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Filmkritik: Nader & Simin – Eine Trennung

22. Oktober 2011 • Film / TV

Nader und Simin sind ein iranisches Paar aus der Mittelschicht. Simin will das Land verlassen, und endlich wird der Familie ein Visum zugestanden, das aber bereits in 40 Tagen abläuft. Aber Nader weigert sich, mitzugehen. Sein an Alzheimer erkrankter Vater lebt mit der Familie, er möchte ihn nicht zurücklassen. Aus Verzweiflung will Simin sich scheiden lassen und mit ihrer Tochter alleine gehen, doch der Scheidungsrichter weist ihre Gründe als unzureichend zurück.

Simin zieht aus, und Nader stellt eine Haushaltshilfe, Razieh, an, die sich um seinen Vater kümmern wird. Als er eines Tages nach Hause kommt, findet er seinen Vater ans Bett gebunden vor, von der Frau und ihrer Tochter keine Spur, des weiteren fehlt Bargeld. Empört schmeißt er Razieh hinaus, die darauf besteht, keine Diebin zu sein. Im Streit schubst Nader sie hinaus. Am nächsten Tag erfährt die Familie, dass Razieh eine Fehlgeburt erlitten hat und Nader wegen Totschlag angeklagt wird.

Gesellschaft im Spiegel

In dem sich daraufhin entfaltenden Rechtsstreit, der für sich allein genug Stoff für einen Film wäre, werden ganz nebenbei die Gesellschaft und deren Lebensbedingungen unter dem iranischen Regime porträtiert. Die beiden Familien sind zugleich ein Spiegel dieser Gesellschaft: Nader, Simin und ihre elfjährige Tochter sind eine Familie der Mittelschicht; gebildet, gleichberechtigt und gottlos. Razieh ist eine einfache, schwer gläubige Frau, ihr Mann ein aufbrausender, arbeitsloser Schuster, der das Gefühl von Hilflosigkeit aufgrund seiner sozio-ökonomischen Stellung tief in sein Selbstbild gegraben hat.

Weil Raziehs Mann seit Monaten arbeitslos ist, nimmt seine Frau den Job als Pflegerin an um Geld für die Familie zu verdienen, verheimlicht es aber vor ihrem Mann, um seinen Versorger-Stolz nicht zu kränken. Obendrein ist als verheiratete Frau bei dem alleinstehenden Nader im Haus zu arbeiten nur schwer mit ihren Konventionen zu vereinbaren. Als Naders kranker Vater in seine Hosen nässt, ist sie hin- und hergerissen zwischen der Sünde, die es wäre, ihn zu waschen, und dem Mit- und Pflichtgefühl, dass mit den religiösen Vorschriften kollidiert.

Schuld und Sühne 

Die Situationen vor dem Untersuchungsrichter vermitteln die ultimative Allmacht der Ausführer des Gesetzes, das in seinem Unsinn dennoch absolute Allmacht hat. Die standardisierte Unterdrückung kommt etwa dann zum Ausdruck, als der Untersuchungsrichter salopp meint, Nader solle doch jemanden anrufen, der die hohe Kaution für ihn aufbringt, um aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden. Die familiären Strukturen müssen umso besser funktionieren, wenn alles von ihnen abhängt.

Nader könnte wegen Totschlags für drei Jahre ins Gefängnis kommen, weil eine Frau einen 20 Wochen alten Fötus verloren hat, der vor dem Gesetz behandelt wird, als wäre er ein fertiger Mensch. Nader beharrt, nichts von der Schwangerschaft gewußt zu haben und dank der bodenlangen Verschleierung Raziehs auch nichts gesehen zu haben. Razieh ist hin- und hergerissen zwischen ihrem religiösen Pflichtgefühl zur Wahrheit und Furcht vor der Strafe Gottes und Angst vor ihrem Mann, der seit seiner Kündigung an Depressionen leidet und das Blutgeld, das von Nader gefordert wird, dringend brauchen könnte.

Stadtbekannt meint

Im Vordergrund steht der zu lösende Kriminalfall, aber zwischen den Zeilen ist ‚Nader und Simm‘ ein subtiles Gesellschaftsporträt des Irans, für das der Regisseur Asghar Farhadi dennoch nicht unüberraschend die Zustimmung der Regierung erhalten hat. Bei der Berlinale hat der Film die Preise für bestes weibliches Ensemble, bestes männliches Ensemble und bester Film abgeräumt. Zu Recht. "Nader und Simin – eine Trennung" wird zweimal im Rahmen der Viennale zu sehen sein. Tickets dafür gibt es hier. Wer hierfür keine Karten mehr ergattert, sei getröstet, am 18. November kommt der Film regulär ins Kino.

Nader und Simin – eine Trennung
VIENNALE – Termine
31.10.2011 um 20:30 Gartenbaukino
01.11.2011 um 11:00 Metro

‚Nader und Simin – eine Trennung‘ kommt am 18. November in unsere Kinos.

Maxi Lengger

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