Ein Stadtspaziergang mit Stefanie Sargnagel

Mit ihrem neuen Roman „Dicht“ hat Stefanie Sargnagel erstmals ein Buch mit Langtext geschrieben. Die Autorin, die mit ihren Statusmeldungen die Literaturszene aufgemischt hat, nimmt uns in ihrem Roman mit auf eine Reise in die Vergangenheit, ins Wien ihrer Jugendjahre. Wir haben einige Stationen aus Sargnagels Roman herausgesucht und uns auf einen literarischen Spaziergang durch Sargnagels Wien der späten 90er und frühen Nullerjahre gemacht.

Die Votivwiese

Wir beginnen mit unserem Spaziergang bei der Votivkirche. Die Votivwiese ist der Ort, an dem Stefanie Sargnagel besonders viel Zeit verbracht hat.

Votivpark (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Votivpark (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Ein bunter Haufen an Leuten bildete hier eine Gruppe, von der auch sie ein Teil war. Weder Regen noch Polizeikontrollen störten ihr Beisammensein:

„Diese entspannte Ansammlung von Menschen aus aller Welt fanden wir aufregend. Sobald gegen Mittag die ersten Leute eintrafen, schob man die Parkbänke, die man ringsum auf der Wiese fand, zu einem großen Kreis zusammen. So war die Routine. Im Laufe des Nachmittags setzten sich Alte und Junge, Männer und Frauen und Kinder in die Runde. Wenn kleine Kinder dabei waren, spielten sie in der Mitte auf der Wiese, eingekreist und im Schutz der Leute, die ein dankbares Publikum für ihren Kleinkinderslapstick waren.“ – Stefanie Sargnagel, „Dicht“

Columbo und Arne Carlsson

Wir verlassen die Votivwiese und spazieren die Währinger Straße entlang, als plötzlich auf der Höhe Schwarzspanierstraße kein geringerer als Columbo aus dem Fenster des Albert Appel-Hofs schaut. Wir winken ihm zu und schlendern weiter.

Columbo Albert Appel-Hof (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Columbo Albert Appel-Hof (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Unser nächstes Ziel ist der Arne-Carlsson-Park. In „Dicht“ trifft sich Sargnagel hier, passend zum Titel des Buches, zum Kiffen mit ihrer Freundin und bekommt von einem Heroinsüchtigen seine traumatischen Kriegserlebnisse aus dem Jugoslawienkrieg geschildert. Wir drehen eine Runde durch den Park und betrachten die zahlreichen bunten Wandmalereien, die auch nüchtern ziemlich farbintensiv sind.

Arne Carlsson-Park (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Arne Carlsson-Park (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Gleich ums Eck befindet sich übrigens das ehemalige Kolosseum-Kino, das Sargnagel in ihrem Roman nach der Begegnung mit dem Heroinsüchtigen besucht, um sich „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ anzuschauen. Ein Jahr nach Erscheinen des Films wird das Kino 2002 geschlossen, nachdem es seit 1898 existiert hatte. Zunächst war es ein Varieté und ab 1925 dann ein Kino, das übrigens auch Arthur Schnitzler gerne besuchte. Heute erinnert noch der „Colosseum“-Schriftzug an das Kino, doch selbst den können wir nicht sehen – er verschwindet zurzeit nämlich hinter einem Baugerüst.

Gemeindebau statt Bonzen

Und weiter geht’s Richtung Währinger Straße – Währing ist der Bezirk, in dem Sargnagel in ihrer Jugend besonders viel Zeit verbracht hat. Dem sonst so gutbürgerlichen Währing stellt sie ihre Welt der Beisln und Sonderlinge entgegen. In einer Währinger Gemeindebauwohnung wohnte der Michi, auch „Aids Michl“ genannt, den Sargnagel und ihre Freundin Sarah dort regelmäßig besuchten. Michi spielt in „Dicht“ eine zentrale Rolle und ihm hat Sargnagel das Buch auch gewidmet. Wir spazieren die Währinger Straße hinauf, in deren Seitengassen Sargnagel in den unterschiedlichsten Beisln ein- und ausging. Eines dieser Beisl ist auch unser nächstes Ziel. (Wem es übrigens zu zach ist, die ganze Währinger Straße hinaufzugehen, der kann auch die Bim bis zur Station „Gersthof“ nehmen).

Wiener Beislkultur

Die typischen Wiener Beisln gehören zu dieser Stadt wie Bonnie zu Clyde. Versifft, ranzig und damals noch so verraucht, dass man die Luft schneiden hätte können, sind sie ein echtes Herzstück Wiens. Eines von Sargnagels damaligen Stammcafés war das Café Stadtbahn, vor dem wir uns nun befinden. Noch heute sieht das Café Stadtbahn aus, als wäre hier die Zeit stehengeblieben. Über 100 Jahre ist das Café schon alt und damit aus Wien nicht wegzudenken.

Café Stadtbahn (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Café Stadtbahn (c) STADTBEKANNT Jungwirth

„Vor 30 Jahren war es angeblich wirklich mal ein Kaffeehaus für schachspielende Herren gewesen, doch inzwischen war es ein schummriges Beisl, eine heimelige Spelunke für Währinger Sonderlinge.“ – Stefanie Sargnagel, „Dicht“

Sargnagel beschreibt in ihrem Roman den doch auch bissl grindigen Charme der Wiener Beisln und setzt ihnen so ein gebührendes Denkmal. Apropos Bonnie und Clyde: Nicht nur der Schriftzug am Metallgeländer vor dem Café Stadtbahn erinnert an das Duo. Auch Sargnagel beschreibt in ihrem Buch eine Szene, in der ein Polizist sie und ihren damaligen Freund als Bonnie und Clyde bezeichnet, nachdem die beiden in der Nacht in ein Möbelhaus eingestiegen sind und nun, in Bademänteln und mit Stofftieren aus dem Möbelhaus unterm Arm, zur Polizeistation gebracht werden.

Türkenschanzpark

Den Abschluss unseres Spaziergangs macht aber kein Beisl, sondern ein weiterer Park – der Türkenschanzpark. Im Roman beschreibt Sargnagel ihre Freundschaft zu Sarah, die im Türkenschanzpark so richtig ihren Beginn nahm.

Türkenschanzpark (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Türkenschanzpark (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Ab diesem Tag trafen wir uns jeden Nachmittag im Türkenschanzpark, rauchten gemeinsam einen Joint, redeten über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, zeichneten manchmal und überlegten, wie wir gemeinsam die Welt verbessern könnten. Es war von Anfang eine eher intellektuelle Freundschaft, wir redeten kaum über Emozeug, wie man es bei einer Mädchenfreundschaft erwartet, da blieben wir distanziert. – Stefanie Sargnagel, „Dicht“

Hier sitzen sie auch, Steffi, Sarah, Michi und alle anderen Freunde, als eine, so Sargnagel, „verhutzelte Frau im Rollstuhl“ ihren 99. Geburtstag feiert und an alle Leute Luftballons verteilt. Ob Parks, Beisl oder Gemeindebau, Sargnagel schildert in ihrem Roman das Miteinander und offenbart eine liebevolle Seite von Wien, die neben Grind, Grant und Raunzerei genauso existiert. Und das macht den Roman am Ende auch so nachvollziehbar – dieser ungeschönte und trotzdem liebenswerte Blick auf Wien und seine BewohnerInnen. Wir sitzen noch ein Weilchen im Park und genießen die Herbstfarben, die an diesem Tag ebenso bunt sind, wie Stefanie Sargnagels Roman.

Wo wir waren

Votivwiese
Rooseveltplatz, 1090 Wien

Arne-Carlsson-Park
Arne-Carlsson-Park 217/2, 1090 Wien

Ehemaliges Kolosseum Kino
Nussdorfer Straße 4, 1090 Wien

Café Stadtbahn
Gersthofer Straße 47, 1180 Wien

Türkenschanzpark
Türkenschanzpark, 1180 Wien

Der Roman
Stefanie Sargnagel „Dicht – Aufzeichnungen einer Tagediebin“
Rowohlt, 20,60 Euro

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