Hausfrauen-Trends reloaded

Karottenkuchen (c) STADTBEKANNT Mehofer

Backen, Nähen, Stricken

Fad? Verstaubt? Altbacken? Mitnichten! Seit einiger Zeit lässt sich ein erstaunlicher Trend beobachten: Allenorts wird gebacken, Marmelade eingekocht, gegärtnert, gestrickt, genäht und gebastelt.
Dabei sind dies doch eigentlich Beschäftigungen, die man eher Omas und pensionierten Nachbarinnen zuschreibt – den Hausfrauen der verstaubten 1950er und 1960er! Doch der Staub ist nun fort. Immer mehr junge Frauen und auch Männer entdecken den Spaß am Selbermachen und wagen sich an Tätigkeiten, die für die Hausfrauen von früher unbezahlte Alltagsarbeit darstellten.

Von der ungeliebten Pflicht …

Es kommt nicht von ungefähr, dass Beschäftigungen wie Backen, Nähen, Stricken und Gartenarbeiten lange Zeit ein negatives Image anhaftete. Immerhin handelte es sich um „häusliche Pflichten“, die von Frauen im voremanzipatorischen Zeitalter einfach erwartet wurde. Unbezahlt und wenig honoriert, versteht sich. Kam eine Frau ihren „Pflichten“ nämlich nicht oder nur unzureichend nach, hatte der Mann rechtlich alle Chancen, ihr die Erwerbsarbeit zu verbieten oder sie sogar zu schlagen. Möglichkeiten für Frauen, sich gegen die Asymmetrie der Verhältnisse zu wehren, gab es in der von zwei Weltkriegen geprägten Generation kaum – zu stark verankert war das Bild der „braven Hausfrau und Mutter“, die sich als Dienerin der Familie darum kümmerte, dass alle anderen sich um nichts kümmern zu brauchen. Was diese Doppelbelastung in der Praxis bedeutete, kann man sich ausmalen.

Laniato Stricknadeln Foto: STADTBEKANNT
Laniato Stricknadeln Foto: STADTBEKANNT

Als in den 1970ern die sexuelle Revolution den Frauen zu einer erneuerten Stellung in der Gesellschaft verhalf und insbesondere der Jugend Selbstbestimmung und berufliche Selbstverwirklichung versprach, gerieten die „hausfräulichen Pflichten“ rasch und gerne in Vergessenheit. Peace, Sex and Rock’n Roll waren angesagt – und nicht Kuchenbacken und Häkeln! Und wenn schon Hausarbeiten, warum dann nicht auch der Mann?

… zur wiederentdeckten Tradition

Das Bild, dass heute nur mehr liebe Omas Marmelade selber machen, Kleidchen nähen und sowieso am besten kochen können, muss mittlerweile revidiert werden. Eine neue und vor allem junge Generation verhalf den erwähnten „hausfraulichen Tätigkeiten“ wieder zu einem neuen coolen Image – der Kontext der Arbeiten bzw. Produkte ist allerdings ein anderer. Man arbeitet, bastelt, backt und näht nicht mehr, weil man muss, sondern weil man will – sich also bewusst dazu entscheidet, ganz im Sinne des DIY-Trends. Davon einmal abgesehen, entdecken auch immer mehr Männer die Freude am Kochen, Backen oder Nähen.

Zurück zum Ursprung – aber warum?

Die Gründe für das Revival sämtlicher „Hausfrauendisziplinen“ sind so vielfältig wie das Leben im postmodernen Zeitalter. Zum einen führte wohl die vor ein paar Jahren einsetzende Bio-Welle zu einer Besinnung auf „gute Lebensmittel“ ohne viele künstliche Inhaltsstoffe. Immer mehr Wert wird darauf gelegt, was in Produkten enthalten ist und woher sie kommen. Warum also nicht gleich selber machen?
Ein weiterer Punkt ist sicherlich der Aspekt der Entschleunigung, mit dem versucht wird der Hektik der heutigen Zeit entgegenzusteuern. Als bekannteste Gegenbewegung zum Trend des uniformen, globalisierten und genussfreien Fast Food, sei hier die „Slow Food“-Bewegung erwähnt. Mehr Lebensqualität und Genuss durch das Herstellen und Konsumieren der handgefertigten Produkte ist das erhoffte Ziel.„Grüne“ Trends wie Gemeinschaftsgärten oder Guerillla Gardening berauben auch die Gartenarbeit ihres provinziellen Status und sorgen dafür, dass nicht nur Oma, sondern auch die 20-jährige Studentin mittlerweile wieder zu Schaufel und Gartenschere greift.
Auch der Spaß am kreativen Basteln und Selbermachen – frei nach dem Motto DIY („do it yourself“) – darf als Motivationsfaktor nicht vernachlässigt werden. Schals und Mützen stricken ist in Zeiten des Schlauchschals wieder total in, auf youtube wimmelt es nur so von Bastel-, Upcycling- und Strickanleitungen, und Kochen und Backen ist dank Foodbloggern gefragter denn je.

(c) STADTBEKANNT Mautner
(c) STADTBEKANNT Mautner

Die neuen Hausfrauen und -männer

Interessanterweise sind es hauptsächlich junge und „hippe“ Leute, die mit den „hausfraulichen Tätigkeiten“ diverse Nischenprojekte starten und mit dem Etikett des Underground wieder en vogue machen. Teils verschmelzen auch Alt und Neu. Handarbeit und 3D-Druck, Gartengestaltung und Upcycling-Kunst, traditionell-heimische und internationale Küche – all das ist im 21. Jahrhundert kein Widerspruch mehr. Positiv an dieser Entwicklung ist, dass auf diese Weise alte Kulturtechniken und Traditionen erhalten bleiben, allerdings in einer entstaubten Form. Denn die Handarbeitenden und Kochenden von heute sind nicht länger die „Heimchen am Herd“, sondern moderne, kreative Frauen und Männer, die tun, was ihnen Spaß macht, und die sich immer wieder neue Betätigungsfelder suchen.
Man darf also gespannt sein, welche „Hausfrauen-Aktivität“ von anno dazumal als nächstes reaktiviert und entstaubt wird!

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