Crowdwork – modernes Arbeiten oder neues Tagelöhnertum?

Crowdwork (c) STADTBEKANNT

Digitalisierung ermöglicht flexibleres Arbeiten

Seit einigen Jahren wird auch in Österreich eine große Reihe von Dienstleistungen über Internetplattformen zur Verfügung gestellt. Apps wie Uber oder Mjam sind den allermeisten Menschen ein Begriff und werden für ihre Unkompliziertheit geschätzt. Mit ihrer Hilfe können Taxifahrten angefordert oder Essenslieferungen per Fahrradboten bestellt werden.

Aber was steckt hinter den stylischen Benutzeroberflächen – und unter welchen Bedingungen arbeiten eigentlich die Menschen, die uns von A nach B chauffieren oder uns spätabends noch Pizza bringen?

Welches System steckt hinter den Plattformen?

Bei der Plattformarbeit (auch „Crowdwork“ oder „Gigwork“) handelt es sich um eine Form der Arbeitsorganisation, bei der Tätigkeiten, die traditionellerweise von einzelnen, bestimmten Personen erbracht wurden, einem großen Kreis von Personen (der „Crowd“) über eine Internetplattform angeboten und dann in einzelnen kleinen Aufträgen (den „Gigs“) abgearbeitet werden.

In der Regel bestehen Internetplattformen darauf, zwischen den Arbeitenden und der Plattform komme kein Arbeitsvertrag zustande, sondern unmittelbar zwischen KundIn und arbeitender Person, die Plattform vermittle lediglich zwischen beiden. Plattformen sehen die CrowdworkerInnen also als selbstständige UnternehmerInnen an. Tatsächlich nimmt die Plattform aber eine bestimmende Stellung ein: KundInnenwünsche gehen bei ihr ein, sie leitet die Aufträge einzeln an die Arbeitenden weiter, übernimmt die Abrechnung und kontrolliert die Arbeitenden – ganz wie ein/eine ArbeitgeberIn. Offenbar wollen die Plattformen die CrowdworkerInnen nur dann bezahlen, wenn diese tatsächlich arbeiten, nicht aber, wenn sie warten müssen, weil etwa gerade niemand eine Pizza bestellt, die geliefert werden müsste. Es geht also darum, das wirtschaftliche Risiko auf die Arbeitenden zu verlagern und arbeitsrechtliche Ansprüche wie etwa auf bezahlten Urlaub oder Krankenstand nicht gewähren zu müssen.

Auch Steuern werden in der Regel nicht im nötigen Ausmaß gezahlt – die Unternehmen hinter den großen Internetplattformen sind zumeist in Niedrigsteuerländern ansässig und schwer greifbar.

Wie wirkt sich das alles auf die Arbeitenden aus?

Für die Zuweisung von Aufträgen heben die Plattformen in der Regel relativ hohe Provisionen ein – typischerweise zwischen 20 und 30%. Die Arbeitenden hingegen hasten von einem Auftrag zum nächsten – doch am Ende bleibt ihnen trotzdem oft ein sehr niedriger Verdienst von nur wenigen Euro pro Stunde. Erschwerend kommt hinzu, dass das vergleichsweise meiste Geld zu untypischen Zeiten verdienen lässt, etwa abends oder am Wochenende: Eben dann, wenn Menschen mit regelmäßigen Arbeitszeiten frei haben und Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Währenddessen kann die Plattform per GPS laufend kontrollieren, wo sich ein/eine bestimmte Arbeitende gerade befindet. Das Arbeiten für eine Plattform ist daher für viele CrowdworkerInnen mit prekären Lebensumständen verbunden.

Hat ein/e CrowdworkerIn einen Auftrag erledigt, wird der/die KundIn aufgefordert, die Leistung zu bewerten. Das geschieht typischerweise in Form von „Ratings“, also Skalen von Punkten oder Sternen. Die Bewertungen werden anschließend von der Plattform dazu genutzt, CrowdworkerInnen, die unterhalb eines bestimmten Niveaus liegen, keine Aufträge mehr zuzuweisen – obwohl die CrowdworkerInnen für ein niedriges Rating oft gar nichts können. Aus diesem Grund werden CrowdworkerInnen oft auch als „neue Tagelöhner“ beschrieben.

Wie geht es weiter?

Viele in der Plattformwirtschaft tätige Menschen wollen sich diese Zustände nicht länger gefallen lassen und beginnen, sich zu organisieren. In London streikten bereits 2016 die Fahrradboten der Plattform Deliveroo wegen zu niedriger Löhne, ebenso die italienischen Beschäftigten bei Foodora. In Österreich vertritt die Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) die Interessen von CrowdworkerInnen und bietet diesen seit Jahresbeginn 2019 auch eine Mitgliedschaft an. Unter www.faircrowd.work können sich CrowdworkerInnen, die digitale „Microjobs“ vom eigenen Computer aus erledigen und dafür oft lediglich wenige Cent erhalten, über Plattformen und die dort jeweils herrschenden Arbeitsbedingungen informieren.

Es zeigt sich also deutlich, dass es höchste Zeit ist, CrowdworkerInnen als ArbeitnehmerInnen, die sie in vielen Fällen tatsächlich sind, anzuerkennen und ihnen dadurch und durch weitere Regulierungsmaßnahmen rechtlichen Schutz zukommen zu lassen.

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