Erster Mai (c) STADTBEKANNT

Der Rebellentag

Der 1. Mai hat eine lange Tradition. Seit bald 130 Jahren kämpfen an diesem Tag ArbeiterInnen für ihre Rechte, seit 100 Jahren ist er ein Feiertag – aber der 1. Mai ist bis heute mehr als das.

Die Idee, überall auf der Welt, wo ArbeiterInnen sind, für den 8-Stunden-Tag zu demonstrieren, war elektrisierend. Sie begeisterte Hunderttausende, aber nirgendwo war sie von so großer Wirkkraft wie in Wien. An diesem gewöhnlichen Arbeitstag die Arbeit einfach ruhen zu lassen, um zu einer Versammlung der „Roten“ zu gehen, sich Reden über die Vision einer Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung anzuhören und dann in den Prater zu ziehen und ein wahres Volksfest zu feiern, war 1890 ein Akt, der die Eliten im Land in Schrecken versetzte. In den Palais und Villen herrschte Angst vor einer Revolution. Vorsorglich hatte man Victor Adler, den Armenarzt an der Spitze der Arbeiterbewegung ins Gefängnis gesteckt. In vielen Fabriken und Werkstätten drohten die Chefs mit sofortiger Kündigung, wenn ihre Arbeiter am 1. Mai streiken wollten.

Eine kleine Revolution

In vielen Betrieben wirkte damals aber die Erpressung. So auch in der Fabrik, wo die spätere Parlamentsabgeordnete Adelheid Popp damals noch als junge Fabrikarbeiterin arbeitete. Die Angst vor der drohenden Arbeitslosigkeit war noch stärker als die Solidarität. Sie schrieb später: „Ich fügte mich mit geballten Fäusten und empörtem Herzen. Am 1. Mai, als ich mit meinem Sonntagskleid zur Fabrik ging, sah ich schon Tausende mit dem Maizeichen geschmückt in die Versammlungen eilen.“ Im Jahr darauf feierten dank einer starken Organisation auch sie und ihre Kolleginnen. Die Rebellen hatten ihren Festtag der Arbeit durchgesetzt. Es war in der Tat eine kleine Revolution, die sich da abspielte.

Feiertag

Seither ist der 1. Mai der Tag, an dem ArbeiterInnen selbstbewusst auf die Straße gehen, um für ihre Rechte und Forderungen einzutreten. Als die junge Republik 1919 den 1. Mai zum offiziellen Feiertag ausrufen wollte, sahen viele Konservative darin eine Provokation. Adelheid Popp begründete im Parlament die Entscheidung damit: Es gehe darum „der Forderung nach dem Achtstundentag, dieser gewiß menschlichen wie kulturellen Forderung, Nachdruck zu verleihen“.

Die Tradition lebt

Der Achtstundentag als Maximalarbeitstag ist heute wieder ein Kampfziel. Und auch 100 Jahre später nutzen ArbeiterInnen den Maiaufmarsch, weil sie auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollen. Letztes Jahr demonstrierten zum Beispiel die Beschäftigten der AUVA, heuer gehen die KrankenpflegerInnen aus den Gemeindespitälern auf die Straße, um für das Recht auf Optimierung ins neue Besoldungsschema zu kämpfen. Martin Gutlederer, einer der Sprecher der KrankenpflegerInnen bringt es auf den Punkt, warum sie trotz Feiertag, wo man auch ausschlafen könnte, um 8:00 Uhr auf den Ring marschieren: „Es ist aus meiner Sicht klar, dass wir uns am 1. Mai beteiligen. Seit 1890 ist er der Tag der ArbeiterInnen in Österreich, die dort ihre Forderungen stellen. Wir stehen also in dieser Tradition und werden den Forderungen der KollegInnen Aus- und Nachdruck verleihen.“

Gelebte Solidarität ist also auch heuer am 1. Mai wieder gefragt. Und anschließend geht’s wie seit fast 130 Jahren in den Prater oder zum Sandleitenhof zum Feiern!

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