Märchen – das literarische Evergreen

Auf Buchfühlung - Märchen

Auf Buchfühlung – Der erste Literatur Podcast Österreichs

Es war einmal und ist seither, eines der beliebtesten Vorlesegenres der Literatur – das Märchen.
Doch warum ist das so und welche Merkmale muss ein Text eigentlich erfüllen, um als Märchen bezeichnet zu werden? All diese Fragen haben Victoria Strobl und Irene Zanol den Germanisten und Märchen-Experten Stefan Neuhaus im aktuellen Podcast „Auf Buchfühlung“ gestellt.

Allem voran: Märchen sind simpel. In ihnen betreten wir eine Welt, die sehr einfach gestrickt ist. Gut und Böse sind ganz klar voneinander unterscheidbar. Die Charaktere, denen wir begegnen, sind wenig komplex: Hans und Marie, Mutter und Vater, Hexe und Königin sind uns schon nach wenigen Texten vertraut. Wir kennen sie, wir durschauen sie, wir wissen, wie sie handeln werden, dennoch lassen wir uns in ihren Bann ziehen und lauschen den Widernissen, die ihnen widerfahren. Auch diese sind einfach und repetitiv. Die Mutter verstirbt, der Vater heiratet erneut. Die Prinzessin ist bedroht, ein Prinz rettet sie. Das Problem, das es zu lösen gilt, ist angereichert mit fantastischen Figuren und magische Utensilien. Märchen sind durchschaubar, es verändert sich kaum etwas an ihnen, sie schaffen Vertrautheit und fühlen sich bekannt an. Genau das macht aber auch ihren Reiz aus, meint der Märchenforscher Stefan Neuhaus, denn genau diese Bekanntheit schafft Vertrauen und den Wunsch, zu erfahren, wie die Geschichte endet. Auch wenn wir eigentlich wissen, wie die Geschichte endet.

Heute würden wir sagen Plagiat

Märchen, so wie wir sie kennen, gibt es seit ca. 200 Jahren, seit der Volksmärchensammlung der Brüder Grimm. Die sogenannten Kunstmärchen gehen auf ETA Hoffmann zurück. Als allgemein bekannt gilt die Annahme, dass Märchen mündlich überliefert worden seien. Die Märchen aus der Sammlung Grimms wurden jedoch keinesfalls durch die beiden Brüder zum ersten Mal zu Papier gebracht. „Das, was wir heute als Autorschaftskonzept kennen, das gab es damals noch nicht. So etwas wie „Copyright“ ist ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert“, weiß der Germanist Stefan Neuhaus. Die Märchen, die wir heute kennen, basieren auf schriftlichen Quellen und die wurden für die berühmte Sammlung der Kinder- und Hausmärchen (19 Jahrhundert) von Jakob und Wilhelm Grimm schlicht abgeschrieben.

Pädagogisch wertvoll oder nicht

Ab den 1960er Jahren ist starke Kritik an den Märchen aufgekommen. Vor allem an ihrem pädagogischen Gebrauch, am Traditionalismus und den überkommenen Hierarchien. Im Märchen stecken Strukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das betrifft das Frauenbild aber auch den Umgang mit Kindern, das betrifft Gesellschaftsstrukturen, Gewalt und vieles, vieles mehr. Dennoch sollte man Märchen immer auch im Zusammenhang jenes Kontexts betrachten, in dem sie geschrieben worden sind. Eltern, die ihren Kindern Märchen vorlesen, sollten sie damit nicht alleine lassen und ihnen erklären, was sie zu bedeuten hatten und haben.

Moderne Märchen

Märchen haben also bis heute nichts von ihrem Reiz verloren; sie sind jedoch moderner geworden. Erzählerinnen und Erzähler wie Joanne K. Rowling, Walter Moers, Cornelia Funke und viele andere, haben das Genre in die Jetztzeit geholt und auch Walt Disney und Pixar haben, bei aller möglichen und nötigen Kritik, produktiv an Märchenstoffen gearbeitet. Vor wenigen Tagen hat Joanne K. Rowling übrigens Harry Potter at home veröffentlicht, eine zauber- und märchenhfate Seite, um der Langeweile ein Schnippchen zu schlagen.
Wenn ihr mehr über Märchen, ihre Kennzeichen, ihren Aufbau und ihre Funktion erfahren möchtet, dann hört doch in die aktuelle Auf Buchfühlung-Folge rein.

Stefan Neuhaus – der Märchen-Experte

Stefan Neuhaus ist Germanist und nach Stationen u. a. in Oldenburg und Innsbruck ist er seit 2012 Professor an der Universität Koblenz-Landau. Er schreibt regelmäßig für Die Furche und für literaturkritik.de, hat zahlreiche wissenschaftliche Monografien geschrieben und herausgegeben, darunter eine Einführung in die Literaturwissenschaft, Arbeiten zur Literaturkritik und zur Literaturvermittlung, zu Theodor Fontane, Erich Kästner, Ernst Toller und – das sei nicht zuletzt erwähnt – zu Märchen.

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