Wien – Leben

Pornokino Gürtel (c) STADTBEKANNT Mallmann
Pornokino Gürtel (c) STADTBEKANNT Mallmann

Stöhnende Cineasten gesucht

17. Mai 2015 • Leben, Wien1 Kommentar zu Stöhnende Cineasten gesucht

In Wien stirbt seit zwei Jahrzehnten ein Kulturgut

Wiens Pornokinos liegen im Sterben. Nur vereinzelt versucht man, an der schmuddeligen Tradition festzuhalten oder sie neu zu erfinden.

 

Leinwandgroße Nahaufnahmen

In den 70er Jahren waren Wiens Pornokinos beliebtes Ausflugsziel für Jung und Alt. Hier sahen jugendliche Cliquen beiderlei Geschlechts kichernd und aufgedreht erstmals Geschlechtsorgane in leinwandgroßer Nahaufnahme. Wer Pech hatte, traf im Kinosaal auf ehemalige Lehrer oder andere Bekannte, was die schamhafte Erregung nur umso mehr beflügelte. Ein legendäres Relikt aus dieser Zeit ist das Währinger Gürtel Kino in der Schulgasse 1. Hier wird die Tradition der stöhnenden Hauptdarsteller und benutzten Taschentücher noch hochgehalten. Ob sich der Betrieb noch lange halten kann, ist auf Grund bescheidener Besucherzahlen aber sehr fraglich.

 

Vom Raucher- zum Pornokinos

Das wohl berühmteste Wiener Pornokino befand sich bis 1991 in der Riemergasse 11 im 1. Bezirk. Das Rondell oder schlicht „Rondl“ existierte seit den 50er Jahren und war zunächst dafür bekannt, Wiens erstes Raucherkino zu sein. Mit der sexuellen Freizügigkeit der späten 60er und vor allem 70er Jahre verirrten sich dann zunehmend erotische und pornografische Filme ins Kinoprogramm. Neben dem Kino entstand eine Bar mit „Oben-ohne-Service ab 27 Schilling“ und das verrauchteste Kino Wiens wurde zugleich zum verruchtesten. Einen Besitzerwechsel später und im Angesicht der 90er musste das Rondell schließen. Nach sieben Jahren Leerstand und einer Hausbesetzung eröffnete an gleicher Stelle der Jazz-Club Porgy&Bess, der bis heute besteht.

 

Das Ende einer Ära

Der Niedergang der Pornokinos kam zufälligerweise mit dem Fall der Sowjetunion. Zwar gab es Anfang der 90er noch einen kurzen Aufschwung, aber es dauerte nicht allzu lange, bis auch die einstigen Bewohner des Ostblocks auf VHS-Videokassetten zurückgriffen. Das Internet war dann Ende der 90er nur noch der finale Todesstoß für die einst gefüllten Kinosäle. Mit der Gewissheit, dass die gröbsten Perversionen nur einen Mausklick weiter zu haben sind, war niemand mehr an den düsteren und miefigen Kinosälen interessiert.

 

Sterile Triebabfuhr

In der belebten Mariahilfer Straße befindet sich einer der wenigen Versuche, das Pornokino den Erfordernissen des post-youporn-Zeitalters anzupassen. Nur mäßig versteckt befindet sich im Sexshop Spartacus Wiens erstes 3D-Pornokino. Die Cineplexx-Variante des Schmuddelkinos preist die technologischen Errungenschaften, die es seinen Besuchern bietet, mehr an, als sein eigentliches Kinoprogramm. Der Besucher betritt den Kinosaal bzw. – wenn er es lieber etwas zurückgezogen mag – die Kinokabinen durch Drehschleusen, die man aus Schwimmbädern kennt. Auch die weitere Ausstattung hält einiges bereit, was man sonst aus dem Sanitärbereich kennt: Saftautomat, Stehtische und Topfpflanzen. Hier ist wirklich kein abgenutzter Ekelcharme mehr übrig, sondern einzig saubere Triebabfuhr möglich.

 

Ein Wiener Kulturgut liegt im Sterben. Es ist eine Schande, dass man die traditionsreichen Filmpaläste der besonderen Art nicht vor ihrer technischen Überholung bewahrt hat, sondern dem stetigen Pornokinosterben über Jahre tatenlos zusah. Hier ist Intervention angesagt. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich die Politik der Rettung dieser Institutionen verschreibt.

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  1. michael p. sagt:

    Es gibt ja noch die beiden Kino Labyrintn in Wien 10 und Wien 20, dort findet man alles im Stil einer Erlebniswelt, ähnlich einem Swingerclub, Eintritt ab 18 Jahre!

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