Wien – Grätzltipps – 3. Landstraße

Der Platz der Opfer der Deportation (c) STADTBEKANNT Mallmann
Der Platz der Opfer der Deportation (c) STADTBEKANNT Mallmann

Der Platz der Opfer der Deportation

17. Februar 2016 • 3. Landstraße, Denkmäler & Kunstobjekte

Der Aspangbahnhof

Im 3. Bezirk liegt, eingequetscht zwischen Rennweg und S-Bahn-Trasse, der Platz der Opfer der Deportation. Ein kleiner, unscheinbarer Platz, spärlich begrünt, mit ein paar standardisierten Spielgeräten für die Kleinen. Vor wenigen Jahren war hier noch Brachland und vor einigen Jahrzehnten wurden hier Wiener Juden zusammengetrieben, in Züge gepfercht und Richtung Osten abtransportiert.

 

Der vergessene Deportationsbahnhof

Hier, im Schatten von charakterlosen Neubauten und am Hinterausgang der ehemaligen Niemetz, nun aber Heidi Chocolate Schwedenbomben-Manufaktur stand bis 1977 der Aspangbahnhof. Ein beliebter Ausgangspunkt für Wochenendausflüge aller Art, der von 1939 bis 1942 als zentraler Deportationsbahnhof für die jüdischen Bürger Wiens fungierte. 47 Transporte rollten hier, mitten in der Stadt und unter den wachsamen Augen der Anrainer gen Konzentrations- und Vernichtungslager. Mehr als 50.000 Juden mussten hier die Züge besteigen.

Der Platz der Opfer der Deportation Gedenktafel (c)

Der Platz der Opfer der Deportation Gedenktafel (c) STADTBEKANNT

Österreichische Gedenkpolitik

Heute erinnert nur mehr eine kleine Steintafel an die mörderische Vergangenheit dieses Orts. Dieser wurde in den 80ern nach längerem Hin und Her hier niedergelegt, um das kaum geforderte Gewissen schwer aber doch erleichternd im staubigen Erdreich zu versenken. Davon weiß freilich der einsame Trinker nichts, der heute auf einer Bank sein Ottakringer schlürft, während die S-Bahn die werktätigen Massen von A nach B befördert. Und auch die Anwohner des Passivhaus Wohnpark Lissagasse werden kaum realisieren, wo sie da ihre Hunde ausführen und wessen Schicksale an dieser Stelle besiegelt wurde.

 

Die Schwedenbombenproduktion

Nur die Schwedenbomben scheinen von der Vergangenheit noch übrig. Sie wurden seit den 30ern am Platz produziert und den österreichischen Kindern gereicht, die hier nicht die Züge besteigen mussten. Bis Ende 2015 war hier noch das „Haus der Schwedenbombe“ zu finden, wo die Traditionssüßigkeit gekauft werden konnte. Es ist eine Schande, dass das Haus zum Abriss freigegeben wurde.

Anders als an den Juden hängen die Österreicher nämlich seit den 30er Jahren sehr an ihren Schwedenbomben. Als 2012 ein Ende der Schwedenbombenproduktion aus wirtschaftlichem Versagen der Konzernleitung vorausgesagt wurde, lief die nationale Presse Sturm und eine Facebook-Aktion rettete die Produktion der Schwedenbomben. Eine Ehre, die in Österreich traditionsgemäß nicht Menschen sondern Süßspeisen zuteil wird.

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