Lifestyle – Skurriles

Ikea
Ikea

Zwölf Stunden IKEA

27. Jänner 2013 • Skurriles

Ein kompletter Tag in der Samstagshölle: entdecke die Möglichkeiten!

Dreizehn Stunden Lugner-City – dieses Experiment noch zu toppen schien uns beinahe unmöglich. Allerdings kostet uns das gegen die Vorstellung von einem kompletten Tag in der Samstags-Hölle IKEA nur mehr ein müdes Lächeln: Von 9:00 bis 21:00 Uhr hat die schwedische Möbelkette tatsächlich geöffnet, und wir kosten die Öffnungszeiten von Anfang bis Ende aus – für Kost und Logie ist schließlich gesorgt.

Ich bin also guter Dinge, als ich Mittwoch morgens um 8:00 Uhr bei der U1 Station Reumannplatz stehe und kurz danach in den schon vorgeheizten IKEA-Bus einsteige: mit mir machen sich nur ein paar Familien und ältere Herrschaften auf den Weg, es ist direkt gemütlich. Umzugsbedingt brauche ich sowieso ein paar Dinge für den Haushalt – und mal ehrlich, „braucht“ man nicht immer irgendwas von IKEA? – und so verbinde ich das Unangenehme zumindest mit dem Nützlichen.

 

Endlos Kaffee, endlos Cola

8:30 Uhr, IKEA, es gibt tatsächlich eine Art Begrüßungskomittee: Frühstück mit Kaffee so viel man will, für IKEA-Family Mitglieder natürlich günstiger und ich bin tatsächlich Mitglied. Warum und seit wann? Keine Ahnung, ich wurde vermutlich wie die meisten anderen Österreicher in meinem Alter schon in diese Familie hineingeboren. Um 9:00 Uhr ist jedenfalls Startschuss und die Pforten zum nordischen Lebensstil gehen auf, die durchaus beachtliche Menschentraube setzt sich in Bewegung. Ich stärke mich noch zusätzlich mit einem der berühmten Hot Dogs mit unendlich Cola, dann geht es los.

Sicherheitshalber nehme ich mir keinen Einkaufswagen – zu groß ist gleich von Anfang an die Versuchung der unverschämt günstigen und vor allem praktikablen Haushaltsgegenstände, die mir irgendwie wirklich das Gefühl vermitteln, sie würden meinen Alltag immens verbessern und mir dabei helfen Zeit, Geld und vor allem Platz zu sparen – bei all den Angeboten scheint es mir fast unmöglich, weniger Zeit als zwölf Stunden hier zu verbringen.

Es geht also im Schneckentempo in die vorgeschriebene Richtung durch die Wohnwelten – komplette Wohnungen auf 10 Quadratmetern: Das komplette Leben in quadratischen Pappschachteln, die wiederum in quadratische Öffnungen in quadratischen Möbeln passen. Das ist wohl, was man landläufig als nordisches Design bezeichnet. Ich versuche möglichst viel Zeit zu schinden, setze mich auf wirklich jeden Stuhl, jedes Sofa, an jeden Tisch, lege mich in jedes Bett – es macht beinahe Spaß. Zwischen Küchenwelten und Schreibtischland entschließe ich mich, die Unterlegsmatte für Besteckladen doch nicht zu kaufen – ich will sie zurücklegen, doch in die falsche Richtung durch das Gangsystem zu laufen fühlt sich an, wie Rückwärts durch die Zeit zu reisen. Irgendwann verliere ich komplett die Orientierung: bin ich nun schon vorbei? Gehe ich jetzt vorwärts oder rückwärts? Ich habe fast Angst, durch das Nehmen einer falschen Abkürzung in eine unendliche Schleife geraten zu sein.


Schötböllar?

Endlich, draußen. Plötzlich stehe ich am Scheideweg: Restaurant oder die berüchtigte Selbstbedienungshalle, aus welcher der Legende nach niemand entkommen kann, ohne eine 100er-Packung Teelichter mitgenommen zu haben. Erstmal also eine Stärkung, ich nehme – wie könnte es anders sein – Köttbullar, die Fleischbällchen, die selbst die IKEA-Mitarbeiter vor unlösbare Ausspracheprobleme stellen, und die Prinzessinentorte, die absolute Krönung eines jeden Besuchs im Schweden-Experience.

Gut, es geht also weiter, auch wenn es mittlerweile draußen schon fast dunkel ist – im fensterlosen SB-Markt im Erdgeschoß scheint die Halogen-Sonne weiter. Geschirr, Vasen, Dekoration, Aufbewarungsboxen. „Woran du gutes Design erkennst? Am Preis!“ heißt es überall – stimmt, am Produkt jedenfalls nicht. Je mehr man von der Einheitsware sieht, desto mehr erkennt man ihre innewohnende Geschmacklosigkeit. Nach ungefähr sieben Stunden sieht man hinter die Matrix aus Plastik. Ich beginne meinen mittlerweile gut gefüllten Einkaufskorb wieder auszuräumen und kann mich nicht einmal mehr daran erinnern diese Dinge hineingelegt zu haben. Habe ich schon zu viel Zeit hier verbracht oder setzt hier das Hirn aus und eine höhere Macht übernimmt das Ruder, eine Art urtümlicher Nestbau-Instinkt? Ein kalter Schauer läuft über meinen Rücken.

Die restliche Zeit muss ich hier etwas gestrafft darstellen: Pflanzen, SB-Halle, Kinderland, mehr Hot Dogs, mehr Tische, mehr Stühle. Irgendwann bin ich dann an den Kassen, an denen wirklich noch ein paar Menschen anstehen – ich kaufe tatsächlich nichts, nur eine Fahrkarte für den IKEA-Bus. Als ich dann endlich am Weg nach Hause bin, fühle ich mich als Sieger. In der Hand meines Bus-Sitznachbarn: eine 100er-Packung Teelichter.

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »