Der rollende Öko-Schmäh

E-Scooter (c) STADTBEKANNT

E-Scooter: Hippe Stadtflitzer als Umweltlawine

Er ist überall. Manchmal findet man ihn direkt neben der U-Bahn-Station, dann wieder am Zaun zur Hundezone lehnend oder irgendwo im Park. Seine Nutzer sind zwischen 10 und 90 Jahren alt, das Fahrkönnen variiert zwischen Bruchpilot und Verkehrsprofi. Sein Zustand schwankt zwischen einwandfrei und desolat.

Die Rede ist vom Elektro-Scooter. Stylish wie einst der Micro-Scooter am Schulhof, nur mit elektrischem Antrieb. Seit seinem Auftauchen im vergangenen Jahr prägt er das Stadtbild Wiens wie kaum ein anderes Kleinvehikel. Inzwischen ringen mehrere Scooter-Verleihdienste um die Vorherrschaft in der Donaumetropole: Tier, Bird, Lime und Hive sind nur ein paar davon. Rechtlich sind die praktischen und angeblich umweltfreundlichen Stadtflitzer als Fahrräder zugelassen, was bedeutet, dass damit höchstens 25 km/h und ausschließlich auf Straßen und Radwegen gefahren werden darf.

Der Umwelt zuliebe?

Zugegeben, der E-Scooter hat einen gewissen Reiz: Anders als beim Drahtesel bedarf es keiner Muskelkraft, um ihn zum Flitzen zu bringen, und hip ist das Ding obendrein. Manchen gilt der wiederaufladbare Scooter sogar als die Öko-Alternative zum Auto. Doch was bringen E-Scooter wirklich? Sind sie eine echte Alternative?

Wohl kaum. Eingesetzt werden sie nämlich vorwiegend auf Strecken, die sonst zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlich zurückgelegt werden würden. Als Ersatz für längere Autostrecken taugen sie aufgrund der Leihgebühr (Grundpreis 1,- Euro plus etwa 15 Cent / Minute) wenig. Böse Zungen würden behaupten, E-Scooter seien eher ein Spaßgerät als ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel. Ihre Nutzung ist somit kein Bonus für die Umwelt, höchstens eine Ergänzung des urbanen Hipster-Fuhrparks. Dass das nicht das einzige Problem mit den Rollern ist, versteht sich von selbst.

Große Profite, großer Schaden

Beginnen wir am Geburtsort des E-Scooters, in China. Die meisten Roller, die man bei uns auf der Straße antrifft, werden in einer von drei Fabriken des chinesischen Unternehmens Ninebot hergestellt. Das wachsende Transportunternehmen mit dem Sitz in Peking fiel zuletzt dadurch auf, dass es die US-Firma Segway aufkaufte. Auch deutsche Automobilhersteller investieren vermehrt in die Roller-Produktion, seit Elektroroller in Deutschland für den Straßenverkehr zugelassen sind. Letztlich naschen natürlich auch die zahlreichen Verleihfirmen am Geschäft mit.

Da damit zu rechnen ist, dass einige Roller Vandalenakten und unsachgemäßer Nutzung zum Opfer fallen, wird oftmals billig produziert. Quantität statt Qualität lautet die Devise. Trotzdem enthält jeder Akku Kobalt, Nickel und andere seltene Rohstoffe, die teils unter inhumanen Bedingungen im Kongo oder anderswo abgebaut werden. Ökologisch und menschlich ist das ein Desaster.
Die Unternehmen brüsten sich damit, dass wenigstens der Strom “sauber” sei. Zumindest blasen die E-Scooter im Gegensatz zu Autos und Mopeds kein CO² in die Atmosphäre. Doch auch hier gibt es einen Haken: Um die leeren Akkus der Roller wieder aufzuladen, werden sie per Lieferwagen eingesammelt und wieder ausgebracht. Die Lieferwägen fressen Benzin und Diesel. Jene Privatpersonen und Kleinstunternehmer, die für die Verleihfirmen “freiwillig” das Einsammeln übernehmen, tun dies schlecht bezahlt und unversichert – für den Profit der Unternehmen.

Wegwerfware ist nie öko

Kaum auf die Straße in die Freiheit entlassen, beträgt die Lebensdauer der E-Scooter zwischen wenigen Wochen und einigen Monaten. Ob durch Technik-Versagen, Witterung oder Vandalismus, die Tage der Roller sind von Anfang an gezählt. Sind sie kaputt, bleiben sie liegen – und müssen aufwendig repariert oder entsorgt werden. Vom Verleihrad-Markt kennt man das Problem bereits. Nicht allzu lange ist es her, dass kaputte Ofo-Räder made in China die Schmuddelecken und Gstetten dieser Stadt pflasterten. Sie wurden letztlich weggeschmissen. Nicht sehr nachhaltig.

Doch lieber radeln!

So spaßig E-Roller auch sein mögen, ihre Umweltbilanz ist ernüchternd: Zu unnachhaltig ist ihre Herstellung, zu kurz währt ihre Lebensdauer, und zu viele Autokilometer sind nötig, um ihre Akkus aufzuladen. Das gute alte Fahrrad ist eben doch die beste Wahl, wenn es darum geht, umweltfreundlich durch die Stadt zu kommen!

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