Rotes Wien: Die Geschichte einer Ära – Teil 2

Das Rote Wien (c) STADTBEKANNT

„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“

Als wahr sollten sich diese Worte Karl Seitz‘ erweisen. Das Resultat jahrzehntelanger Anstrengungen rund um die Verbesserung der Wohnsituation der Arbeiterschicht, ist heute nur mehr unter dem Namen „Gemeindebau“ bekannt. Bereits um die Jahrhundertwende gab es bescheidene Versuche die Wohnungsnot zu bekämpfen.

„Friedenszins“ als ungewollte Grundlage für späteren sozialen Wohnbau

Familien und Soldaten sollten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges durch einen Mietzinsstopp und Einschränkungen des Kündigungsrechtes vor Wohnungslosigkeit geschützt werden. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden 65.000 neue Wohnungen gebaut. Die Idee kollektiv nutzbarer Wohnfolgeeinrichtungen forderte die Sicherstellung der Baufinanzierung und den Erwerb des Baugrundes. Finanzstadtrat Hugo Breitner unternahm den Versuch die Bautätigkeit durch Inlandsanleihen zu finanzieren. Glücklicherweise wurde Wien 1922 ein eigenes Bundesland und durfte von da an eigene Steuergesetze beschließen und somit den Grundstein für den kommunalen Wohnbau legen.

„Luxussteuer“ – geht doch!

Nicht nur eine Wohnbausteuer, sondern auch eine Luxussteuer brachte schlussendlich den Durchbruch zur Finanzierung des sozialen Wohnbaus. Alles was in irgendeiner Art und Weise als Luxus geführt werden konnte, wie beispielsweise Autos, Hauspersonal oder Vergnügen wurde besteuert. So kam es, dass 1927 die Gesamteinnahmen der Stadt Wien zu 20% aus der Luxussteuer kamen. Doch damit nicht genug – wehe man traute sich heutzutage den Immobilien-Tycoonen Feuer unterm Hintern zu machen – aber damals war ja alles anders. Die ausbeuterische Geschäftemacherei des privaten Wiener Immobilienmarktes wurde durch die Besteuerung von Immobilieneigentum kurzerhand zu einem Finanzierungsmodell für den Baugrunderwerb.

Heute lebt jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau

Die Stadt Wien ist heute mit ihren mehr als 220.000 Wohnungen die größte Hausverwaltung Europas. Die Mieten sind zwar im Lohn-Preis-Verhältnis seit 1926 gestiegen, als die Mietkosen etwa 5-10% eines Durchschnittslohns betrugen, allerding erfreut sich der Gemeindebau immer noch großer Beliebtheit.

Fakten über den Gemeindebau

Der Metzleinstaler Hof war der erste Wiener Gemeindebau nach dem ersten Weltkrieg.
Mit ca. 1.200 m ist der Karl-Marx-Hof der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt.
Die Wohnhausanlage Friedrich-Engels-Platz hat mit 1.467 Wohnungen die meisten Wohneinheiten.
Um die 500.000 Menschen wohnen in den mittlerweile 2.000 Gemeindebauten.
Zum Theodor Körner Hof gehört ein zwanzigstöckiges Hochhaus. Dieses war das erste Wohnhochhaus der Gemeinde Wien.

Das Rote Wien

Teil 1: Die soziale Fürsorge
Teil 2: Der kommunale Wohnbau
Teil 3: Die Schulreform
Teil 4: Die Frauenbewegung

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