Die Kunst des Aufschiebens (c) STADTBEKANNT

Die Kunst des Aufschiebens

Eine Prüfung, ein wichtiger Abgabetermin oder die Steuererklärung steht an und anstatt uns diesen Aufgaben zu stellen, klicken wir uns apathisch durch den Youtubekosmos, starren gebannt mit offenen Mund auf unser Smartphonedisplay und hangeln uns von einem Fernseh-Beitrag, der die wirtschaftliche Kolonisation Afrikas durch China behandelt über die besten Slamdunks von Michael Jordan, zu den Top Ten Kreaturen, die jemals an Stränden angespült wurden. Andere putzen plötzlich das Bad in der Wohngemeinschaft zum dritten Mal in zwei Wochen, kommen auf die Idee den verwilderten Garten im Hof ihres Wohnhauses umzugestalten oder müssen gerade jetzt Freunde anrufen.

procrastination is ruling the nation

Das pathologische Aufschieben wichtiger Aufgaben und die Ablenkung von diesen durch Ersatzhandlungen wird Prokrastination genannt, ist in aller Munde und avancierte in den letzten Jahren zu einem popkulturellen Phänomen. Im Internet stößt man auf eine Flut von Procrastination-Memes und Facebookseiten, die sich mit der konsequenten Aufschieberei befassen. Die deutsche Band Moop Mama widmetet dem Thema sogar einen eigenen Song. Dort heißt es unter anderem „Meine Timeline kenn ich auswendig“! Das Mobiltelefon und social media sind einerseits für Ablenkung prädestiniert, auf der anderen Seite wiederum auch einer der Gründe warum das Thema in den letzten Jahre immer mehr Beachtung findet. Viele Menschen scheinen davon betroffen zu sein. Manche mehr, manche weniger, gerade aber jene, die ein Studium absolvieren, oder in einem Beruf tätig sind, in dem sie sich mit Abgabeterminen konfrontiert sehen.

„In den letzten 76 Stunden setzt dann so ein anxiety-Gefühl ein“…

… aber davor kann Aleks, 32 er studiert Kunstgeschichte- und transkulturelle Translationswissenschaften eigentlich ganz gut abschalten. Zwei Monate vor Prüfungsdeadline vertreibt er sich seine Zeit, mit einem breiten Spektrum an Prokrastinationstaktiken. Soll heißen soziale Kontakte, Internet und „bingewatching“ von Dokus und Netflixserien. Prokrastination ist für ihn ein zeitgenössisches Problem. Er glaubt, dass Leute, die ein „Überpotential“ mitbringen und die Schule „easy-cheesy“ absolviert haben, ohne dort jemals wirklich gefordert worden zu sein, sich an der Uni einem ganz anderen Niveau und Pensum gegenübergestellt sehen. Jene Studierenden neigen dann zur Prokrastination. Nach seinem Gefühl sind in seinem sozialen Umfeld an der Uni 80% betroffen. Es kann bei ihm auch vorkommen, dass er, wenn er sich dann erstmal im Lernmodus befindet, innerhalb des Themas abschweift. „Die Dinge haben dann auch peripher mit dem Thema zu tun, ich finde das auch geil und interessant, aber zielführend ist das nicht. Aber zumindest hat man dann neues Wissen generiert und das ist nicht sinnlos!“ Aleks hat zwar schon öfter Prüfungen verschoben, jedoch kennt er auch das Gefühl das „unmögliche möglich zu machen“ und innerhalb von kurzer Zeit sehr ansprechende Präsentationen auf die Beine zu stellen.

Individuelles ovazahn

Den oder die ProkrastinatorIn gibt es nicht. Die Schweregrade, Spielarten und Auslöser sind so individuell wie die Menschen selbst. Gründe können z.B: Über- oder Unterforderung, Versagensangst, Perfektionismus oder Konzentrationsschwierigkeiten sein. Bezüglich der Häufigkeit divergieren wissenschaftliche Studien sehr stark. Man geht aber davon aus, dass ca 10% der Menschen, die regelmäßig prokrastinieren, spürbare Nachteile entstehen. Abgesehen das Prüfungen verschoben und Deadlines verpasst werden, kann das ständige Aufschieben Selbstentwertung, Gereiztheit und depressive Verstimmungen nach sich ziehen, zumal man das Gefühl bekommen kann einfach immer zwei Schritte hinten zu sein. Aber wozu das ganze dann? Beim „uns nicht konfrontieren“ mit wichtigen Arbeiten, greift ein Mechanismus, der uns zumindest solange besser fühlen lässt, bis der Blickkontakt zum Abgrund da ist. Also die Möglichkeit des Versagens realistisch erscheint. Wer sich dann noch immer nicht aufrafft, hat ein Problem, das vielleicht nicht nur im Vermeidensverhalten begründet ist. Die meisten ProkrastinatorInnen kriegen aber die Kurve. Manche laufen unter Zeitdruck sogar zu Höchstleistungen auf.

Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun. Ganz im Gegenteil, viele Leute, die mit diesem Problem auseinander setzen müssen, sind sehr aktive und kreative Menschen. Manche von ihnen haben vielleicht ihre Schwierigkeiten mit Hierarchien und können sich schwer unterordnen. Wir leben in einer Zeit, in der in allen Lebensbereichen eine gute Performance gefragt ist, in der leider viele Menschen glauben, dass ihr Wert ein Stück weit davon bestimmt wird, wie viel und was wir erreichen. Kopf hoch! Du bist nicht allein und am Ende des Artikels angelangt, falls du irgendetwas zu tun hast, beginn jetzt einfach.

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