Wien – Leben

Facebook Frau Ott

Frau Ott, ab in den Urlaub!

30. Juni 2013 • Leben

Von den Schwedenbomben über den Taksim-Platz direkt in die Neustiftgasse. Das virtuelle soziale Engagement kennt anscheinend keine Grenzen. Nichts, das nicht gepostet, geliked und geshared wird. Doch abseits der Tatsache, dass ein „Like“ schnell geklickt ist, eine Leberkässemmel zu kaufen aber weit mehr Aufwand erfordert, steckt in der ganzen begeisterungsschwangeren Rettungswut auch eine ordentliche Portion Ironie. Aber klären wir zunächst, was eine 86-Jährige Frau mit all dem zu tun hat.

Greißlerei, die

Eine Greißlerei ist per Definition ein kleiner Gemischtwarenladen, der Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs vertreibt. Hinzu kommen meist frisch zubereitete Snacks wie Wurstsemmeln, Leberkäse oder auch Süßspeisen wie Strudel oder Kipferl. Der Charme eines solchen Ladens besteht weniger in der großen Produktvielfalt als vielmehr in der praktischen Nähe zum Wohnort, kombiniert mit der oft schrullig-grantigen Persönlichkeit des Greißlers oder der Greißlerin, wie die BetreiberInnen üblicherweise genannt werden. So weit zur Einführung für all jene, die die Zeit der Greißlereien nicht mehr miterleben durften.

Frau Ott

Frau Renée Ott ist nun eine der letzten ihrer Art und gleichzeitig eine der wohl alteingesessensten dieser Zunft. Die rüstige Dame ist 86 Jahre alt und betreibt den Laden „Feinkost Ott“ mittlerweile seit über 50 Jahren in der Neustiftgasse 58. Mit Motivation und sichtlichem Stolz preist sie ihre Spezialität an: deftigen Pferdeleberkäse. Frau Ott kennt keinen Ruhestand. Und auch keine Ruhezeiten. Denn ihr Feinkostladen hat, aufgrund der zwei Konzessionen die sie besitzt, wochentags von 5:30 bis 20:00 geöffnet, sonntags sogar ab 4:30. Doch der Fleiß scheint nicht belohnt zu werden, denn nun bedroht ein Baugerüst den ohnehin kargen Umsatz und damit eine der letzten liebenswerten Greißlereien. So weit jedenfalls die Informationen der Facebook-Seite.

Alt, neu oder doch NEO?

Zwei junge Damen, die im Büro gegenüber der Greißlerei arbeiten, haben sich heldinnenhaft des Schicksals der alten Dame angenommen, eine Facebook-Seite eingerichtet und nun sogar ein Transparent drucken lassen. „Sehr löblich“ dachten sich Tausende und haben „gefällt mir“ angeklickt. Das dachte ich mir ebenfalls – bis mir ein weiterer Gedanke kam: Abseits meines Bedauerns über das Greißlersterben, dem Wunsch, dieser netten Dame nicht ihre Existenz zu rauben und dem Gusto auf ein ordentliches Stück Fury mit Senf und Gurkerl fragte ich mich, ob es sonst keinen wundert, dass eine Dame mit 86 Jahren noch jeden Tag arbeitet? Ohne Urlaub, ohne Pause und zwar mit Arbeitszeiten, die zu ändern ihre Generation jahrzehntelang gekämpft hatte? Als ich jedoch lese, dass die zwei netten Damen nicht einfach Wurstsemmelbegeisterte, sondern die Spitzenkandidatinnen der Partei „Neos“ sind (eine neue liberale Partei in Österreich), werden die Umstände nachvollziehbarer.

Ironie, ick hör dir trapsen

Dass Beate Meinl-Reisinger und Claudia Gamon nicht wirklich um die lieb gewonnene Greißlerei trauern würden, will ja keiner abstreiten. Auch dass Frau Ott ihren Beruf gerne ausübt, glauben wir alle gerne. Aber eine 86-jährige Frau, deren Wochenarbeitszeit mehr als dem Doppelten eines Vollzeitjobs (über 100 Stunden!) entspricht und die selbst in Zusammenhang mit ihrer langen Berufstätigkeit sagt, ihre Pension sei nun mal sehr klein, als beispielgebend für hohe Arbeitsmotivation und Aktivität im Alter zu sehen, ist doch relativ gewagt.
Zumal die Ironie hier erst so wirklich beginnt. Der Zusammenhang zwischen immer größerer Liberalisierung und dem Niedergang der vielen Frau Otts ist nahe liegend. Das Baugerüst ist nicht der Grund für das Greißlersterben – auch wenn in Wien in den letzten Jahrzehnten sicher viel gebaut wurde. Und auch all jene, die Autorin eingeschlossen, die nun wehmütig die Greißlereien zurückwünschen, sollten sich einer Sache bewusst werden: Wir leben in einer Zeit, in der man zum Shoppen nicht einmal mehr die Wohnung verlassen muss und im Internet alle Angebote der riesigen Supermarktketten vergleichen kann. Für uns ist es normal, um 20:00 den Abend noch ein bisschen mit Abverkaufs-Shopping beim Moderiesen um die Ecke ausklingen zu lassen. Oder um Mitternacht noch ein kleiner geeister Vanille-Latte gefällig? Man kann sogar mancherorts nach 21:00 bei der Post sein Zalando-Paket abholen.

Renée Ott aufs Kreuzfahrtschiff!

Ich möchte hier nicht dazu aufrufen, Frau Ott zu boykottieren. Ganz im Gegenteil – gehet hin und kaufet, anstatt nur „like“ zu klicken! Aber eigentlich wünsche ich mir für rüstige Damen, die noch so fit sind, dass sie über 100 Stunden die Woche arbeiten können, dass sie sich ihre hoffentlich dafür ausreichende Pension schnappen und es sich gut gehen lassen. Viel besser gefiele mir eine Frau Ott mit einem Cocktail in der Hand auf einem Kreuzfahrtschiff! Oder im Bademantel von der Schlammpackung kommend, mit einem hartnäckigen Kurschatten im Nacken, der erst jugendliche 75 Jahre alt ist und ihr das Handtuch nachträgt.

Aber so lange das meine Vorstellung bleibt, kann ich wohl nur Pferdeleberkäse bei einer tapferen alten Dame kaufen und versuchen, mich nicht über die Ironie dieser Zeit zu ärgern.

Foto (c) Facebook Frau Ott

Nadja Pospisil

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