Auf Veza Canettis Spuren durch die Ferdinandstraße

Die Wiener Autorin Veza Canetti geriet aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten und ihrer Flucht ins englische Exil in Vergessenheit. Ihr Werk wurde erst in den späten 1980er Jahren wiederentdeckt und der Autorin in der Wiener Ferdinandstraße ein Denkmal gesetzt.

Ein Stadtspaziergang durch die Vergangenheit

Wir beginnen unseren Stadtspaziergang an diesem sonnigen Tag am Schwedenplatz, gehen den Franz-Josefs-Kai entlang Richtung Urania und überqueren die Aspernbrücke. Anschließend biegen wir nach rechts in die Ferdinandstraße ein, die 1840 nach Kaiser Ferdinand I. benannt wurde. In den 1930er Jahren diente sie der Wiener Autorin Veza Canetti, geboren 1897 als Venetiana Taubner-Calderon, als Inspiration für ihren Roman „Die Gelbe Straße“.

Ferdinandstraße (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Die Ferdinandstraße heute (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Ruhige Lage

In Canettis Roman herrscht in der Straße geschäftiges Treiben, das Leben spielt sich zwischen Trafik, Greisslerladen, Seifen- und Ledergeschäft sowie dem Café „Planet“ ab. Heute ist es deutlich ruhiger in der Ferdinandstraße.

Wohnhaus Canetti (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Veza Canettis einstiges Wohnhaus, Ferdinandstraße 29 (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Veza Canettis Leben in der „Gelben Straße“

Zunächst begeben wir uns ans Ende der Ferdinandstraße. Hier, im Haus Nummer 29, lebte Veza Canetti gemeinsam mit ihrer Mutter bis 1934. Das Leben in der Ferdinandstraße verarbeitete Canetti in ihrem Roman „Die Gelbe Straße“, der erst 1991 posthum erschien. Canettis Empathie und stilistische Schärfe würdigt auch die Gedenktafel, die an die Autorin erinnert. Diese wurde 2013 im Rahmen des Projekts „VEZALEBT“ zum 50. Todestag der Autorin angebracht. Canettis Roman beschreibt das Leben in der Gelben Straße und zeichnet ein vielschichtiges Bild der Wiener Gesellschaft jener Zeit. Leben und Handeln der ProtagonistInnen werden von Canetti kritisch beäugt und ermöglichen den LeserInnen einen lebendigen Einblick in das Wien der 1930er Jahre.

Ferdinandstraße Gedenktafel (c) STADTBEKANNT Jungwirth
Ferdinandstraße Gedenktafel Veza Canetti (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Alte Geister vergangener Tage

Am Weg zurück zum Anfang der Straße erscheint uns das Geschäft des Hafnermeisters Neuhold wie ein Relikt aus alten Zeiten. Diesen Eindruck erweckt auch der Großteil der wenigen noch verbleibenden Geschäfte in der Ferdinandstraße. Genau dadurch ergibt sich aber auch ein besonderer Charme, der uns an Szenen aus Canettis Roman erinnert. Wir denken an ihre Romanfiguren, so z.B. die mürrische Runkel in ihrem Seifengeschäft, die junge Lina in der Trafik oder den pedantischen Herrn Vlk im Café Planet und können uns mit einem Mal gut vorstellen, wie lebhaft es einst auch in der Ferdinandstraße zugegangen sein muss.

Ferdinandstraße Hafnermeister (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Ferdinandstraße Hafnermeister (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Erinnern und Gedenken

Schmerzhafte Erinnerungen hingegen werden hervorgerufen, als wir in die Tempelgasse einbiegen. Hier befand sich einst die größte Synagoge Wiens, die 1938 im Zuge der Novemberpogrome von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Vier weiße, meterhohe Säulen erinnern als Mahnmal an die ehemalige Synagoge, die zwischen 1856 und 1858 erbaut wurde. Heute ist nur noch das nördliche Verwaltungsgebäude erhalten, das mit
seinen orientalischen Stilelementen das einst eindrucksvolle Erscheinungsbild des Tempels erahnen lässt. Ebenso ins Auge sticht das farbenprächtige Tempelmosaik des angrenzenden Desider-Friedmann-Hofs. In Teilen des Grundstücks befinden sich heute eine Schule und eine Synagoge. Als wir vor den vier weißen Säulen stehen, spielen Kinder gerade unbeschwert im Innenhof, ein starker Kontrast zu den zahlreichen Erinnerungstafeln an den Zäunen, die neben der Geschichte des Tempels auch den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedenken.

Ferdinandstraße Mosaik (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Tempelmosaik am Desider-Friedmann-Hof in der Ferdinandstraße (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Koschere Süßspeisen

Zurück in der Ferdinandstraße fällt uns ein kleiner Laden ins Auge, „Koschere Lebensmittel seit 1950 Firma Malkov“, steht auf dem Schild. Wir treten ein und werden von dem Ladenbesitzer freundlich begrüßt. Der Laden ist klein aber gefüllt mit einer Vielzahl koscherer Lebensmittel. Ein bisschen fühlen wir uns an den Greisslerladen in der Gelben Straße erinnert, nur dass es hier deutlich weniger geschäftig zugeht, als im Roman. Wir entscheiden uns für einen koscheren Schokoladenkuchen und der Ladenbesitzer schenkt uns noch drei Hamantaschen, ein süßes jüdisches Gebäck, wahlweise gefüllt mit Schokolade, Datteln oder Mohn. Ausgestattet mit den süßen Köstlichkeiten setzen wir uns in den gegenüberliegenden Veza-Canetti-Park.

Ferdinandstraße Lebensmittelladen (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Ferdinandstraße koscherer Lebensmittelladen (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Erinnerung an Veza Canetti

Auf den ersten Blick erscheint der Veza-Canetti-Park unscheinbar, da er genau genommen eigentlich ein Kinderspielplatz ist. Dennoch finden sich neben Sandkiste und Klettergerüst einige Sitzgelegenheiten und wir verkosten das süße Gebäck. Unsere Hamantaschen sind mit Schokolade gefüllt und schmecken uns besonders gut. Ein Schild am Rande des Parks erinnert an die Autorin und verweist auf ihren Roman „Die Gelbe Straße“. Von unserer Bank aus lassen wir den Blick nochmals schweifen, zum koscheren Lebensmittelladen, zum Beginn der Tempelgasse mit den vier weißen Säulen und zum Mosaik am Desider-Friedmann-Hof. Es sind Eindrücke wie diese, die nicht nur die Erinnerung an Canettis Roman wahren, sondern auch die an das jüdische Leben im Wien der 1930er Jahre.

Veza Canetti Park Tafel (c) STADTBEKANNT Frühwirth
Veza Canetti Park Tafel (c) STADTBEKANNT Jungwirth

Wo wir waren

Wohnhaus Veza Canettis
Ferdinandstraße 29

Mahnmal am Gelände des zerstörten Leopoldstädter Tempels
Tempelgasse 6

Koscherer Lebensmittelladen Malkov
Ferdinandstraße 21/Tempelgasse 8

Veza-Canetti-Park
Ferdinandstraße 22/Tempelgasse 10

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    5.0

    Julia Danielczyk

    Sehr interessanter und gelungener Artikel!

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