Bertha Pappenheim (c) STADTBEKANNT Braid

Große Wienerinnen

Im Alter von 21 Jahren kam sie wegen ihrer psychischen Erkrankung in die Betreuung des Wiener Arztes Josef Breuer, ein Freund von Sigmund Freud. In die Geschichte der Psychoanalyse ging sie als „Der Fall Anna O.“ ein.

Bertha Pappenheim wurde am 27. Februar 1859 als dritte Tochter einer wohlhabenden, orthodoxen jüdischen Familie in Wien geboren. Als sie im Sommer 1880 ihren schwer erkrankten Vater pflegte, traten bei ihr plötzlich Angstzustände und Halluzinationen auf, die andere Symptome wie Amnesien, Lähmungserscheinungen, Seh- und Sprachstörungen nach sich zogen. Breuer behandelte sie mittels Gesprächstherapie (teils unter Hypnose), für die Pappenheim selbst die Begriffe „talking cure“ und „chimney sweeping“ prägte. In den von Breuer und Freud 1895 gemeinsam herausgegebenen „Studien über Hysterie“ wird sie als der erste vollständig behandelte Hysterie-Fall dargestellt. Bertha Pappenheim war jedoch noch viele Jahre nach der Behandlung durch Breuer in Sanatorien.

Nach dem Tod des Vaters zog sie 1888 mit ihrer Mutter nach Frankfurt am Main, wo sie begann, sich wohltätig zu engagieren. Es folgte eine beeindruckende Vita als Frauenrechtlerin und soziale Kämpferin vorwiegend in der jüdischen Gemeinde. Dahingehend rief sie Vereine wie 1902 die „Weibliche Fürsorge“ ins Leben, gründete Pflegestätten und leitete ein jüdisches Waisenhaus. Schließlich gründete sie im Jahr 1904 den „Jüdischen Frauenbund Deutschland“ und 1907 das jüdische Mädchenwohnheim Neu-Isenburg. Bertha Pappenheim setzte sich vor allem für unverheiratete Mütter sowie obdachlose Mädchen ein und kämpfte vehement gegen Prostitution und Mädchenhandel. Im Zuge ihrer Sozialarbeit verfasste sie auch Artikel und Studien zu feministischen Themen in Verbindung mit dem Judentum. Darüber hinaus schrieb Bertha Pappenheim Gedichte, Dramen und Erzählungen – bis 1902 noch anonym bzw. unter dem Pseudonym Paul Berthold. Bertha Pappenheim stieß aufgrund ihrer kritischen Ansichten oft auf Widerstand, auch aus der jüdischen Gemeinschaft, doch sie führte ihre Aktivitäten unbeirrt fort.

Im Jahr 1935 erkrankte sie an Krebs. Noch wenige Wochen vor ihrem Tod wurde sie von der Gestapo verhört, weil sich ein Mädchen im Isenburger Heim angeblich abfällig über Hitler geäußert hatte. Bertha Pappenheim setzte dieses Verhör stark zu – sie starb am 28. Mai 1936. 1938 wurde das Heim Neu-Isenburg in Brand gesetzt, 1942 die letzten Bewohnerinnen deportiert und ermordet.

 

Foto: Bertha Pappenheim (c) STADTBEKANNT Braid

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