stadtbekannt traut sich raus …

… und ist gleich einmal ein wenig überfordert. Als Berliner Neuzugang für einen längeren Zeitraum als den klassischen Wochenend-Trip (aus 3 Tagen werden 3 Monate) wurde mir seit meiner Ankunft inklusive der freundschaftlichen Begrüßung „Du bist jetzt also das neue Ösi?!“ im Laufe der letzten Woche die Tatsache noch einmal eindringlich bewusst, die ja eigentlich kein Geheimnis sein sollte:

Berlin ist nicht Wien.

Vor allem dann, wenn man auch auf Pfaden abseits der Einkaufsstraßen und anderer klassischer Touristen-Ziele trampelt, wird einem dieses Faktum noch einmal eindringlich ins Bewusstsein gerufen:

Die Sache mit dem Kiez.

Es gibt zwar nur zwölf offizielle Bezirke bzw. Verwaltungsbezirke in Berlin, deren Namen wahrscheinlich schon jedem mal auf irgendeine Art und Weise zu Ohren gekommen sind, wie etwa Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow oder Neukölln. Die Liste der Ortsteile gestaltet sich jedoch bereits ein wenig umfassender: Moabit, Tiergarten, Hansaviertel, Wedding, Gesundbrunnen, Prenzlauer Berg, Weißensee, Niederschönhausen, Haselhorst, Gatow, Kladow, Wannsee oder etwa Mariendorf stellen lediglich einen Minimal-Auszug aus der Vollständigkeit dar. Unterteilt man diese Ortsteile dann noch, wie die Berliner es äußerst liebevoll und fleißig praktizieren, in Kieze, dann wird es „lustig“.
Allein der Ortsteil Prenzlauer Berg im Bezirk Pankow beherbergt beispielsweise die Rosenthaler Vorstadt, den Kollwitzkiez, das Winsviertel, das Bötzowviertel, das Gleimviertel oder den Helmholtzkiez. Bemerkenswert an dieser leidenschaftlichen Unterteilung ist das Faktum, dass, um einen Kiez Kiez werden zu lassen, keine m²-Mindestgröße vorhanden oder bescheinigt sein muss. So befindet sich der Kollwitzkiez um den Kollwitzplatz herum und das Winsviertel um die Winsstraße. Denkt man sich nun, dass die ganze Geschichte doch ganz simpel strukturiert ist, dann irrt man leider: Der Helmholtzkiez erstreckt sich entlang der Lychener, der Schliemann- und der Dunckerstraße. Alles klar?

Die Sache mit der Coolness.

Hat man die Kartierung erst einmal mehr oder weniger intus, dann kann man sich als nächsten Schritt daran machen, zu lernen, wo es wie cool ist und warum. Vertraut man der überaus entschlossenen und kollektiven Meinung quasi aller junger Berliner, dann ist ein fester Wohnsitz im Westen der Stadt von vornherein von der Liste eventueller Überlegungen zu streichen. Geht Mitte noch durch, stehen die Bezirke Reinickendorf, Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg schon auf der schwarzen Liste. Wohnt man doch dort, weiß man es ganz geschickt nicht sofort im ersten Gespräch zu erwähnen und wenn doch, so zumindest demütigst zu entschuldigen oder mit durchdachten Argumenten zu untermauern.
Wieso das so ist? Weil der Westen Berlins „versnobt, spießig, langweilig und voll alter Menschen ist“. Aja.

Doch wer nun glaubt, der Osten sei automatisch okay, der irrt durchaus. Bereits im Zug von Wien nach Berlin wurde mir mitgeteilt, dass meine Wahl Prenzlauer Berg in Pankow zwar unter Umständen irgendwie vertretbar, jedoch im Zuge der ersten Begegnungen mit neuen Bekanntschaften nicht sofort zu erwähnen sei. Sich in diesem Falle eine fiktive Adresse an den Orten der ultimativen Coolness, also Friedrichshain und Kreuzberg, zu überlegen, wäre ratsamer. Wieso das so ist? Weil die Menschen am Prenzlauer Berg „eher versnobt, spießig und fast quer durch die Bank junge Akademiker-Pärchen mit einem schreienden Bündel im Kinderwagen oder zumindest schwanger sind“. Aja.

Die Sache mit den Öffis.

Schritt Nummer 3 bildet dann die nicht minder komplizierte Aufgabe, zu lernen, wie man sich von Punkt A nach Punkt B bewegen kann, ohne (und ganz ehrlich, es ist einfach zu kalt dafür) auf das mit Sicherheit durchaus bewährte Transportmittel Fahrrad zurückzugreifen.
Das Berliner öffentliche Verkehrsnetz, welches mitunter in der Lage ist, mich als Grottenolm in Sachen Orientierung zum Teil in leichte Panik zu versetzen, weist nämlich die gefinkelten Besonderheiten eines Spinnennetzes auf. Für eine pünktliche Ankunft lediglich einige Stationen weiter lerne ich also aus meinen Fehlern und plane statt einer gemütlichen halben Stunde die dreifache Dauer ein. Ob man in die Ringbahn S41 oder S42 einsteigt (und den Irrtum nicht gleich bemerkt) kann sehr wohl einen großen Unterschied machen und die Wiedergutmachung … siehe „dreifache Dauer“.

Außerdem: Rätselraten.

Das Rätsel zu lösen, wieso es zwar ein Ostkreuz, ein Westkreuz und ein Südkreuz, jedoch kein Nordkreuz gibt, ist dann wieder eine andere Sache. Und ein weiteres Rätsel, das noch gelüftet werden will: Was passiert eigentlich bei der Station mit dem klingenden Namen „Onkel Toms Hütte“?


Wienerin in Berlin (II): Warum Berlin von der Wurst regiert wird.

Wienerin in Berlin (III): Sprachbarrieren – oder: Was ist ein Zuckerl?

Wienerin in Berlin (IV): Eine Hommage an den Berliner Club.

Wienerin in Berlin (VII): Wien, schnoddrige Hauptstadt des Zwergenstaates Österreich.

Wienerin in Berlin (VIII): Berlin, wo sind deine Alten hin?

Eva Felnhofer

ist noch 2 Monate und 3 Wochen in Berlin.

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