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Rezension: Peter Hoeg – Die Kinder der Elefantenhüter

16. Dezember 2010 • Kultur, Literatur

Die Kinder der Elefantenhüter – Peter Hoeg

Hanser Verlag

Ich habe eine Tür aus dem Gefängnis gefunden, die sich zur Freiheit öffnet, ich schreibe dies, um dir die Tür zu zeigen.

Peter Hoegs neuer Roman verliert keine Zeit. Spätestens seit seinem zuletzt erschienenen Werk „Das stille Mädchen“ scheint der Autor des Bestsellers „Fräulein Smillas Gespür für den Schnee“ Gefallen zu finden an der Rolle des Propheten, der seinen Lesern die Tür zu einer anderen Welt öffnen und ihnen den Weg zum Glück weisen will:

Ehe ich anfange, möchte ich dich etwas fragen. Ich möchte dich fragen, ob du dich an Momente deines Lebens erinnerst, in denen du glücklich gewesen bist. Nicht nur froh. Nicht nur zufrieden. Sondern so glücklich, dass alles vollständig total hundertprozentig perfekt war. Wenn du dich nicht an einen einzigen solchen Moment erinnern kannst, ist das nicht so gut, aber dann ist es natürlich umso wichtiger, dass ich dich jetzt mit dieser Geschichte hier erreiche.

Kindesstimme

Hoeg spricht in der Gestalt seines vierzehnjährigen Protagonisten Peter mittels zahlreicher Passagen der direkten Rede zu seinen Lesern. Nach den ersten Seiten steigt die Erregung beim eingefleischten Hoeg Fan: die Sprache des Dänen präsentiert sich in der verträumten Gelassenheit eines Autoren, der ohne eine Geschichte erzählen zu müssen auf der Suche nach der poetischen Vollendung ist. Von Türen zur Freiheit, die zum ultimativen Glück führen ist hier die Rede. Von Eltern, die so einen wehmütigen Zug um die Augen haben, als hätten sie etwas verloren und wüssten nicht was.

Weiße Tauben im Nebel

Die eigentliche Geschichte versucht mit der anfangs aufgebauten Dramatik mitzuhalten: die drei auf der kleinen dänischen Insel Fino lebenden Geschwister Hans, Tilte und Peter befinden sich nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Eltern auf der Flucht vor den Behörden, die sie auseinanderreißen und in ein Heim stecken wollen. Durch die immer neuen, aberwitzigen Raffinessen Peters, der jedes Hindernis durch einen Vergleich mit einer Situation auf dem Fußballfeld löst, sowie der sechzehnjährigen Tilte, die durch ihre umwerfende Erscheinung alle Mitmenschen zu ihren Gunsten verzaubert, entgehen sie ein ums andere Mal den zahlreichen Verfolgern. Außerdem wird dem Leser offenbart, dass die Eltern der Kinder in deren Tätigkeiten als Pfarrer bzw. Organistin der Insel durch die Inszenierung mystischer Gemeinschaftserlebnisse während der von ihnen abgehaltenen Gottesdienste sowohl ihr gläubiges Publikum, als auch sich selbst über Schwächen und Zweifel in der eigenen Glaubenskraft hinwegtäuschen. So werden schon einmal weiße Tauben und künstlich produzierte Nebelschwaden zur effektvollen Demonstration des Wirkens göttlicher Kräfte zur Unterstützung gebeten. Nach einer langen Odyssee endet die Geschichte auf dem ersten großen Kongress aller Weltreligionen in Kopenhagen, auf dem die Kinder schlussendlich einen Anschlag verhindern und nebenbei ihre Eltern wiederfinden und retten müssen.

Rickart Tre Lover & Co

Der in Form einer kindgerechten Detektivgeschichte erzählte Handlungsstrang scheint manchmal nur als Mittel zum Zweck für Hoeg zu dienen, dem Leser zahlreiche abstruse Charaktere vorstellen zu können: den bisexuellen Grafen Rickart Tre Lover, die Gemeindechefin Bodil Nilpferd oder die Edelprostituierte Pallas Athene. Die Interaktion der drei Hauptcharaktere mit diesen Nebenfiguren sorgt dabei für skurrile – und auch teilweise äußerst unterhaltsame – Momente. Hoeg wagt sich erstmals an den Einsatz einer sehr humoristischen Sprache, was ihm überraschend gut gelingt. Die Thematik des Glaubens und der Religion stellen dabei die Basis des Romans, wobei die Eltern Peters, von Tilte als „Elefantenhüter“ bezeichnet, stellvertretend für den Zweifel am eigenen Glauben und der Institution der Kirche stehen, die sich mit kleinen Tricksereien über die Probleme in der Vermittlung eines Existenzbeweises einer göttlichen Existenz helfen müssen.

Poetische Vollendung

Peter Hoeg sorgt immer wieder für Überraschungen. Verstrickte er sich in „Das stille Mädchen“ noch hoffnungslos in einer langweiligen Handlung, ist sein neuestes Buch eine nicht enden wollende, nicht enden könnende Suche nach der Poesie. Seitenlang rennt er ihr vergeblich nach und der Leser gibt schon auf, noch einen Blick darauf geschenkt zu bekommen. Doch dann, aus dem Nichts der leider an einigen Stellen belanglos dahin tröpfelnden Handlung heraus schlägt er wieder zu und fängt sie ein, um sie mit dem fassungslosen Leser zu teilen.

Genau in dem Augenblick, in dem man fühlt, dass man tatsächlich alles verlieren wird, dass absolut nichts übrig bleibt und man sich also auch an nichts festhalten kann, geschieht etwas. (…) Man sitzt einfach da und sieht in die Tatsache hinein, dass man sterben muss, und merkt, wie sehr man die liebt, die man verlieren soll, und dann geschieht es: Einen kurzen Augenblick ist es, als verginge die Zeit nicht. Oder eher: als gäbe es sie nicht. (…) Ich weiß, dass ich in diesem Moment in der Tür stehe. Und eigentlich ist es keine Tür, denn eine Tür ist ein Ort, aber dies hier ist überall. Es gehört keiner Religion an, es verlangt nicht, dass man etwas glaubt oder etwas anbetet oder irgendwelche Regeln befolgt. Es verlangt nur drei Dinge: Dass man sein Herz spürt. Dass man einen Augenblick lang bereit ist, alles zu akzeptieren, auch das ungerechte Detail, sterben zu müssen. Und dass man ganz still stehen bleibt, einen Augenblick, und den Ball ins Tor rollen sieht.

Buch für die ganze Familie

Peter Hoeg wollte laut eigener Aussage ein Werk für die ganze Familie schreiben, dass die Gräben zwischen den Generationen von jung bis alt aufhebt. „Die Kinder der Elefantenhüter“ scheitert an diesem Anspruch, da es zwar sowohl eine kindergerechte Detektivgeschichte als auch philosophisch relevante Themen des Glaubens und der Spiritualität in sprachlich herausragender Form anbietet, diese beiden Elemente aber nicht miteinander verknüpfen kann und damit streckenweise langweilt. Während es beispielsweise einem Michael Ende in „Die unendliche Geschichte“ gelang, ein an alle Altersgruppen gerichtetes und vollkommenes Meisterwerk der Literatur zu erschaffen, das philosophische Themen im Deckmantel einer phantastischen Geschichte vermittelt, bleibt Hoegs Buch Stückarbeit.

Gelungene Weiterführung

Dennoch wird der Roman insbesondere den zahlreichen Fans des Dänen große Freude bereiten: durch die Abwandlung der Autoritätsthematik, die schon im Mittelpunkt seines Meisterwerks „Der Plan zur Abschaffung des Dunkels“ stand und der in „Die Kinder der Elefantenhüter“ viel besser gelungenen Auseinandersetzung mit Spiritualität und Übersinnlichem, die in „Das stille Mädchen“ noch missglückt war, stellt Hoegs neuestes Buch eine gelungene Weiterführung seines Werkes dar. Der düstere Ton der Vorgänger wird dabei durch den heiterfröhlichen eines jungen Kindes ersetzt, das nie ernsthaft in Gefahr gerät und bei dem man sicher sein kann, dass letztlich alles gut ausgehen wird. Außerdem hält Peter stets einen beruhigenden Ratschlag für seine jung(gebliebenen) Leser bereit:

Ich weiß nicht, ob du einer Freundin hast. Falls nicht, würde ich gern etwas loswerden. Und zwar, dass du bestimmt noch eine kriegst. Die Erfahrung meines ganzen fünfzehnjährigen Lebens sagt mir, dass die Welt so eingerichtet ist, dass alle einen Liebsten bekommen.

Wir müssen ihm das einfach glauben. Der Durchgang durch die Tür zum Glück liegt in uns selbst und in der Fähigkeit, die dem Menschen durch das Schicksal auferlegte Einsamkeit zumindest für einige, wichtige Momente hinter uns lassen zu können. Wenn uns das gelingt, werden auch wir wie Peter am Ende des Buches irgendwann in einer sternenklaren Nacht auf einem einsamen Feld Dänemarks vor Freude tanzen und uns selbst vergessen können.

Das Buch "Die Kinder der Elefantenhüter" von PETER HOEG ist beim Hanser Verlag erhältlich.

Andreas Rainer hat in Wien Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert und drei Jahre in Nordamerika gearbeitet, unter anderem als Unterrichtender an Bard College und der University of Connecticut. Zurück in Wien ist er im Kulturbereich tätig und schreibt für Stadtbekannt hauptsächlich im Resort Literatur.

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