Sozialer Ausgleich (c) STADTBEKANNT

Der Anlass

Es ist eine zutiefst verstörende Szene. Drei Jugendliche, zwei von ihnen erst 13 Jahre alt, schlagen auf einen am Boden liegenden 15-jährigen ein. Einer der Angreifer filmte die ganze Szenerie mit seinem Handy mit. Das Video gelangte zum Bruder des Opfers, dieser spielte es einer Gratiszeitung zu. Das Opfer hat sich angeblich respektlos über die „Seestadtkinder“ geäußert. Für die drei SchülerInnen (ein Mädchen, zwei Buben) scheinbar Grund genug ein Exempel zu statuieren.

Rein subjektiv könnte man das Gefühl bekommen, das sich derartiges jugendliches Fehlverhalten in den letzten Jahren gehäuft hat, weil immer öfter das Smartphone Zeuge solcher Übergriffe wird. Das erhöht die Sichtbarkeit dieser Taten und befeuert natürlich die öffentliche Debatte. Derartige Videos gelten scheinbar als Trophäe und sollen das Opfer auch nach der Tat noch demütigen. Erst Mitte Mai erregte ein Videomitschnitt Aufsehen. Damals wurde ein HTL Lehrer derart von seinen SchülerInnen provoziert das der Konflikt eskalierte.

Absonderung als erstes Mittel der Wahl

Für Dominik Nepp, Landesparteiobmann der Freiheitlichen, ist der Fall klar. Die Hauptschuldigen sind in der Rot/Grünen Stadtregierung zu verorten. Deren Sicherheits- und Integrationsmaßnahmen haben seiner Meinung nach versagt, wie auf der Facebookseite der Wiener FPÖ zu lesen steht. Er fordert deshalb das gewalttätige SchülerInnen vom Unterricht ausgeschlossen werden und in „Besserungszentren entsprechend betreut werden“. Das der jüngste Vorfall sich in nicht in einer Schule, sondern am Rand einer Siedlung in Wien zugetragen hat, ist für Nepp scheinbar zweitrangig.

Die Herangehensweise ganze Menschengruppen, in dem Fall gewaltbereite Schüler, zu zentrieren, zu inhaftieren oder gar zu konzentrieren nimmt im sozial- und integrationspolitischen Konzept der FPÖ eine geradezu herausragende Rolle ein. Wieder einmal gibt die rechtspopulistische Partei auf eine komplexe gesellschaftspolitische Frage, nämlich die, wie wir dem Gewaltpotential oft sozial benachteiligter Jugendlicher entgegentreten, die leichteste Antwort die zu finden ist. Sie einfach separieren. Gewaltbereites Verhalten löst sich aber nicht in Luft auf, nur weil man die TäterInnen in Besserungszentren unterbringt. Mitunter könnte das Aggressivitätspotential der Jugendlichen dort sogar zunehmen, weil sie mit anderen ähnlich problembehafteten Heranwachsenden in Kontakt kommen, deren Gewaltbereitschaft könnte sich gegenseitig aufschaukeln und potenzieren. Fraglich ist ob sich Herr Nepp, der eine sehr hohe Bildung genossen hat, er absolvierte das renommierte Gymnasium in der Billrothstraße und hat immerhin einen Master in politischer Führung, also sicher dazu in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, die Sinnhaftigkeit seines Vorschlages selbst abkauft.

Kopf in den Sand stecken oder wirkliche Lösungen?

Es scheint so als kämen den Verantwortlichen bei den Freiheitlichen derlei Ereignisse ganz gelegen. Sie bespielen die Emotionen der BürgerInnen und das Bedürfnis nach Bestrafung für die Täter. So betroffen und wütend uns hässliche Gewaltexzesse wie in dem eingangs erwähnten Video auch machen, müssen wir versuchen rational zu bleiben auch wenn das manchmal schwer fällt. Wir leben in einer Welt, die im ständigen Wandel begriffen ist. Als junger Mensch seinen Platz in der Gesellschaft zu finden ist nicht so einfach, schon gar nicht, wenn man aus einem sozialen Brennpunkt kommt. Statt Besserungszentren braucht es mehr, wirklich gut ausgebildete LehrerInnen und Weiterbildungsangebote für diese. Es bräuchte an jeder Schule ein professionelles Team an PsychologInnen und SozialpädagogInnen und ein Bekenntnis zu einer heterogenen, offenen Gesellschaft, um dieser Herausforderung zu begegnen. Man müsste einen sozialen Ausgleich und eine gerechtere Gesellschaft mit mehr Chancen für alle anstreben. Wir müssen uns auch fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. In einer die unliebsame Mitglieder absondert und somit den Kopf in den Sand steckt oder in einer die sich diesen Problemen stellt und in der Lösungen verwirklicht werden, die nachhaltig greifen. Derlei Lösungen lassen sich nicht kurzfristig herbeiführen und erfordern mehr Einsatz und Ressourcen als eine Absonderungspolitik ala Dominik Nepp und der FPÖ.

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