Spazieren im neuen Stil

Wenn man immer nur rechts abbiegt, kommt man dann vom rechten Weg ab, oder dreht man sich einfach nur im Kreis? Wir haben es ausprobiert und uns auf den wohl rechtsten STADTBEKANNT-Stadtspaziergang aller Zeiten begeben.

Passend zur vielerorts als „geil“ empfundenen politischen Richtungsänderung Österreichs wagen wir einen Streifzug durch die Geschichte unserer Stadt. Wien hat viel gesehen im Laufe der Jahrhunderte, und eine bewegte Vergangenheit schreibt ebenso Heldengeschichten, wie sie unrühmliche Geschichten und tiefe Narben hinterlässt. Die meisten dieser Narben entstanden zwischen 1938 und 1945, und viele sind noch immer nicht ganz verheilt. Wir besuchen Schauplätze, an denen rechtsextreme Gesinnung einst und jetzt fröhliche Urständ‘ feiert(e) – und biegen aus diesem Grund immer nur rechts ab …

Erzherzog Karl Reiterdenkmal Heldenplatz Wien (c) STADTBEKANNT
Erzherzog Karl Reiterdenkmal Heldenplatz Wien (c) STADTBEKANNT

Heldenplatz

Wir starten unsere Tour – wo sonst – am Wiener Heldenplatz. Diesen Namen erhielt der Platz 1878, inspiriert von den prominent platzierten Reiterdenkmälern Prinz Eugens und Erzherzog Karls. Am 15. März 1938 stand Adolf Hitler am Balkon der Neuen Burg, um den Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich bekanntzugeben. Der Jubel war groß. Erst viel später sollte wieder so gejubelt werden – und zwar 1955, als Nachkriegskanzler Figl auf einem anderen Balkon (dem des Belvedere) mit den Worten „Österreich ist frei!“ Österreichs Unabhängigkeit ausrief. In der Zwischenzeit hatte der halbe Globus gebrannt, und Millionen Menschen waren ermordet oder sonstwie getötet worden.

Allerdings haben all diese Gräuel nicht ausgereicht, um die dazugehörige völkische Ideologie auf den Friedhof der Geschichtsirrungen zu bringen: Heute, 2017, erlebt der Deutschnationalismus – ähnlich wie die schirchste 80er-Mode – ein Revival. Kurioserweise vor allem in hohen, verantwortungsvollen Ämtern. Dem Großteil der Österreicher ist es ebenso wurscht wie damals. Solang die Ausländer eins auf den Deckel kriegen, wir einen Parade-Schwiegersohn unseren Kanzler nennen dürfen und das Bier kalt ist, ist alles gut. Oder?

Ring Adlertor (c) STADTBEKANNT
Ring Adlertor (c) STADTBEKANNT

Aber nun zu etwas komplett anderem: Der heimische Dichter Thomas Bernhard hat dem Heldenplatz ein eigenes gleichnamiges Theaterstück gewidmet, in dem er das Land brachial aber ehrlich mit seiner dunkelbraunen Vergangenheit konfrontiert. Premiere feierte das umstrittene Werk 1988 im Burgtheater – und die Wellen, die es schlug, waren gewaltig. Jetzt aber schnell weiter! Wir biegen rechts ab und verlassen den Platz, indem wir zwei große Steinadler im lupenreinsten Faschisten-Stil passieren, den Wien architektonisch zu bieten hat.

 

Parlament

Wir biegen plangemäß nochmals rechts ab und gehen den Ring entlang bis zum Parlamentsgebäude. Das erste seiner Art wurde 1861 billig als Provisorium erbaut und von den Wienern im Schmäh als „Schmerlingtheater“ (nach dem Ministerpräsidenten Schmerling) oder „Bretterbude“ bezeichnet. Erst 1874 begann man mit dem Bau der heutigen Version.

Der weisen Pallas Athene muss es in der Seele wehgetan haben, als in den 1930ern zunächst Austrofaschisten und schließlich Beamte des NS-Regimes das Parlament in Beschlag nahmen. Nicht einmal der Name der Nazis für das Gebäude war originell. Sie nannten es schlicht „Gauhaus“ und verwendeten es für außerparlamentarische Zwecke. Gegen Kriegsende bekam das Parlament einiges an Bomben ab und musste komplettsaniert werden.

Parlament (c) STADTBEKANNT
Parlament (c) STADTBEKANNT

Burgtheater

Der rechten Ausrichtung treu bleibend marschieren wir weiter, um nach wenigen hundert Metern zu unserer Rechten das Burgtheater zu passieren, auf dessen Spielplan das NS-Regime in den 1930ern und 1940ern großen Einfluss genommen hat: Antisemitische Motive und Interpretationen fanden Niederschlag in vielen Stücken, jüdische Schauspieler wurden entlassen oder verhaftet. Während Kunst im Laufe der Geschichte oft zum politischen Protest genutzt wurde, hielt sich der Widerstand im Burgtheater in engen Grenzen und beschränkte sich auf einige wenige Personen. Formal gebildet oder kunstsinnig heißt eben nicht immer auch menschenfreundlich oder g’scheit.

Übrigens: Ein einstiger Rottweiler der Innenpolitik – neuerdings gibt er sich als seriöser Koalitionspartner zahm und bebrillt – war auch schon mal im Burgtheater. Treffenderweise sah er sogar die Premiere von Thomas Bernhards Stück Heldenplatz. Und brüllte als empörter Patriot lauthals „BUUUUUUH!“ von der Tribüne. Vergeben wir ihm. Jung war er, und übermütig. Immerhin hat er noch Paintball und Verkleiden gespielt damals im 88er Jahr.

Burgtheater (c) STADTBEKANNT
Burgtheater (c) STADTBEKANNT

Rathausplatz

Am gegenüber gelegenen Rathausplatz gehen wir vorbei, bewundern den Christkindlmarkt in seiner vollen Pracht und freuen uns darüber, dass hier noch das Christkind regiert und nicht der Weihnachtsmann. Wobei … der wäre doch „deutscher“, oder? Die neue Regierung befasst sich bereits mit dieser dringlichen Agenda: Eine parlamentarische Anfrage, geleitet von Norbert und seinem Nostalgieverein Marko-Germania zu Pinkafeld hat das Ziel, die „nicht-existente Nation Österreich durch Einführung des Weihnachtsmannes dem deutschen Vaterlande näherzubringen“.

Sozialistische und sozialdemokratische Wiener Genossen erinnern sich übrigens mit Schaudern an die Jahre unter der NS-Herrschaft – und das nicht nur wegen der allgemeinen Grauslichkeiten, sondern auch, weil in dieser Zeit die traditionelle Abschlusskundgebung im Zuge des Maiaufmarsches am 1.Mai nicht stattfinden durfte.

Christkindlmarkt - Rathausplatz (c) STADTBEKANNT
Christkindlmarkt – Rathausplatz (c) STADTBEKANNT

Hauptuniversität

Nun an unserer Seite befindet sich die Wiener Hauptuniversität, die älteste und größte Universität im ganzen deutschsprachigen Raum. Die NS-Dikatur zeigte sich hier in Form von Gleichschaltung der Lehre und Gewaltakten gegen jüdische Studierende und Lehrende von ihrer hässlichsten Seite. Der Widerstand unter den Lehrenden gegen die um sich greifende Gewalt war hingegen spärlich, aktiver zeigten sich da schon die Studenten des „Roten Studentenverbandes“, der sich bereits 1934 gegen die Nationalsozialisten engagierte, was vonseiten des Regimes mit aller Härte bestraft wurde. Sogar Todesurteile gab es.

Universität Wien (c) STADTBEKANNT
Universität Wien (c) STADTBEKANNT

Judenplatz

Weiter geht es anschließend den Ring entlang, bis wir endlich wieder rechts abbiegen dürfen. Die Wipplingerstraße führt uns über die Fütterergasse zum Judenplatz: Dort erinnert ein Mahnmal an die 65.000 österreichisch-jüdischen Opfer der Shoah. Zurückgehend auf eine Initiative von Simon Wiesenthal wurde das Mahnmal im Jahr 2000 nach dem Entwurf einer britischen Künstlerin installiert. Die abgebildeten Regale zeigen eine scheinbar endlos Anzahl des immer selben Buches, was die ebenso unzählbare Menge der Opfer symbolisieren soll.

Mahnmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT
Mahnmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT

Dass es in Österreich immer noch Leute gibt, die statt der Opfer lieber der abgeschossenen NS-Fliegerasse, der rechten Ideologen oder der heldenhaft für Volk und Führer gefallenen Soldaten gedenken, stimmt da etwas nachdenklich. Aber auch grantig. Noch 2017 tummeln sich am Zentralfriedhof Burschenschafter, Kameradschaftsbündler und andere dubiose Gestalten, um in Ruhe der Hitlertreue zu gedenken oder eben hübsch bunt angezogen Finger- und Handgymnastik zu betreiben. Und nein, das sind keine aus der Psychiatrie Entlaufenen und auch keine Nazi-Reenactment-Schauspieler. Das sind teils Personen auf der Gehaltsliste von Vater Staat.

Mit dieser zugegebenermaßen beängstigenden Schlussbemerkung beenden wir die rechte Tour durch Wien. Irgendwann wird einem ja auch schwindlig und übel von der ständigen Rechtsabbiegerei, der unser Norbert übrigens – zumindest bei roter Ampel – erleichtern will.

Das nächstes Mal schlagen wir die linke Richtung ein!

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