Unterwegs in Döbling

Diesen Sommer haben viele von uns Wien als Reiseziel gewählt und allerhand dabei (wieder)entdeckt, vorallem die Lust am Spazieren, wenn sie uns denn je in unserem Sitz- Alltag ganz abhanden gekommen sein sollte.

Jetzt, wo die Blätter schon wieder durch die Luft tanzen, wollen wir jedes warme Wochenende und jeden milden Frühabend nutzen, um in den Weinbergen zu wandern, innezuhalten bei einem Glas Traubensaft, alkoholisch oder nicht, dort wo man schon vor über 200 Jahren und mehr wandelte und weilte. Was das Geheimnis der Sommerfrische war, gilt auch für die Herbstfrische: es braucht keine weite Reise, nur die richtige Mischung aus Muße und Müßiggang, eine Portion Melancholie und Mut für das, was nach dem Innehalten kommt.

Von Heiligenstadt zum Himmel

Wo gibt es so etwas, wenn nicht in Wien: Einen Bus, der zum Himmel fährt. Oder sagen wir: fast, ein paar Schritte müssen wir vom Cobenzl schon noch tun, um den Himmel zu erreichen. Wir können aber auch durch die Weinberge hinauf an einem kleinen Bächlein entlang und oft nahezu keiner Menschenseele begegnend, Trauben naschend hinaufspazieren. Ob wir hinauf- oder hinuntersehen, die Aussicht ist hier immer schön: Besonders von der Bellevuewiese, wo Dr. Sigmund Freud im sich damals dort befindenden Schloss Belle Vue seine berühmte Traumdeutung verfasst haben soll, die ein neues Jahrhundert einleitete. Auf dieser sitzen wir dann und träumen. Eine Tafel steht hier im Niemandsland, die an eine der bekanntesten Persönlichkeiten der modernen Menschheitsgeschichte erinnert, wie kommt das?

Ausblick Cobenzl (c) STADTBEKANNT
Ausblick Cobenzl (c) STADTBEKANNT

Von traumhaften Wiesen und der frühen Weekend-Bewegung

Das Schloss hat wie so viele Gebäude in Wien eine abwechslungsreiche Geschichte, vom Hotel zur Heilanstalt für Lungenkranke bis zu seinem Abriss in den 1960ern und seinem Neubau als modernes Ausflugsrestaurant, leider in den frühen 1980ern bereits wieder abgebrochen. Und so steht eine Gedenktaftel für einen großen Denker mitten auf einer Wiese mit schöner Aussicht, etwas, dass es vielleicht auch nur in Wien gibt, mit folgender Inschrift: „Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes.“ Freud, der auch bescheiden sein konnte, wünschte sich dennoch, dass eines Tages genau diese Worte auf einer Tafel auf dem Schloss Bellevue angebracht werden würden, wie er in einem Brief an seinen Freund und Kollegen Wilhelm Fliess verriet, sogleich aber seine starken Zweifel zum Ausdruck brachte: „Die Aussichten sind bis jetzt hieführ gering.“
Erst 1977 wurde im Beisein seiner Tochter, der Kinderpsychoanalytikerin Anna Freud, da schon hoch betagt, in der Wiese mit der wunderbaren Adresse „Himmelstraße 115“ die Tafel mit besagten Worten aufgestellt. Freuds Lieblingstochter war da nur zu Besuch aus London, sie, die in jungen Jahren mit ihrer Lebensgefährtin, der Tiffany – Erbin Dorothy Burlingham so wie Freud oft aus der städtischen Enge der Berggasse hinaus ins Grüne, in ihrem Falle nach Breitenfurt geflüchtet war, in einer Zeit, als die sogenannte Weekend-Bewegung begonnen hatte, bevor ein kaltblütiges Regime mit jeder süßen Sommerfrische brutal Schluss machte.

Wiese (c) STADTBEKANNT
(c) STADTBEKANNT

Mit dem Komponisten auf den Kahlenberg – Wo Beethoven zur Ruhe kommen wollte

Dass Beethoven in seinem rastlosen Dasein kaum jemals zur Ruhe kam, sagen uns seine zahlreichen Wohnsitze (in ihrer Anzahl je nach Fülle variierend aber doch oft bis zu 80). Freilich galt auch jeder Sommerfrische-Aufenthalt als Wohnadresse und auf Sommerfrische war er oft in Heiligenstadt, wenngleich dort weniger dem Müßiggang sich hingebend als auf Heilung durch die dortigen Schwefelquellen hoffend, dabei immer genug, meist zuviel trinkend und Tag und Nacht komponierend. Aber auch dort am Schreiberbach, wo jetzt die „Beethoven-Ruhe“ unserer städtischen Eile Einhalt gebietet, spazierend. Wir aber lassen Beethoven weiter komponieren und steigen mit seinen unvergleichlich bewegenden Klängen weiter hinauf Richtung Kahlenberg, auch hier zwischen leuchtenden Reben. Herbst eben. Das macht diese frühen Sommerfrischeorte Wiens, die in der Biedermeierzeit in Mode kamen, für uns jetzt so verlockend, die nach der Jahrhundertwende fast unmodern wurden, während am ferneren Semmering, auf der Rax, in Altaussee und am Attersee sich fortan die modernen Geister von der heißen, staubigen Stadt und dem bürgerlichen Leben befreiten und in einen wildromantischen Reigen traten.
Noch einmal liegt hier im herbstlichen Wienerwald ein Stück Sommerglück für uns so nahe vor unserer Tür.

Pfarrplatz (c) STADTBEKANNT
Pfarrplatz (c) STADTBEKANNT

Vom Kahlenberg runterkugeln oder weiter ins sorglose Sievering

Auf den Kahlenberg, wir lassen jetzt einmal das ewige uns von den Osmanen befreiende Entsatzherr unter der Führung des polnischen Königs zur Seite, ging auch die Kaffeehausbesitzerin Karoline Obertimpfler mit Leidenschaft, wann immer sie Zeit fand. Die Mutter der gleichnamigen Tochter, besser bekannt als Lina Loos, kurzfristig Ehefrau des Architekten Adolf Loos, übernachtete, so schildert es Lina Loos, die Feuilletonistin und Schauspielerin in ihrem Buch „Buch ohne Titel“ am liebsten im Hotel am Kahlenberg und wanderte am folgenden Tag nach Nussdorf herunter. Eines Tages gewann sie dabei dermaßen an Geschwindigkeit, dass sie nicht mehr aufzuhaltend vom Kahlenberg herunterkugele und alle auf der Wiese Lagernden mitzureißen drohte, bis sie schließlich unten im Graben lag lachend und erleichtert.

Aussblick Terrasse Kahlenberg (c) STADTBEKANNT
Aussblick Terrasse Kahlenberg (c) STADTBEKANNT

Zur sensationellen Lage des dortigen Restaurants mit Aussichtsterrasse und Café sollte eigentlich wirklich nichts gesagt werden, außer, dass sich dort lange Jahre neben einer Hotelruine ein Restaurant aus den 1930er Jahren, dem sogenannten „Schwarzen Wien“ befand, von niemand Geringerem als dem späteren Ringturmarchitekten Erich Boltenstern erbaut.
Der sogenannte „kleine Mann“ wurde darin auf die (historische) Größe des Ortes herangeführt: Wandmalereien, die das Jahr 1683 illustrieren, Stichwort Befreiung von den Osmanen.
Erst vor ein wenig mehr als einem Jahrzehnt wurde es durch einen Döblinger Architekten in neuer Form gebaut.
Der Nationaldichter Franz Grillparzer, dessen Stücke oft im Zusammenhang mit österreichischer Identitätsstiftung zu sehen sind, brachte den Blick von „ganz oben“ so zum Ausdruck:
Hast du vom Kahlenberg das Land dir rings beseh’n,
So wirst du was ich schrieb und was ich bin versteh’n.

Sievering (c) STADTBEKANNT
Sievering (c) STADTBEKANNT

Oder weiter ins sorglose Sievering …

Oben genannte Lina Loos, deren Todestag sich heuer zum 70. Mal jährte, kam einige Jahre nach der Jahrhundertwende auf der Suche nach einer Sommerwohnung nach Sievering, in das sie sich augenblicklich verliebte: „Dort, wo die Straße ganz eng ist, wurde mein Herz weit.“ Ab 1909 wohnte sie das ganze Jahr dort in der Sieveringer Hauptstraße 107. Bei aller Liebe zur ländlichen Ursprünglichkeit lag sie dort aber auch gern in ihrem von Adolf Loos entworfenen Schlafzimmer, das dieser nach ihrer Trennung genau nach dem Modell jenes skandalträchtigen weißbespannten Schlafzimmers entwarf, das in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Giselastraße heute Bösendorferstraße Nr. 3 stand. In ihr Sieveringer Haus lud sie auch all ihre sie heiß verehrenden Literatenfreunde wie Peter Altenberg, Franz Theodor Csokor oder Egon Friedell ein und gemeinsam genoss man in Sievering das beschauliche Leben wo die einzige Sorge war, „Wie der Wein wird. Und vor allem, ob er genug sein wird“. („Buch ohne Titel“)

Grinzing Blumen (c) STADTBEKANNT
Grinzing Blumen (c) STADTBEKANNT

Von Grinzing nach Glanzing

„Wir haben mit Grinzing überhaupt nichts zu schaffen. Grinzing verhält sich zu Sievering wie Berlin zu Wien.“ erwiderte Lina Loos, wenn man sie wieder einmal fragte: „Wohnen Sie nicht irgendwo da draußen in Sievering oder Grinzing?“ Dem verschlafenen, ursprünglichen Sievering stellte sie in ihren „Sieveringer Geschichten“ („Buch ohne Titel“) das mit Musik, Gesang und Radau lockende Grinzing entgegen.
Und ja, es ist sicher etwas Wahres daran. Doch spätestens im Oktober kehrt auch in Grinzing etwas mehr Wahrhaftigkeit ein und bestimmt ist es nicht nur der gute Wein, der uns das glauben lässt. Immerhin führt doch gerade von hier die Himmelstraße weit hinauf!

Und Glanzing, wie der Volksmund den Teil von Pötzleinsdorf nennt, der auch zum vornehmen Döbling gehört?
Der Name allein ist es wert, die Herbsttage zu nutzen, um sich seinen frühen und heutigen im Herbst besonders einnehmenden Glanz anzusehen.

 

Elke Papp

Spaziert mit der Stadtverführerin im Herbst auf himmlischen Wegen durch Wiens Gassen und Straßen über alte Plätze und hinaus ins Grüne. Mit Literatur und Leichtigkeit. In Kleingruppen, auch individüll buchbar. Sievering und Heiligenstadt liegen dabei auch auf dem Weg und vieles mehr, was ihr im aktuellen Programm nachlesen könnt oder mailt mir einfach: mail@stadtverführerin.at

    5.0

    Gloria

    wunderschön zum wandern und verweilen

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