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DVD-Tipp: Der Junge mit dem Fahrrad

13. März 2013 • Film / TV

Cyril ist elf Jahre alt und mit Ausnahme seines Fahrrads recht allein. Über seine Mutter wird kein Wort verloren, man trifft auf den Jungen als Bewohner eines Kinderheims, von seinem Vater abgegeben, der danach untergetaucht ist, ohne Telefonnummer, einfach weg.

Cyril (Thomas Doret) ist davon besessen, ihn wiederzufinden, auf seinem Fahrrad und mit roter Jacke ist er ständig unterwegs: zum ehemalig heimatlichen Siedlungskomplex, zur neuen Stelle des Vaters Guy. Der Wunsch nach dieser Wiedervereinigung ist leider nur einseitig vorhanden: Guy ist überfordert, will ein neues Leben beginnen, ohne diesem Kind, das ihn schon stresst, wenn er nur daran denkt. 

Cyril ist schwierig, aber kein enfant terrible: er ist unermüdlich bei der Suche nach seinem Vater und getrieben von seiner Rastlosigkeit und , nicht davon, mit Schwierigkeiten als letztem Ausweg auf sich aufmerksam zu machen. Was Rebellion bedeutet, dürfte er noch nicht mal wissen. Er ist ein Kind, aber kein allzu entzückendes, dafür ist sein Blick zu bohrend und konzentriert. Soweit ein klassisch sozialpsychologisches Drama mit einer schlechten, ungreifbaren Vaterfigur. Jean-Pierre und Luc Dardienne haben ihrem Schema treu in der selben öden belgischen Industriestadt gedreht, die auch schon in Der Sohn, Das Kind und Lornas Schweigen für den kleinstädtischen Hintergrund gesorgt hat.

Fabelhaft

Sehr undardienne-esk ist die Mutterfigur, die dem Nervenbündel von den Brüdern zur Seite gestellt wird. Ohne an der grundrealistischen Darstellungsweise zu drehen, wird aus einer Frau, an der sich Cyril im Wartezimmer einer Arztpraxis festklammert, in das er auf der Verfolgungsjagd vor seinen Betreuern geraten ist, seine neue Pflegemutter. Die Mutter-Kind-Beziehung, die sich daraus schleppend entwickelt, hat etwas sehr märchenhaftes, weil die Dardennes jegliche Hintergrundinformation über Samantha (Cécile de France) vorenthalten. Sie ist einfach da; auf Cyrils Frage, warum sie eingewilligt hat, seine Pflegemutter zu werden, sagt sie schlicht ‚Weil du mich gefragt hast‘, als ob es das Selbstverständlichste dieser Welt sei, ein fremdes Kind aufzunehmen. Ihre Unaufgeregtheit stärkt den Eindruck der Grenzüberschreitung, die da passiert.

Das klingt jetzt romantisch, ist es aber gar nicht. Cyril mutiert nicht zum dankbaren kleinen Helfer, der im Null komma Nix die Nähe einer Fremden zulässt, sich in ihre tröstenden Arme wirft, und vom Einzelteil zum Vorzeigesohn wird. Er kaut an der Zurückweisung durch seinen Vater und läuft Gefahr, in einem halbstarken Siedlungsproleten und Co-Ex-Heimbewohner eine Ersatzfigur zu suchen.

Einzelteile

In ‚Lornas Schweigen‘ waren es Drogen und Zweckehen, durch die die Ökonomie zwischenmenschlicher Beziehungen zum Ausdruck gebracht wurde. Hier ist es die ökonomische Notwendigkeit von Eltern, die einen im besten Fall noch gern haben. Das Psychologie-Studium des Regisseurs lässt grüßen. Dass sie davon abgelassen haben, eine Hintergrundgeschichte zu Samantha zu bauen, ist gut, der Eindruck einer Ersatzhandlung der Frau würde den Film grundlegend verändern. So ist sie rund in ihrer Rolle der guten, gerechten Frau, die das Vakuum des mutterlosen Kindes füllt, als wüsste sie irgendwie, dass ihr das gelingen wird, und auch, dass irgendjemand das machen muss.

Grundmoralisch wie eh und je präsentieren die Dardennes in ‚Der Junge mit dem Fahrrad‘ die Realität; diesmal sogar mit etwas klassisches Musik im Soundtrack. Ihrem Werksverlauf treu kommen sie trotzdem ohne Klischees und schwarz-weißer Dichotomie aus – aber dieses jüngste Werk ist erstaunlich wenig dunkel.

Maxi Lengger

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