Unterwegs am Alsergrund.

Von Gemeindebau zu Gemeindebau, dazwischen jede Menge gehobene Gastronomie und ein kulturelles Highlight.

Auf in die Rossau!

An der Roßauer Lände, wo einst Pferde die Schiffe stromaufwärts zogen, beginnen wir unseren Spaziergang und verweilen kurz auf dem Gehweg vor der U4-Station (Achtung: Die Station Richtung Heiligenstadt ist voraussichtlich bis Ende Juni 2019 gesperrt). Von dort aus kann man den Gemeindebau an der Ecke Roßauer Lände/Pramergasse nämlich am besten betrachten. Er entstand 1929/30 und stammte vom Architekten Karl Schmalhofer, der in der Zeit des Roten Wien eine ganze Reihe von Wohnhausanlagen sowie (zusammen mit Otto Nadel) das Amalienbad plante. Bei diesem kubisch strukturieren Baukörper fällt vor allem das Balkonkreuz ins Auge.

Gemeindebau Pramergasse 30 (c) STADTBEKANNT
Gemeindebau Pramergasse 30 (c) STADTBEKANNT

Wir gehen die Pramergasse entlang bis eine auffällig hellblaue Fassade unser Interesse weckt. Die Aufschrift Thonöfen Fabrik Bernhard Erndt zeigt den einstigen Firmensitz des k. u. k. Hofhafnermeisters an.

Thonöfen Fabrik Bernhard Erndt (c) STADTBEKANNT
Thonöfen Fabrik Bernhard Erndt (c) STADTBEKANNT

Barista-Kurse und Schlemmerei

Die Ecke Pramergasse/Hahngasse beherbergt die Vienna School of Coffee – die Rösterin, Masterbarista, Brewmaster und Trainerin Johanna Wechselberger bringt einem hier einfach alles bei, was man für den perfekten Kaffee wissen muss!
Schräg gegenüber bei Pramergasse Nummer 21 findet man an der Haustür den minimalistisch gehaltenen Hinweis, dass hier das Revier von Pramerl&the Wolf ist, d.h. von dem mit einem Michelin Stern ausgezeichneten Wolfang Zankl. Er fragt seine Gäste zunächst, wie viel Hunger sie haben + was sie essen wollen bzw. nicht essen sollen + wie viel Zeit sie mitbringen, bevor er ihnen ein maßgeschneidertes und exquisites Menü kreiert.
Kulinarisch geht es weiter in der Parallelstraße, der Seegasse. In der Nummer 26 befindet sich das Restaurant Stomach, wo man in gemütlicher Atmosphäre (obwohl es früher eine Fleischerei war!) garantiert hochqualitative Kost serviert bekommt.

Stomach (c) STADTBEKANNT
Stomach (c) STADTBEKANNT

Ein Friedhof im Innenhof

Wir folgen der Seegasse stadteinwärts bis wir vor dem Seniorenheim Haus Rossau stehen, hinter dem sich eine kulturhistorische Kostbarkeit verbirgt: der älteste erhaltene jüdische Friedhof Wiens. Auf etwa 2000 Quadratmetern stehen rund 300 Grabdenkmäler – ursprünglich sollen es um die 900 gewesen sein – mit kunsthistorisch bedeutendem Dekor und ausschließlich hebräischen Inschriften. Der Friedhof in der Seegasse, die einst „Gassel allwo der Juden Grabstätte“ hieß, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Im 16. Jahrhundert eingerichtet, wurde er nach einer Reform von Joseph II., nach der Friedhöfe innerhalb des Linienwalls (heute Gürtel) verboten wurden, 1783 stillgelegt, jedoch nicht geschliffen oder verbaut. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Grabsteine am Zentralfriedhof versteckt, wo sie erst in den Achtzigerjahren entdeckt und wieder in die Seegasse gebracht wurden. Im Jahr 1984 wurde der Friedhof schließlich neu eingeweiht. Auch am Friedhof Seegasse selbst sind Steine vergraben worden, die man bei den Renovierungsarbeiten in den vergangenen Jahren fand.

Jüdischer Friedhof (c) STADTBEKANNT Preindl
Jüdischer Friedhof (c) STADTBEKANNT Preindl

Genussspechte kommen auf ihre Kosten!

Nach diesem eindrucksvollen Abstecher gehen wir weiter in die Porzellangasse und vor bis zum Spezialitätengeschäft Selection Neubauer, wo wir uns eine kleine Köstlichkeit für unterwegs gönnen – die Auswahl ist groß! Wer lieber einen gesunden Vitaminschmaus möchte – auf der anderen Straßenseite verkauft Monika saisonales Gemüse und frisches Obst in ihrem Lebensmittelgeschäft.

Lebensmittel - Monika Adam (c) STADTBEKANNT
Lebensmittel – Monika Adam (c) STADTBEKANNT

Weiter stadtauswärts passieren wir eine imposante neobarocke Hausfassade, auf der eine Tafel erklärt, dass von 1721 bis 1864 auf dem Grundstück (von der heutigen Porzellangasse 51 bis zum Julius-Tandler-Platz) die Wiener Porzellanmanufaktur angesiedelt war.
Wer bis jetzt noch nirgends eingekehrt ist, kann bei Hausnummer 53 die Gelegenheit ergreifen und sich im modern gestylten MAST zwei Spitzen-Sommeliers und einem renommierten Koch anvertrauen, die mit Speis und Trank auf höchstem Niveau aufwarten.

Der Althangrund für Kreative …

Wenn aufrecht stehen und vor allem gehen jetzt noch möglich ist, spazieren wir zum Julius-Tandler-Platz. Der namensgebende Mediziner Julius Tandler (1869-1936) leistete zur Zeit des Roten Wien maßgebliche Beiträge für die Entwicklung des Gesundheitswesens in Wien und initiierte die Erbauung von Sozialeinrichtungen wie Schulzahnkliniken und Mutterberatungsstellen. Er vertrat aber auch kritisch zu betrachtende Thesen im Bereich der Eugenik, weshalb der Name des Platzes als „Fall mit Diskussionsbedarf“ eingestuft wurde. Wir gehen nun rechts am Franz-Josefs-Bahnhof vorbei in die Nordbergstraße. Von dort erblickt man die von Friedensreich Hundertwasser in ein farbenfrohes Kleid gehüllte Müllverbrennungsanlage Spittelau. Passend dazu, denn auch Hundertwasser arbeitete gerne mit Keramik, bietet das O-Ton-Studio für Keramikdesign Workshops an, bei denen man sein eigenes Geschirr fertigen kann.

Müllverbrennungsanlage Spittelau (c) STADTBEKANNT Preindl
Müllverbrennungsanlage Spittelau (c) STADTBEKANNT Preindl

… und für Unerschrockene

In der Nordbergstraße Nummer 12 stoßen wir auf das Grind, das auf der Website mit dem Aufruf „Kommt vorbei und seid mal grindig!“ lockt und sein gutes Bier, die geilen Würstel und die Open Stage anpreist – das alles muss man doch einmal wagen. Für die, die es eher gediegen mögen, befindet sich an der Ecke eine kleine Galerie mit antiken Gemälden.

Galerie (c) STADTBEKANNT
Galerie (c) STADTBEKANNT

Freudiger Abschluss

Als Abschluss schauen wir noch im Sigmund-Freud-Hof vorbei – benannt nach dem von 1891 bis 1938 in der Berggasse 19 wohnhaften Begründer der Psychoanalyse. Die in den Jahren 1924-1931 in zwei Bauphasen errichtete Wohnhausanlage weist auf der Seite zur Nordbergstraße eine sehr sparsam ausgeführte Fassade auf, während jene hin zum Donaukanal reicher gestaltet ist und von zwei Ecktürmen gerahmt wird. Expressionistisch muten die spitzen Vorbauten der Eingänge und Stiegenhäuser an, die ursprünglich rot gefärbt waren.

Sigmund-Freud-Hof (c) STADTBEKANNT Preindl
Sigmund-Freud-Hof (c) STADTBEKANNT Preindl

Wo wir waren

Gemeindebau
Pramergasse 30/Roßauer Lände 21

Thonöfen Fabrik Bernhard Erndt
Pramergasse 25

Vienna School of Coffee
Hahngasse 22 (Ecke Pramergasse)

Pramerl&the Wolf
Pramergasse 21

Stomach
Seegasse 26

Jüdischer Friedhof
Seegasse 9

Spezialitätengeschäft Selection Neubauer
Porzellangasse 49a

LEBENs Mittel Monika Adam
Porzellangasse 50

Wiener Porzellanmanufaktur
Porzellangasse 51

MAST
Porzellangasse 53

O-Ton-Studio für Keramikdesign
Julius-Tandler-Platz 4

Grind
Nordbergstraße 12

Galerie
Nordbergstraße Ecke Wasserburgergasse

Sigmund-Freud-Hof
Gussenbauergasse 5-7

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