Brausen gehen im Tröpferlbad

Tröpferlbad (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

Wellness im 18. Bezirk

Wellness auf Wienerisch – das geht in den Tröpferlbädern der Stadt, wo es nicht nur ums Duschen ante portas geht, sondern auch ums Tratschen und Gesellig sein. Ein Bericht.

 

Bitte wo warst du?

Eine Bekannte erzählte mir letztens, Sie sei im Tröpferlbad gewesen. Was das sein soll? Wikipedia sagt, dass es sich hierbei ursprünglich um eine öffentliche Badeanstalt mit Dusch-oder Wannenbädern handelt, die vor allem den Unterschichten die Möglichkeit zu regelmäßiger Körperpflege bieten sollte. Ein ausgelagertes Badezimmer also. Nun gut, aber was ist es heute? Zeit, dem auf den Grund zu gehen!

Tröpferlbad Bad (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl
Tröpferlbad Bad (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

Duschen ante portas

Tatsächlich ist die Ursprungsfunktion auch nach wie vor ein Beweggrund, sich ins Tröpferlbad zu begeben, wenn auch nur ein kleiner. Es soll nämlich wirklich noch Wohnungen ohne Dusch- oder Bademöglichkeit in Wien geben. Auch wenn etwa saniert wird, kommt der ein oder andere gerne auf die öffentliche Einrichtung zurück.

Tröpferlbad Duschschild (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl
Tröpferlbad Duschschild (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

Aufgerüstet

Aber samma si ehrlich, in Wirklichkeit ist das Tröpferlbad Wellnessen auf Wienerisch. Denn zu den Duschen gesellten sich im Lauf der Zeit auch Saunen dazu, was aus dem Gesamtpaket eine Art Spa im Retro-Look mit dem Charme eines Wiener Magistrats macht. Mein Besuch im Währinger Bad, einem der fünf Tröpferlbäder in ganz Wien, fiel auf einen Damentag. Ok, es war eine bewusste Entscheidung, mich dem Anblick von männlichen Nackabatzis zu entziehen. No offence, aber mir persönlich gefällt das weibliche Geschlecht nackt besser.

Tröpferlbad Waschraum (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl
Tröpferlbad Waschraum (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

Achtung: Hinweisschild

Und dennoch: die Erfahrung war skurril. Das hat schon damit begonnen, dass dies der erste Artikel war, für den ich mich meiner Kleidung entledigen musste. Der Besuch bedurfte außerdem einer offiziellen Genehmigung, die Räumlichkeiten – selbstverständlich ohne Nackerte – zu fotografieren; wir sind ja im Bürokratie-verliebten Österreich. Das haben auch die üppig verteilten Hinweisschilder bestätigt. Glassachen dürfen nicht verwendet und Liegen nicht mit Badetüchern reserviert werden; das Gerät beim Eingang verschafft dir eine „Super Fuss Massage“, in Raum 25 kann das Gewicht geprüft werden und mein Favorit: beim Dampfbad „Kalt duschen – fit und unternehmenslustig / Warm duschen – wohlig entspannt“

Tröpferlbad Superfussmassage (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl
Tröpferlbad Superfussmassage (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

Wiener Grant: du kommst hier nicht rein

Untermalt wird das mit den jetzt schon fast wieder trendigen Retro-Fliesen in Senfgelb mit Sonnenblumendekor, Föhn wie aus Omas Zeiten und einer illustren Damenrunde. Nägelschneidend saß Madame Gerti (bestimmt hieß sie so) am Fußwaschbecken um sich mit Freundin Trude über die letzte Männerbekanntschaft zu unterhalten, während Gitti, Suse und Annemarie in der Sauna verschwanden mit Geschichten über Krankheit XY. Dass ich offensichtlicher Außenseiter war, konnte man auch durch den Dampf des Dampfbades sehen. Doch kein falsches Urteil, alle waren wirklich äußerst freundlich zu mir. Und damit ist es mir wohl gelungen einen Ort in Wien zu finden, wo der Grant vor der Türe gelassen wird.

Tröpferlbad Sauna (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl
Tröpferlbad Sauna (c) STADTBEKANNT Wetter-Nohl

STADTBEKANNT meint

Der Besuch im Tröpferlbad gleicht heute mehr einem Kaffeekränzchen als der Notwendigkeit hygienischer Körperpflege. Aufgerüstet mit Sauna und Co. wird das Volksbad zum Wiener Spa – Magistratscharme inklusive. Wie schön, dass es solche urtypischen Institutionen gibt. Ein Ort zur heimatlichen Identifikationsfindung in entspannter Atmosphäre!

Kommentieren

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

STADTBEKANNT Newsletter

Holler Box