Kultur – Ausstellungen

The place to be Ausstellungsdokumentation (c) wulz.cc
The place to be Ausstellungsdokumentation (c) wulz.cc

The Place to Be.

5. Mai 2017 • Ausstellungen, Veranstaltungen

Salons als Orte der Emanzipation

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Zäsur von 1938 prägten jüdische Frauenpersönlichkeiten mit ihren Salons das kulturelle und politische Leben Wiens. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien widmet sich noch bis 14. Oktober 2018 dem Phänomen der Salonièren.

Ein Salon – das war ein Ort, an dem man sich traf. Vor allem Freigeister, Literaten, Kunstschaffende und Aristokraten schätzten die libertäre Atmosphäre des halb-privaten Diskursraumes: so waren etwa Johann Strauß (Sohn), Gustav Klimt oder Arthur Schnitzler stets gerne zu Gast bei Berta Zuckerkandl. Selbige Saloniére war auf Du und Du mit sämtlichen bedeutenden Männern und Frauen ihrer Zeit – und beispielsweise nicht unmaßgeblich an der Gründung der Künstlergemeinschaften „Wiener Secession“ und „Wiener Werkstätte“ beteiligt.

Berta Zuckerkandl (c) IMAGNOpicturedesk.com

Berta Zuckerkandl (c) IMAGNOpicturedesk.com

Ein Freiraum im eigenen Haus

In Wien waren es häufig starke Frauenpersönlichkeiten wie Zuckerkandl, die in ihren Häusern Salons betrieben. Diese Salons ermöglichten es ihnen einerseits, anregende Freundschaften und intellektuelle Bekanntschaften zu pflegen, als auch für sich selbst einen Ermächtigungsraum zu schaffen: denn draußen, im öffentlichen Leben, waren Frauen nach wie vor benachteiligt.

So blieb den jüdischen Salonièren als Einflussbereich vor allem der Salon, in dem sie „Networking“ betrieben, wichtige Leute einander vorstellten und in Beziehungsdingen vermittelten. Von 1780 bis 1938 war der Wiener Salon ein zentraler Ort der Emanzipation bürgerlicher Frauen – und ein Ort, an dem die bürgerlich-kritische Zivilgesellschaft mit ihren kultivierten Umgangsformen und ihrer Gesprächskultur zur Hochblüte fand.

Bibliothekszimmer Berta Zuckerkandl Oppolzergasse Josef Hoffmann (c) Jüdisches Museum Wien

Bibliothekszimmer Berta Zuckerkandl Oppolzergasse Josef Hoffmann (c) Jüdisches Museum Wien

Kultivierte Orte der Politik – politische Orte der Kultur

Die Salons von Fanny von Arnstein, Josephine von Wertheimstein, Berta Zuckerkandl und vielen anderen wurden zu kultivierten Orten der Politik und gleichzeitig zu politischen Orten der Kultur. Bei der Betrachtung der Salons und der dazugehörigen Biographien kommen allerdings auch Widersprüchlichkeiten ans Licht: bei aller Freigeistigkeit und Liberalität im Denken waren die Salonièren nämlich nach wie vor gefangen im Korsett der gesellschaftlichen Konventionen. Im 19. Jahrhundert war es für Frauen schlichtweg keine gängige Option, öffentlich eine tragende Rolle zu spielen. Gleichzeitig honorierte die Gesellschaft die Leistungen der Salonièren als Förderinnen des künstlerischen und politischen Diskurses: ihre Häuser waren es, in denen bedeutsame Beschlüsse gefasst wurden und Menschen zueinander fanden; ihre Vermittlung und ihre (damals noch analogen) sozialen Netzwerke waren es, die den Fortschritt in Richtung Moderne vorantrieben.

 

Einblicke ins Salonleben

Im Jüdischen Museum Wien können Besucher nun einen Blick in einige bedeutende Salons werfen: Möbelstücke sowie rare Fotografien und Interieur-Ansichten machen die Salons als Räume privater Öffentlichkeit und „Bühnen“ für die bekanntesten Künstler, Literaten und Architekten ihrer Zeit erfahrbar und lassen erahnen, in welchem kulturellen Klima Hugo von Hofmannsthal, Franz von Lenbach, Emil Orlik, Adolf Loos, Josef Hoffmann oder Arnold Schönberg verkehrten. Zu sehen ist auch einer der letzten erhaltenen Wiener Salons des 19. Jahrhunderts. Das Interieur stammt aus der Villa Wertheimstein und ist für die Dauer der Ausstellung zu Gast in der Dorotheergasse.

Salon Wertheimstein (c) Jüdisches Museum Wien

Salon Wertheimstein (c) Jüdisches Museum Wien

Als Ausstellungsbesucher bewegt man sich durch die Salons von Fanny von Arnstein und ihrer Biografin Hilde Spiel, bestaunt die „Reformsalons“ von Berta Zuckerkandl oder Eugenie Schwarzwald und erhält spannende Einblicke in Leben und Bedeutung der Salonièren für die Wiener Kultur-, Wirtschafts- und Politikszene. Auch das Kapitel Flucht und Exil wird nicht ausgespart. Beleuchtet wird etwa, welche Bedeutung die Wiener Salonkultur für die vertriebenen Wiener Jüdinnen und Juden im Ausland hatte, oder wie die aus dem englischen Exil zurückgekehrte Hilde Spiel in der Nachkriegszeit für ein Revival der Salonkultur in Wien sorgte.

 

Salon-Pionierin Fanny von Arnstein

Die junge, in Berlin geborene Franziska („Fanny“) von Arnstein (1758-1818) übersiedelte eigentlich nach Wien, um zu heiraten. Doch das Leben als brave Ehefrau und Mutter war der versierten und hochgebildeten Literaturliebhaberin zu langweilig. Sie gründete einen Literatursalon und brachte so internationales, von dem Geist der Aufklärung geprägtes Flair in die damals doch noch etwas provinzielle kaiserliche Residenzstadt. Der Überlieferung nach war es auch Fanny von Arnstein, die 1814 den ersten Christbaum aus Berlin nach Wien brachte und in ihrem Salon geschmückt aufstellte!

Fanny von Arnstein (c) Jüdisches Museum Wien

Fanny von Arnstein (c) Jüdisches Museum Wien

Gern gesehene Gäste bei Fanny waren Intellektuelle, Künstler und Gelehrte, die zumeist auch Anhänger des politischen Liberalismus waren. Die Liebe zum Salon blieb übrigens in der Familie: auch Fannys Tochter Henriette leitete später einen Salon.

Salon Fanny von Arnstein (c) Jüdisches Museum Wien

Salon Fanny von Arnstein (c) Jüdisches Museum Wien

„Der Salon befand sich immer dort, wo sie sich aufhielt…“

… sagte man einst über die Wiener Journalistin, Schriftstellerin und Salonière Berta Zuckerkandl. Sie prägte über Jahrzehnte die Wiener Gesellschaft mit ihren an wechselnden Orten stattfindenden Salons. Bei Zuckerkandl geschah nämlich so allerhand: neben modernen künstlerischen Vereinigungen (siehe oben) entstanden hier auch Beziehungen – Alma Mahler-Werfel traf hier Gustav Mahler – und diplomatische Bündnisse. Bis zu Berta Zuckerkandls Emigration 1938 nach Paris befand sich der wohl berühmteste aller Salons im Palais Lieben-Auspitz an der Ringstraße.

The place to be Ausstellungsdokumentation (c) wulz.cc

The place to be Ausstellungsdokumentation (c) wulz.cc

Mit dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland fand die Wiener Salonkultur ein jähes Ende. Manche Salonièren, wie Berta Zuckerkandl, führten im Exil diese Kultur fort – immer verbunden mit einer tiefen Sehnsucht nach Wien.

 

Infos zur Ausstellung

„The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation“ ist bis 14. Oktober 2018 im Jüdischen Museum Wien, einem Museum der Wien Holding, zu sehen. Erarbeitet wurde die Ausstellung vom gesamten kuratorischen Team des Museums, gestaltet wurde sie von Gerhard Abel, Waltraud Ertl und Planet Architects. Im Amalthea Signum Verlag erschien auch ein zweisprachiger Katalog zur Ausstellung.

Das Jüdische Museum Wien in der Dorotheergasse ist von Sonntag bis Freitag von jeweils 10:00 – 18:00 Uhr geöffnet, Tickets kosten 12,- Euro für Erwachsene und 8,- Euro für Studierende unter 27. Weitere Informationen unter www.jmw.at oder unter info@jmw.at.

, , , ,

Jüdisches Museum Wien

Dorotheergasse 11
1010 Wien
+43/1/535 04 31
www.jmw.at

So – Fr 10:00 – 18:00 Uhr

Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien
Geöffnet So – Fr 10:00 – 14:00 Uhr (Winterzeit) / 17:00 Uhr (Sommerzeit)

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »