12. Oktober 2021

Universitätsstadt Wien

Universität (c) STADTBEKANNT

Ein Spaziergang zu alten und neuen Orten des Wissens

2015 wurde das 650 jährige Jubiläum der Universität Wien gefeiert und so rückte das universitäre Leben von damals und heute wieder einmal mehr ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit.
Die Vergangenheit der vielleicht wichtigsten Bildungsinstitution des Landes wurde dabei nicht unkritisch unter die Lupe genommen, besonders was den langen Ausschluss von weiblichen Studierenden in der Geschichte, die Diskriminierung von Juden und Jüdinnen im Universitätsbetrieb der Vergangenheit sowie die Verstrickungen des Unipersonals in die NS-Geschichte betrifft. So steht fortan vieles im Zeichen der Transformation. Der prächtige im Stile der italienischen Renaissance errichtete Innenhof der Hauptuniversität Wien ist eines der besten Beispiele für diese fortschreitende Transformation, der sich in den letzten Jahren nicht nur zur Wohlfühloase für Studierende und das Lehrpersonal entwickelt hat, sondern auch durch Installationen und (weibliche) Denkmäler die Offenheit beziehungsweise die Geschlossenheit des universitären Systems thematisiert. Unser Spaziergang führt uns nun an wichtige universitäre Institutionen Wiens ohne den Anspruch auf Vollständigkeit.

Universität (c) STADTBEKANNT
Universität (c) STADTBEKANNT

Vom Herzogskolleg zur Hauptuniversität – die Alma Mater und ihre vielen (Instituts)Kinder

Heute hat die Wiener Universität, die auch den schönen Namen Alma Mater Rudolphina Vindobonensis trägt, 60 Standorte in Wien und ist unbestritten die gröꞵte Universität Österreichs.
Sie gilt nach Prag als zweitälteste deutschsprachige Universität, die ihren Anfang als Herzogskolleg mitten in Wien nahm. Besagter Herzog war Rudolf der Stifter, der auch als groꞵer Fälscher im Namen der Habsburgerherrschaft in die Geschichte einging und der 1365 die Wiener Universität gründete, die sich danach lange Zeit gegenüber der Dominikanerbastei befand. Später war an diesem Ort auch das Akademische Gymnasium. das nun nun schon seit langem ein wenig an Hogwarts erinnernd am Beethovenplatz gegenüber des Wiener Konzerthauses steht.
Seit fast 140 Jahren thront die Alma Mater aber nun, erhöht auf einer Rampe und bekrönt von der Geburt der Göttin der Weisheit, am nach langen Diskussionen im Jahre 2012 endlich von Dr. Karl Lueger-Ring in Universitätsring unbenannten Ringabschnitt. Eine Umbenennung in Elise Richter – Ring war angedacht aber wieder verworfen worden, Elise Richter, im Ghetto von Theresienstadt gestorben, war 1905 die erste Frau an der Wiener Universität gewesen, die sich habilitierte – 8 Jahre zuvor erst waren Frauen an der Universität Wien als Studierende zugelassen worden.
Vor ziemlich genau 30 Jahren betrat auch die Verfasserin dieses Textes zum ersten Mal die heiligen Hallen dieser ehrwürdigen Institution des Wissens und verbrachte in der Folge nicht wenige Jahre viele berauschende und auch so manche ernüchternde Stunden in den diversen Hörsälen, die sich zum Teil auch im benachbarten Neuen Institutsgebäude, kurz NIG genannt, mit dem berühmten Pater Noster (Aufzug), am Schlickplatz im neunten Bezirk, später auch am Neuen Universitätscampus im alten AKH sowie direkt in der Hofburg im Michaelertrakt, wo damals noch das Institut für Theaterwissenschaften logierte, befanden.

Uni Campus (c) STADTBEKANNT
Uni Campus – Altes AKH (c) STADTBEKANNT

Vom Gartenpalais Schönborn zum Türkenschanzpark – die grünen Standorte der Universität für Bodenkultur

Vom Hauptgebäude der Alma Mater, die zur Zeit an die 90.000 Studierende an 20 Fakultäten hat, führt uns unser Wissenschaftspfad in zwei oder eigentlich drei Bezirke – zunächst geht es in die Josefstadt zu den Anfängen der Universität für Bodenkultur.
Kurz bevor die Wiener Universität an den Ring zog, wurde im Jahre 1972 die BOKU, wie sie meist genannt wird, als „k.k. Hochschule für Bodencultur“ gegründet und ihre landwirtschaftliche Sektion bald darauf schon im Palais Schönborn eingerichtet. Seit 1917 beherbergt dieses stattdessen das Volkskundemuseum. Bereits 15 Jahre später kam es zur Eröffnung des eindrucksvollen Hauptgebäudes an der Gregor Mendel Straꞵe im 18. bzw. 19. Bezirk direkt an der Türkenschanze. Diese Straꞵe hieß bis 1934 nicht wie der deutsche Botaniker und Naturforscher Mendel, sondern Hochschulstraꞵe, was uns daran erinnert, dass früher die Bezeichnung Hochschule gängig war.
Die Boku wurde besonders stark vom nationalsozialistischen Gedankengut vereinnahmt und bot nach dem Zweiten Weltkrieg ein armseliges Bild, auch was die Anzahl der Studierenden betraf: nur 154 waren es, erfreulicherweise waren aber 34 Prozent davon Frauen. Dieser Anteil sollte bald darauf schon wieder auf ein paar wenige Prozente sinken. Heute ist der Frauenanteil bei 50 Prozent, es gibt jedoch bei den Professuren immer noch ein groꞵes Geschlechtergefälle.
Inge Dirmhirn war die erste Frau, die im Jahre 1981 den Ruf als Professorin an die BOKU erhielt – Vollblutwissenschaftlerin, Institutsleiterin und Pionierin auf dem Gebiet der Strahlungsmessung.
Die Studierenden und Lehrenden der Boku können über eines aber wirklich nicht klagen: ihre wunderbare Lage am 1885 durch die erste Bürger*innenbewegung Wiens geschaffenen Türkenschanzpark. Zudem haben sie vor nicht langer Zeit sogar ein neues, nachhaltiges Hauptgebäude bekommen: das erste universitäre Plus-Energie-Haus an der Peter Jordan-Straꞵe.

WU Campus (c) STADTBEKANNT
WU Campus (c) STADTBEKANNT

Neue Forschung im alten Prater – Wundercampus WU und Sigmund Freud Privatuniversität

Die architektonisch gesehen modernste aller Universitäten Wiens, die Wirtschaftsuniversität, begann ihre Geschichte am 1. Oktober 1898 im alten Palais Festetics und zwar als „k. k. Exportakademie“ – eine höhere Lehranstalt ganz neuer Art, die eine umfassende Ausbildung für den Außenhandel bot. Neben kaufmännischen Fächern und Warenkunde wurden dort Fremdsprachen, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsgeografie, öffentliches Recht und Privatrecht gelehrt.
Ab 1919 wurde sie zur „Hochschule für Welthandel“ und 1975 schlieꞵlich im Zuge einer Neuorganisation der Universitäten zur „Wirtschaftsuniversität Wien“, die dann ab 1978 gemeinsam mit anderen universitären Einrichtungen über dem Gelände des Frachtenbahnhofs des Franz-Josefs-Bahnhof bis 2013 ihr Zuhause fand. Zwischen Messe und Prater befindet sich seit 2013 auf 90.000 Quadratmetern ein Campus, der über Wien hinaus seinesgleichen sucht. Die magische Mitte bildet das von der leider bereits verstorbenen irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid geplante Library & Learning Center, um das sich 5 Gebäudekomplexe gruppieren.
25.000 Studierende und 1500 Mitarbeiter*innen können am Campus WU arbeiten, studieren, forschen und lehren.
In Fuꞵnähe dazu war 8 Jahre zuvor, im Jahre 2005, endlich die lange fällige Sigmund Freud Privatuniversität errichtet worden. Beschämend lange hat es in Wien gedauert, bis der wohl zu den bekanntesten Persönlichkeiten Wiens gehörende Erfinder der Psychoanalyse Dr. Sigmund Freud auch in Wien Eingang in den Wissenschaftskanon kam. An vielen Orten in dieser Welt schien er stets mehr geehrt zu werden als in seiner Heimat, aus der man ihn noch in seinem letzten Lebensjahr vertrieben hatte.
Freud selbst hatte stets von der Psychoanalyse als wissenschaftlicher Disziplin geträumt. Diesen Traum hat er freilich nicht mehr erlebt. Dass sich die Universität in der Leopoldstadt befindet, zollt vielleicht auch der Tatsache Ehre, dass der aus Mähren stammende Sigmund Freud die prägenden Kindheits- und Schuljahre in diesem Bezirk verbrachte, wo sich traditionellerweise auch die jüdische Gemeinde angesiedelt hatte. Es bleibt aber fraglich, ob die Adresse Freudplatz 1 dieser gröꞵten Privatuniversität des Landes ebenso in aller Welt berühmt wird wie die Berggasse 19.

Akademie der Bildenden Künste (c) STADTBEKANNT
Akademie der Bildenden Künste (c) STADTBEKANNT

Strudlhof, Schillerplatz, und Co – Wo die Künste gelehrt werden

Am oberen Ende der Strudlhofstiege befand sich einst ab 1692 die Privatakademie des Hofkammermalers Peter Strudel nach dem Vorbild der Accademia di San Luca gegründet, wofür er Räume in dem von ihm erbauten Strudelhof zur Verfügung stellte. Die von Kaiser Joseph I. geförderte Akademie wurde im Jahre 1705 in ein kaiserliches Institut umgewandelt. Der zu dieser Zeit einsetzende Bauboom in Wien (Stichwort Barock) erklärt sich nicht zuletzt durch die nun endlich geschaffene heimische Ausbildungsstätte für bildende Künstler. Seit dem Sommer 2021 erstrahlt nun endlich das vom groꞵen Ringstraꞵenarchitekten Theophil Hansen geplante Universitätsgebäude am Schillerplatz, wo die Akademie der Bildenden Künste, in die die verschiedensten Kunstlehranstalten eingegliedert wurden, seit 1877 logiert in neuem Glanze. Ein Stück weiter am Ring entlang betreten wir die in den 1870ern gegründete Kunstgewerbeschule, wo Gustav Klimt und Vally Wieselthier lernten und Protagonisten der Wiener Werkstätte wie Josef Hofmann und Kolo Moser unterrichteten.
Die „Angewandte“ wie die Universität für Angewandte Kunst kurz genannt wird, ist an das Museum für Angewandte Kunst, in den 1860ern als das erste Nicht-Habsburger-Museum errichtet,angegliedert, hat aber darüber quer durch die Stadt die unterschiedlichsten Exposituren wie zum Beispiel jene am Salzgries, wo sich das Gender Art Lab befindet ebenso wie eine Universitätsgalerie im Heiligenkreuzerhof neben der Bernarduskapelle.

Und so sind wir nun wieder beinahe am Startpunkt unseres Spaziergangs angekommen, wo vor über 650 Jahren die Wissenschaft in Wien ihren ersten offiziellen Ort hatte. Selten aber doch geht das universitäre Leben auch unter weiblicher Leitung weiter, wie in der gröꞵten Musikuniversität der Welt, der am ehemaligen Wiener Neustädter Kanal gelegenen Universität für Musik und Darstellende Kunst: Ulrike Sych. Und das ist hoffentlich nicht das letzte spannende Kapitel der Universitätsgeschichte in Wien.

 

Elke Papp

Die Stadtverführerin bietet Stadtspaziergänge in vielen Bezirken Wiens zu unterschiedlichen Wissensbereichen an, stets literarisch inspiriert, tiefsinnig und humorvoll zugleich. Mehr Informationen unter www.stadtverfuehrin.at oder per Mail: mail@stadtverführerin.at.

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