos.

Maxi Lengger

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