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Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT

Wir verleihen die stadtbekannt Medaille für jenseitiges politisches Handeln.

26. Mai 2010 • Lifestyle

Leicht ist uns die Entscheidung ja wirklich nicht gefallen, denn Jenseitigkeiten finden sich bekanntlich fast überall. Da gäbe es beispielsweise einen Herrn Schneeberger, seines Zeichens Klubchef der ÖVP im Niederösterreichischen Landtag, der sich bemüßigt fühlte festzuhalten, „Ein ÖVP-Wähler wird, bevor er einen Herrn Fischer wählt, eine Frau Rosenkranz wählen“. Es gäbe auch die angesprochene Präsidentschaftskandidatin, deren Schulwissen über den Nationalsozialismus auffrischungsbedürftig wäre, oder auch manch anderen. Aber den Preis müssen wir diesmal einfach einem ganzen Land verleihen, den Ungarn nämlich.

Wir haben Redaktionsmitglieder aus Tirol und Kärnten und sind es solcherart ja an sich gewohnt, dass Teile der österreichischen Bevölkerung die Niederlage im 1.Weltkrieg nicht und nicht verwinden können. Manch ein/e Tiroler/in trägt immer noch voller Stolz ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Tausche Wien gegen Südtirol“ und führt solcherart das eigene Ressentiment spazieren und in Kärnten scheint überhaupt ein Großteil der Bevölkerung den Südkärntner SlowenInnen den Entscheid, bei Österreich zu verbleiben, im Jahr 1920, nicht und nicht verzeihen zu können.

Im großen und ganzen muss man aber festhalten, dass der 1.Weltkrieg in Österreich mehr oder weniger kein politisches Thema ist. Weder gibt es Bestrebungen das Kanaltal zurück zu erobern, noch Südtirol und fast jede/r sagt längst Sopron und Bratislava, während Ödenburg und Pressburg langsam aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Ganz im Gegensatz zum 2.Weltkrieg übrigens, den bestimmte PolitikerInnen nach wie vor versuchen zu gewinnen.

Aber zurück zu Ungarn. Fein hatte man sich das ausgemalt, in Budapest und Wien, als es 1867 zum Ausgleich zwischen den Interessen des Österreichischen Finanzkapitals und der ungarischen Agraroligarchie kam. Die anderen Teile des k.u.k. Reiches hatten das Nachsehen, aber Ungarns Aufstieg zur Großmacht war besiegelt. Und dann kam dieser dumme, dumme Krieg und weil man den nun mal verlor, war´s auch bald wieder vorbei mit dem eigenen Großreich. In Trianon wurde Cisleithanien aufgeteilt und Ungarn mehr oder weniger auf seine heutige Größe zurecht gestutzt. Klingt vertraut? Ist es ja auch, denn in der Tat scheinen die beiden ehemaligen beherrschenden Länder der Donaumonarchie, Österreich und Ungarn, in vielerlei Hinsicht seelenverwandt zu sein. Denn schon kurz darauf fing das Gezeter an. Wir sind so klein und auch so arm, alle Welt hat sich gegen uns verschworen usw. blablabla.

Was liegt da näher als sich massenhaft einer faschistischen Bewegung anzuschließen? Vieles, beinahe alles, würden jetzt viele einwenden, aber nicht so die UngarInnen. Die Pfeilkreuzler wurden eine Massenbewegung und sobald diese ab 1944 dazu in der Lage waren, begannen sie die Ermordung von 500000 ungarischen Juden tatkräftig zu unterstützen und ebenso den ungarischen Teil des Porajmos, des Völkermordes an den europäischen Roma.

Abermals ging der Krieg verloren, Pfeilkreuzler Führer Ferenc Szálasi wurde in Budapest wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit öffentlich gehängt.

Ungarn Heute

In den letzten Jahren musste Ungarn einiges mitmachen. Unter anderem einen Beinahe- Staatsbankrott und ein berühmt berüchtigtes Strukturanpassungsprogramm des IWF durchleiden.Was liegt da näher, als sich der alten Geisteskrankheiten des Antisemitismus und des Antiziganismus zu erinnern, denn irgendwo wird sich schon irgendwer wieder einmal gegen Ungarn verschworen haben. Vieles, beinahe alles mag man nun entgegnen, aber nicht so ein guter Teil der ungarischen Bevölkerung.

Ungarn hat nun einen Premierminister, der vielleicht bald mit Zweidrittelmehrheit regieren kann und für diesen Fall schon angekündigt hat, allen AuslandsungarInnen die Staatsbürgerschaft verleihen zu wollen. In den Nachbarländern freut man sich einen Haxen aus über diesen Versuch Ungarns Geschichte umzuschreiben und warum sollte man auch nicht ein bisschen zündeln, wird ja fad sonst.Einen Premierminister der die ungarische Linke schon einmal genetisch zu ergründen versucht und der auch wenig Berührungsängste nach ganz rechts zu haben scheint.

Fast 17 Prozent entschieden sich überhaupt für die Partei Jobbik, die mit der Ungarischen Garde einen Trachtenverein betreibt, der sich optisch und symbolisch an den Pfeilkreuzlern orientiert und in Romasiedlungen Angst und Schrecken verbreitet und die hinter jeder Ecke die jüdische Weltverschwörung vermutet.

Eine reife politische Leistung war das, liebe Ungarn, und deshalb wollen wir euch heute die Medaille für jenseitiges politisches Handeln verleihen. In Österreich haben wir die letzten Jahre gut darauf aufgepasst, aber man muss eben auch eingestehen, wenn man verloren hat. Also wollen wir mal faire VerliererInnen sein und euch zu diesem fulminanten Erfolg gratulieren. Aber nicht weinen, wenn es ein paar Jahren dann wieder ein nettes Gespräch mit den Herrn und Damen vom IWF gibt, weil sich der Versuch den 1.Weltkrieg doch noch zu gewinnen, als mäßig zukunftsträchtiges Projekt erwiesen hat. Irgendwer wird sich schon wieder irgendwo verschworen haben usw. blablabla.

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