Hütteldorf entdecken: Ein Streifzug durch die Heimat von Rapid Wien


Zwischen Wienerwald, Wienfluss und dicht bebauten Straßenzügen liegt Hütteldorf an einer spannenden Schnittstelle der Stadt. Das Grätzl im 14. Bezirk verbindet Natur, Verkehrsgeschichte und eine besonders lebendige Fußballtradition. Für viele Wienerinnen und Wiener ist der Name untrennbar mit dem SK Rapid verbunden. Doch wer Hütteldorf nur auf das Stadion reduziert, übersieht einen Stadtteil mit langer Geschichte, überraschend viel Grün und markanten Spuren der Wiener Entwicklung. Ein Streifzug zeigt, warum sich ein genauerer Blick auf den Westen Wiens lohnt.
Hütteldorf blickt auf eine deutlich längere Geschichte zurück als der Fußballverein, der heute so eng mit dem Namen des Stadtteils verbunden ist. Hütteldorf wurde um 1170 unter der Bezeichnung „Utendorf“ erstmals urkundlich erwähnt. Über viele Jahrhunderte lag die Siedlung außerhalb der eigentlichen Stadt und entwickelte einen eigenen dörflichen Charakter. Mit der Ausdehnung Wiens rückte Hütteldorf immer stärker an das urbane Zentrum heran. Heute gehört das Gebiet zu Penzing und bildet zugleich einen Übergang zum Wienerwald. Genau dieser Gegensatz prägt das Grätzl: Rund um die großen Verkehrsachsen herrscht städtische Betriebsamkeit, wenige Minuten später öffnen sich ruhigere Wohngebiete und grüne Räume.
Eine zweite Identität trägt Hütteldorf seit mehr als einem Jahrhundert in Grün-Weiß. Rapid fand 1912 auf der Pfarrwiese eine neue sportliche Heimat und blieb dem Westen Wiens dauerhaft verbunden. Vereinsfarben sind deshalb im Grätzl mehr als bloße Dekoration. Rund um Spieltage prägen Schals und Trikots das Straßenbild; passende Ausstattung findet sich etwa im Rapid Shop – Trikots und Fanartikel. Die Verbindung zwischen Verein und Stadtteil ist so eng gewachsen, dass „Hütteldorf“ im österreichischen Fußball längst auch für die Heimat von Rapid steht.
Wer die Fußballgeschichte Hütteldorfs verstehen will, muss nicht beim heutigen Stadion beginnen. Ein wichtiger Ausgangspunkt liegt etwas weiter westlich: die frühere Pfarrwiese. Rapid bezog die Anlage 1912, nachdem der Verein den Rudolfsheimer Sportplatz aus finanziellen Gründen nicht mehr erhalten konnte und die Stadt den Pachtvertrag gekündigt hatte. Die neue Heimstätte wuchs mit dem Klub. Anfangs fanden dort nur einige Tausend Menschen Platz, nach Erweiterungen in den frühen 1920er-Jahren waren es rund 20.000. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Pfarrwiese zu einem zentralen Schauplatz des österreichischen Fußballs. Während der 66 Jahre in dieser Heimstätte sammelte Rapid zahlreiche Meisterschaften und Cups, ehe die Ära Ende der 1970er-Jahre auslief. Das 1977 eröffnete Weststadion löste die Pfarrwiese zunächst ab. Wegen schwerer Baumängel musste Rapid in der Saison 1977/78 jedoch zeitweise wieder auf die alte Heimstätte zurückkehren. Ab der Saison 1978/79 wurde das Weststadion dauerhaft zur grün-weißen Heimat. 1981 erhielt es den Namen seines Architekten und ehemaligen Rapid-Spielers Gerhard Hanappi. Im Oktober 2014 begann der Abriss des inzwischen zum Kultstadion gewordenen Gerhard-Hanappi-Stadions. Doch die Adresse blieb dem Fußball erhalten: An gleicher Stelle entstand das heutige Allianz Stadion, das am 16. Juli 2016 eröffnet wurde. Der Verein bezeichnet die Arena weiterhin auch als Weststadion. Mit bis zu 26.000 Sitz- und Stehplätzen ist sie heute der sichtbarste Orientierungspunkt der Rapid-Welt in Hütteldorf. Die Abfolge von Pfarrwiese, Hanappi-Stadion und neuer Arena zeigt, wie deutlich sich mehr als ein Jahrhundert Vereinsgeschichte im Stadtteil ablesen lässt.
Auch abseits des Fußballs erzählt Hütteldorf viel über das Wachstum Wiens. Der Bahnhof spielt dabei eine Schlüsselrolle. Bereits 1858 erhielt der damalige Vorort einen Bahnanschluss. Heute ist Wien Hütteldorf einer der wichtigen Verkehrsknoten im Westen der Stadt. Die U4 endet hier, außerdem treffen S-Bahn-, Regional- und weitere Zugverbindungen sowie Buslinien aufeinander. Für das Grätzl schafft diese Verkehrslage einen ungewöhnlichen Mix: Hütteldorf liegt am Stadtrand und wirkt an manchen Stellen fast vorstädtisch, ist gleichzeitig aber eng mit dem Wiener Zentrum verbunden. Einen besonders reizvollen Kontrast zur Verkehrsdrehscheibe bildet der nahe Wienfluss. Gerade im Westen wurde sein Ufer in Teilen naturnäher gestaltet und bietet Tieren und Pflanzen wieder mehr Lebensraum. Der Wienfluss-Weg führt durch diesen grüneren Abschnitt des Wientals und eröffnet eine völlig andere Perspektive als die großen Straßen rund um den Bahnhof. Bei einem Spaziergang lässt sich deshalb innerhalb kurzer Zeit zwischen Verkehrsknoten, Wohnviertel und Flusslandschaft wechseln. Genau diese Übergänge machen Hütteldorf interessant. Das Grätzl besitzt kein einheitliches Postkartenbild, sondern lebt von seinen Gegensätzen. Hier treffen die Spuren eines alten Wiener Vororts auf moderne Mobilität, ausgeprägte Sportkultur und einen Naturraum, der bereits den nahen Wienerwald ankündigt.
Hütteldorf eignet sich schließlich auch als Ausgangspunkt für Unternehmungen, bei denen Fußball nur eine Station des Tages bildet. Richtung Westen und Süden rückt die Stadtlandschaft immer näher an den Wienerwald. Grünräume, Radwege und Spaziermöglichkeiten zeigen, wie schnell Wien an seinem westlichen Rand den Charakter wechselt. Besonders das Wiental bietet sich für längere Touren an. Entlang des Wienflusses lässt sich die Stadt aus einer Perspektive erleben, die mit dem Verkehr und der dichten Bebauung der inneren Bezirke nur wenig gemeinsam hat. Nicht weit entfernt beginnt außerdem die grüne Landschaft rund um den Lainzer Tiergarten. Das ehemalige Jagdrevier des Kaiserhauses umfasst heute rund 2.450 Hektar Natur- und Kulturlandschaft und gehört zu den großen Naherholungsgebieten Wiens. So kann ein Tag im Westen der Stadt mehrere Seiten Hütteldorfs und seiner Umgebung verbinden: zuerst ein Blick auf die Fußballgeschichte rund um Pfarrwiese und Stadion, danach auf den Verkehrsknoten am Bahnhof und schließlich hinaus in Richtung Wienfluss und Wienerwald. Gerade diese Mischung unterscheidet Hütteldorf von vielen innerstädtischen Grätzln. Der Stadtteil erzählt von Vereinsidentität und Wiener Alltagsgeschichte, funktioniert aber ebenso als Tor ins Grüne. Damit liegt Hütteldorf geografisch zwar am Rand der Stadt, keineswegs aber am Rand dessen, was Wien interessant macht.