Lifestyle – Skurriles

Heldenplatz (c) stadtbekannt.at
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Akademikerball

20. Jänner 2015 • Skurriles

Wieso heißt der Akademikerball eigentlich Akademikerball?

Am 30. Jänner ist es wieder soweit, das rechte Who-is-Who Europas holt wieder mal Smokings, Ballkleider, Uniformen und ähnliche Faschingsklamotten aus dem Schrank und trifft sich in der Wiener Hofburg zu einer ‚rauschenden Ballnacht‘, wie es auf der offiziellen Website der Veranstalter heißt. Für die WienerInnen eigentlich nichts neues – mittlerweile ist man es ja traurigerweise schon gewohnt, dass sich ein paar Hundert Menschen in der Hofburg zu jenem Clownschulen-Klassentreffen zusammenfinden und ein paar tausend Menschen in der Innenstadt dagegen demonstrieren – mal friedlicher, mal weniger.

 

Adabei

Polizeipräsident Pürstl hat sich auch angekündigt: er kommt mit ein paar (hundert, tausend?) Arbeitskollegen vorbei und verspricht sozusagen nach dem Rechten zu sehen. Es ist also zu erwarten, dass auf den Straßen Wiens an diesem Abend – gelinde gesagt – ein bisschen viel los sein wird. Ähnlich wie vergangenen Mai, als sich halb Wien dank Conchita Wurst noch in den Armen lag. Österreich stand über Nacht in der Weltöffentlichkeit für allerlei erstrebenswerte Begriffe wie Toleranz, Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung.

Doch spätestens seitdem sich die Café Prückel-Geschichte auch außerhalb des Landes herumgesprochen hatte, bröckelt die tolerante Fassade mehr als die so mancher WU-Bauten.Zu allem Überfluss haben bisher in Anonymität verhüllte Organisatoren den ersten PEGIDA-Spaziergang in Wien für den 2. Februar angemeldet. Die Identitären haben sich diesen Termin natürlich auch schon braun im Kalender angestrichen.

Weder die Demonstranten, noch die Ballbesucher repräsentieren die gesamte österreichische Bevölkerung. Jedoch liegt es ebenso auf der Hand, dass über den Akademikerball und die damit verbundenen Proteste höchstwahrscheinlich über die Landesgrenzen hinaus berichtet wird.

Womit wir dann auch beim Thema wären: nachdem die Wiener FPÖ 2013 die Organisation des WKR-Balls übernahm, versuchte man auch auch bei der Namenswahl die braune Brühe ein wenig weichzuspülen. Akademiker sind ja natürlich im Hinblick auf die Wortbedeutung eher in der bürgerlichen Mitte zu verorten als ein gewisser ‚Wiener Korporationsring‘. Und so trifft sich also aus der Sicht der Außenstehenden nicht die rechte ‚Elite‘ in der Hofburg, sondern die Akademiker des Landes und deren Freunde aus dem Ausland, um bei einem Glaserl Spritzwein angeregte Plaudereien zu Top-Themen wie der drohenden Islamisierung des Abendlandes abzuhalten. Pauschalisieren oder sich eben mit fremden Federn schmücken kann die FPÖ ja sowieso wunderbar, also warum auch nicht auf dem Rücken aller Akademiker Österreichs.

 

Plastiksäbel am Siegfriedskopf

Es mag sein, dass vielleicht einige Burschenschaftler, die sich sonst Woche für Woche fein in Schale geschmissen auf der Rampe der Uni verirren und dann mit ihren Plastiksäbeln am Siegfriedskopf herum rasseln, in irgendeiner Weise Akademiker sind oder sein werden. Eine Narbe im Gesicht ist noch kein Zeichen akademischer Reife – eher ein Zeichen dafür, dass man offensichtlich einen an der Waffel hat.
Ebenso mag es sein, dass so mancher Gast, der in der Hofburg einen Rückwärtswalzer auf’s Parkett legen wird, einen akademischen Abschluss hat. Jedoch hätte man diese Veranstaltung dann auch Wiener Ballkleidball nennen können, weil ja auch einige der teilnehmenden Personen im Ballkleid auftauchen.

 

„Die blaue Nacht der braunen Hosen“

Doch wie nennt man das Kind jetzt? Wenn man sich die vergangenen Wahlplakate der FPÖ ansieht, wundert man sich sowieso, wo deren begnadete Texter und Dichter denn waren, als man den WKR-Ball neu benannte. Gott sei Dank verfügt jede Online-Tageszeitung, die etwas auf sich hält, über eine Kommentarfunktion. Dort wird man im Zweifelsfall schnell fündig, wenn man auf der Suche nach treffend formulierten Aussagen ist. Frei nach dem Motto ‚was drauf steht, ist auch drin‘ werden beispielsweise Titel wie ‚Reigen der ewig Gestrigen‘, ‚Kreishüpfen der Gesichtsbeschädigten‘ oder ‚Blaue Nacht der braunen Hosen‘ genannt.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass die MA48 am Tag danach noch Zeit dafür findet, den Begriff Akademiker wieder aus dem Dreck zu ziehen, nachdem sie die Hofburg vom rechten Gedankendurchfall befreit hat.

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