INLAND - Polyfilm Filmverleih

Film von Ulli Gladik

„A türkischer Horrschnitt is a türkischer Horrschnitt, do konnst sogn wosd wüllst.“ Christian ist Stammgast und schätzt die Qualität, aber auch den billigen Preis seines Frisörs im 10. Bezirk. Bei Wahlen entscheidet er sich jedoch, seit der Kanzlerschaft von Franz Vranitzky, für die FPÖ. Der langgediente Mitarbeiter der MA 48 scheint materiell abgesichert und deshalb nicht von existenziellen Sorgen geplagt. Was ihm Kopfzerbrechen bereitet ist die soziale Hängematte, in der sich andere seiner Meinung nach ausruhen, sowie seine türkischen Kollegen die partout nicht auf ihre Sprache verzichten wollen. Immerhin musste er das ja auch. Als Sprössling zweier „Ziegelböhm“, war er seiner Aussage nach sozial geächtet und es war ihm verboten in der Schule tschechisch zu sprechen.

„… es gibt nur zwa Orten vo Meinung, meine und de foilsche“! sagt Alex, lächelt verschmitzt in die Kamera und zieht seine Lebensgefährtin, die die Grünen wählt, noch ein Stückchen näher an sich. Die beiden necken sich liebevoll. Alex wirkt gelöst. Das Pärchen gibt ein harmonisches Bild ab. Ein Bild das nicht kongruent ist mit Alex späteren Aussagen. Den Sozialabbau der türkis-blauen Regierung gehe seiner Meinung nach in Ordnung, solange die Ausländer noch härter davon getroffen werden als er. Gegen Monatsende reicht es nur noch für Suppenwürfel, die Differenzen die er und seine, nunmehr Ex-Freundin, gehabt haben waren schlussendlich leider auch zu groß. Er wünsche ihr trotzdem das allerbeste.

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„Wozu hobn wir so große Politiker wenn man sie ois klaner Monn erst´n Kopf zabrechen muas“! Gitti weiß nicht mehr „was da oben los is“. Von der hohen Politik oder der Immobilienwirtschaft hat sie nicht viel Ahnung, wie sie offen zugibt. Ihre Welt ist überschaubar. Ihr Cafe, das Florida in Ottakring, ist ein Hort der Wärme, eine österreichische Institution im Grätzel in dem getrunken, gelacht und politisiert wird. Vor den Türken am Brunnenmarkt, die so fleißig sind und den Markt am Leben halten, hat sie großen Respekt. Ihr Anliegen wäre leistbares Wohnen und bessere Arbeitsbedingungen in der Gastronomie. Sebastian Kurz imponiert ihr irgendwie, ob seiner Jugendlichkeit.

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Ulli Gladik (Global Shopping Village) lässt uns in die Welt der angeblich „Anderen“ eintauchen. Eine Welt auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums vieler, die uns so fremd ist, obwohl ihre Protagonisten uns täglich begegnen. Gladiks Film ist kein plumpes, undifferenziertes Pamphlet gegen den Rechtspopulismus oder deren Wähler, sondern die berührende Geschichte dreier Menschen mit denen man mitfühlen kann und will. Ihre Darstellung ist meilenweit entfernt von der bloßstellenden Darstellung mancher sozialpornographischen Fernsehformate im Privatfernsehen, sondern verleiht ihren Akteuren Würde. Ein aufwühlendes Meisterwerk, das uns an die Bruchlinie der Republik versetzt und zum nachdenken, schmunzeln und manchmal auch zum Kopf schütteln anregt.

Noch zu sehen am 17. und 27. Juni im FILMHAUS SPITTELBERG (Sondertermine mit der Möglichkeit eines anschließenden Publikumsgesprächs mit der Regisseurin) und täglich bis 13. Juni im SCHIKANEDER. Sowie am 10. Juni im APOLLO.

Fotos: INLAND – Polyfilm Filmverleih

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