Rotes Wien: Die Geschichte einer Ära

Das Rote Wien (c) STADTBEKANNT

Geschichte von 1919-1934

Das Rote Wien ist bezeichnend für die sozialdemokratische Kommunalpolitik von 1919-1934. Auch für die Politik der Zweiten Republik war das Rote Wien mit seinen gesellschaftspolitischen Entwicklungen bedeutend und dient bis heute vielen Ländern als Vorbild, allem voran mit Reformen in der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik. Sein Ende nahm das Rote Wien mit der Enthebung des Bürgermeisters Karl Seitz durch die Vaterländische Front.

Elend in der Bevölkerung nach Krieg

Dass das Rote Wien in breiten Bevölkerungsschichten Zuspruch fand, ist wenig verwunderlich, blickt man doch auf die wirtschaftliche Lage der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Hunger und Armut bildeten das Triebwerk für die Schaffung einer Politik, die soziale Fürsorge, kommunalen Wohnbau und Schulreformen als primäres Ziel hatte. Eine hohe Sterberate bei Kindern, Säuglingen und Tuberkuloseerkrankten wurde zentraler Punkt der Gesundheitspolitik. In diesem Zusammenhang sticht ein bekannter Name besonders hervor – Julius Tandler. Der Mediziner und spätere Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen setzte sich für ein Sozialsystem, das auf dem Recht gegenüber der Gesellschaft beruhte. Die erste Wiener Krebsberatungsstellte initiierte ebenfalls er gemeinsam mit dem Krebsforscher Leopold Schönbauer.

Das „geschlossene System der Fürsorge“ vs. „Barmherzigkeit“

Julius Tandler prägte den „roten Sozialstaat“. Dabei gab es vier Grundsätze:
1. Die Gesellschaft ist verpflichtet allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren.
2. Individualfürsorge kann rationell nur in Verbindung mit Familienfürsorge geleistet werden.
3. Aufbauende Wohlfahrtspflege ist vorbeugende Fürsorge.
4. Die Organisation der Wohlfahrtspflege muss in sich geschlossen sein.
Wenn man sich diese vier Grundsätze vor Augen führt, erkennt man rasch, dass Tandlers Prinzip des Sozialstaates sowohl eine Verpflichtung der Gesellschaft als auch das Recht auf Fürsorge vertritt.

Weltweit bewundert und doch heute wieder in Kritik

Das, in der Zeit des Roten Wien, umgesetzte System der Fürsorge erfreute sich in der Welt großer Bewunderung und bis heute ist es als sozialpolitisches Konzept beispielhaft. Doch wo Bewunderer, da auch Kritiker und so machen sich auch heute noch vor allem aus dem rechten Lager Stimmen breit, die das Prinzip der sozialen Fürsorge kritisieren und argumentieren, wie sehr der Wohlfahrtsstaat missbräuchlich ausgenutzt werde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir viele Errungenschaften des Wohlfahrts- und Gesundheitswesens eben einer sozialen, humanen und verantwortungsbewussten Politik des Roten Wien zu verdanken haben.

Das Rote Wien

Teil 1: Die soziale Fürsorge
Teil 2: Der kommunale Wohnbau

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