Tempelgasse (c) STADTBEKANNT

Jüdische Gemeinde in Wien

Die Geschichte des zweiten Wiener Gemeindebezirks ist untrennbar mit der des jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur verbunden. Sie prägen das Stadtbild des Bezirks seit Jahrhunderten.

Vor fast genau 400 Jahren, 1624, wurde in der heutigen Leopoldstadt das Ghetto im „Unteren Werd“ gegründet, das bis 1670 existierte. Bereits seit dem 12. Jahrhundert litten die Juden in Wien unter Unterdrückung und Enteignung. Nachdem sie des „Ritualmordes“ bezichtigt wurden, wurde das Ghetto ab 1668 immer wieder verwüstet und in Brand gesteckt. 1670 erfolgte die Anordnung des Kaisers Leopold I. zur Austreibung der Juden aus der Leopoldstadt. Am Ort des niedergerissenen Tempels wurde die Leopoldskirche errichtet.

In der Folge duldete der Kaiser trotz eines „Judenverbots“ wieder einige privilegierte jüdische Familien in Wien, doch erst unter Maria Theresia erhielten 1764 die Juden, besonders osmanische Sepharden, mehr Rechte. Nach der Märzrevolution 1848 fielen alle Arbeits- und Wohnbeschränkungen, ein Drittel der Leopoldstädter war zu diesem Zeitpunkt jüdisch und lebte vorwiegend in der Praterstraße und den umliegenden Seitengassen, wo auch in der Tempelgasse 1858 die größte Synagoge Wiens eingeweiht wurde.

Tempelgasse Schild (c) STADTBEKANNT
Tempelgasse Schild (c) STADTBEKANNT

Kulturleben auf der „Mazzesinsel“

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs flohen Tausende Juden nach Wien, die Leopoldstadt erhielt den Beinamen „Mazzesinsel“, an den heute ein Schild bei der Schwedenbrücke erinnert. Nach dem ersten Weltkrieg lebten schließlich 180.000 Juden in Wien, in der Leopoldstadt stellten sie die Hälfte der Bezirksbevölkerung. In jüdischen Theatern und Kaffeehäuser blühte das kulturelle Leben. Das Café Sperlhof etwa, das bis heute existiert, war schon damals Treffpunkt und Betraum. 1932 wurde es durch einen Angriff verwüstet, der Schlimmste von zahlreichen, die antisemitische Schlägertrupps in der Leopoldstadt ausführten.

Die Erinnerung wachhalten

War bereits zuvor der Antisemitismus in Wien immer stärker geworden, so wurden mit der Annexion Österreichs 1938 Juden schikaniert, ihre Geschäfte verwüstet. Während der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurden alle Wiener Synagogen und Bethäuser zerstört. Der Großteil der Wiener Juden, denen die Emigration nicht gelang, fiel der Schoah zum Opfer, 30.000 in der Leopoldstadt. Die „Steine der Erinnerung“ auf vielen Straßen und Plätzen machen heute ihre Ermordung sichtbar, ein „Weg der Erinnerung“ lädt dazu ein, die Erinnerung an die jüdische Kultur wach zu halten.

Theater Nestroyhof Hamakom Nestroy-Hof (c) STADTBEKANNT
Theater Nestroyhof Hamakom Nestroy-Hof (c) STADTBEKANNT

Doch obwohl die jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr um die 20.000 Mitglieder zählte, blieb und bleibt die Leopoldstadt ein Zentrum jüdischen Lebens in Wien. Heute befinden sich hier acht aschkenasische und drei sephardische Synagogen und Bethäuser sowie sieben jüdische Schulen. Koschere Lebensmittelgeschäftige und Restaurants sind Teil der Bezirkskultur, ebenso wie das Theater Hamakom Nestroyhof, das einzige jüdischen Theater Österreichs.

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