Wien – Leben

(c) An-d Wikipedia
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Urban Knitting – Stricken im öffentlichen Raum

6. März 2012 • Leben

Seit 2011 gibt es auch in Wien eine florierende Szene von StrickerInnen, die sich dem ewigen Klischee entgegenstellen wollen und sich stattdessen als emanzipierte Kunst im öffentlichen Raum sehen.

Stricken: Oft abgetan als Hobby für Großmütter und Biedermeier Aficionados aller Art, doch die Strickkunst hat sich längst ihres angestaubten Images entledigt und ist hip geworden – mehr noch, sie ist urban geworden. Guerilla Knitting, Urban Knitting, Yarn bombing oder gestricktes Graffiti, das urbane Stricken hat viele Namen, doch ein Ziel: die Stadt zu einem schöneren, bunteren Ort zu machen, so auch Wien.

Urban Knitting ist eine Form von Street Art, welche durch Stricken im öffentlichen Raum seit Jahren Aufmerksamkeit erregt. Dabei sind die bunten Knoten in Form sowie Art und Weise ihrer Machart so mannigfaltig, dass keine urbane Fläche mehr vor ihnen sicher ist. Seit 2005 hat es das Strickfieber von den U.S.A. ausgehend bis nach Europa geschafft und sogar Wien damit infiziert. Nichts ist vor den bunten Maschen sicher: Bäume, Geländer, Türklinken, sogar Autos werden von Wolle und Garn umhüllt.

"Wir streiken nicht, wir stricken!"

Es ist fast genau ein Jahr her, da jährte sich zum hundertsten Mal der Welt-Frauentag, und, um ein Zeichen für die Gleichberechtigung zu setzen, fanden sich eine Hand voll Garn-Aktivistinnen zusammen, um sich mit Wolle und Faden bewaffnet aktiv und im öffentlichen Raum Gehör zu verschaffen. Strickende Guerilla KünstlerInnen zeigten, wie man mit einem vornehmlich traditionell weiblich konnotierten Handwerk Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum erzeugt, und dabei auch noch den urbanen Alltag verschönert. Gleichberechtigung durch Stricken, ein wunderbar ironischer, frischer Ansatz – doch das sahen leider nicht alle so, denn gleich, nachdem die Demonstration beendet war, wurden die teilweise aufwändig gestalteten Kunstwerke von der Stadtreinigung entfernt und zerstört. Eine Entschädigung oder Entschuldigung gab es nie.

Ein weiterer Grund-Tenor, der durch die Maschen immer wieder durchblitzt, ist natürlich die Debatte rund um das Thema des öffentlichen Raums. Was ist dieser öffentliche Raum und vor allem: Wem gehört er? Und haben wir nicht alle das Recht, uns diesen zurückzuerobern? Eine Gruppe, welche sich diesem Credo in Wien verschrieben hat, ist die der "Strickistinnen". Ihre oberste Prämisse lautet, durch ihre Aktionen politische Missstände aufzuzeigen, zu überraschen und vor allem eine hauptsächlich weiblich konnotierte Tätigkeit wie das Stricken in den öffentlichen Raum zu verorten, denn: „Abwarten hilft nicht, also stricken wir, ein an und gegen.“



"Wir stricken, um zu bleiben."

Ein grundlegendes Problem haben die Wollkunstwerke dann aber doch: Wo Graffitis nur sehr mühsam entfernt werden und deshalb oft über einen längeren Zeitraum bewundert werden können, bevor sie der MA48 zum Opfer fallen, verhält es sich bei den Strick-Graffitis doch etwas anders. Ein kleiner Scherenschnitt reicht, und das in stundenlanger Arbeit mühevoll gestrickte Kunstwerk ist nichts weiter als ein Haufen Wollfäden.

Wer sich dennoch dafür begeistern kann, dem oder der sei der anstehende Workshop der „Strickistinnen“ ans Herz gelegt. Am 17. März laden die Künstlerinnen zum gemeinsamen Stricken. Dabei soll den TeilnehmerInnen vor allem ein Einblick in die Street Art und das Guerilla Knitting gegeben werden. Man ist aber auch dazu eingeladen, selbst zu den Nadeln zu greifen – und vielleicht ist dies der Startschuss für eine Guerilla Knitting-Karriere. Einziges Manko: Der Workshop findet in Hall in Tirol statt. Wer sich aber auf dem Laufenden halten will, dem sei hier geholfen.

(c) Bilder: strickistinnen.blogspot.com

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