Wien

100 Jahre Republik Österreich - Teil 1 (c) STADTBEKANNT
100 Jahre Republik Österreich (c) STADTBEKANNT

Gehässige Töne, verheerende Wirkung

10. März 2018 • Wien

100 Jahre Republik Österreich: 1918 – 2018

Was anno 1918 antisemitische Propaganda war, sind anno 2018 “Untermenschen”-Sager und Fäkalstürme der virtuellen Art

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Auch und vor allem in der Politik: Schon vor 100 Jahren war man nicht gerade zimperlich beim Wahlkämpfen, und Feindbilder zu pflegen war trotz der traumatischen Erfahrung des 1.Weltkrieges schnell wieder en vogue. Eifrig buhlten Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale um die Gunst des Wahlvolkes und griffen dabei mitunter tief in die Dreckkiste.

Während die Sozialdemokraten dem Nationalismus und dem Kapitalismus die Schuld am Kriegsleid zuschrieben, beschuldigten Christlichsoziale und Deutschnationale bevorzugt die liberalen, bildungsbürgerlich-jüdischen und sozialistischen Kräfte, die Niederlage bewusst durch „Vaterlandsverrat” herbeigeführt zu haben. Als „Dolchstoßlegende” setzte sich diese Unterstellung in gewissen Kreisen rasch durch. Bald schon wurden Juden auf Wahlplakaten in übelster Weise karikiert. Sogar die Sozialdemokraten hatten Antisemitismus im Programm: Ähnlich wie heutige Verschwörungstheoretiker unterstellten sie den Juden zwecks Stimmenfang, nur dem Kapital zu dienen. Vonseiten der Pressewelt gab es zusätzlich eine deftige Prise Kriegsvokabular, um die Stimmung weiter eskalieren zu lassen. Dass diese geballte Agitation gegen eine große Bevölkerungsgruppe letztlich in der Katastrophe mündete, ist allgemein bekannt.

 

Ist man heute wirklich schlauer?

Haben wir aus der Geschichte gelernt? Können wir heute, 2018, politisch denken und aktiv sein, ohne martialisches Vokabular, ohne Beschuldigungen, Beschimpfungen, Diffamierungen und „Shitstorms” gegen Randgruppen oder Minderheiten? Die Antwort ist kurz, deprimierend und lautet „Leider nein”.

Immer noch hat Österreich ein Problem mit Antisemitismus in der Politikerkaste. Männerbündler, die an Rassen glauben, sitzen zuhauf im Parlament; deutschnationale Liederbücher verhöhnen die Opfer der Shoah, Wahlkampfzeitungen verwenden antisemitische Karikaturen, PolitikerInnen sprechen von „Untermenschen” oder pilgern an Gräber von SS-Leuten.

Ganz nebenbei ist die Sprache heute nicht weniger verroht als damals: Immer noch ist in Bezug auf das Fremde, Unerwünschte gerne einmal vom Belagern, Überrennen, Überfluten, Zersetzen, Schmarotzen oder Ähnlichem die Rede. So hat das Kriegsvokabular, das zwei Weltkriege mitverursacht hat, bis heute überlebt. Und kaum jemanden stört’s wirklich.

 

Spuren bis in die Gegenwart

Vieles, das 1918 Gemüter erregte und die Geister beschäftigte, ist auch 2018 noch Gesprächsstoff. Aus diesem Grund gibt es folgende Schwerpunktartikel zum Republiksjubiläum:

Wie der Phönix aus der Asche
Über die Geburt, den Tod und die Wiedergeburt der Republik Österreich.

Viva la Emancipación!
Über die Durchsetzung des Frauenwahlrechts 1918 und politische Anti-Emanzipations-Bewegungen, die bis heute aktiv sind.

Arbeitnehmerrechte: Ja bitte / Nein danke
Über den harten Kampf für mehr Arbeitnehmerrechte anno 1918 und die scheinbar bereitwillige Aufgabe selbiger Rechte anno 2018.

Mutig in die neuen Zeiten?
Über österreichische Trends, die 100 Jahre überlebt haben, und die Zukunft der störanfälligen Republik.

 

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