Wien – Wienerisch

Wienerisch - Goschn (c) STADTBEKANNT
Wienerisch - Goschn (c) STADTBEKANNT

Wienerisch: Goschn

6. April 2016 • Wienerisch

Mundwerkbezogene Wörter und Schmählichkeiten

„Gusch, du großgoscherter Wappla!”
„Halt den Mund, du vorlauter Idiot!”

 

Dem Klischee entsprechend ist der gstandene Wiener Meister darin, dem Gegner in einer Auseinandersetzung eine ordentliche Goschn anzuhängen („verbal zu provozieren bzw. zu beleidigen”). Wie das klingen kann? Etwa so:

„Hoit de Pappn, goscherter Bua.” „Halt den Mund, junger Maulakrobat.”
„I hau da glei ane in de Goschn.” „Ich hau dir gleich eine aufs Maul.”
„Sei gusch, Wappla.” „Sei still, Trottel.”
„Heast, Großgoschata, hoits zam.” „Halt die Fresse, du Großmaul.”

 

Als Synonyme für den Mund können demnach zwei Wiener Wörter identifiziert werden: die Goschn und die Pappn. Beide werden im Schimpfwortkontext ähnlich verwendet wie die bundesdeutschen Äquivalente Maul und Fresse – nur eben um ein Vielfaches kreativer. So gibt es zur Goschn auch Adjektive – goschert („frech”, „vorlaut”) bzw. großgoschert („vorlaut und angeberisch”) – und das Substantiv (Groß-)Goscherter.

Kein Schimpfwort ist hingegen das Zuckergoscherl – viel
eher handelt es sich um ein Kosewort für pausbäckige
Kleinkinder. Vollbartträger nennt man scherzhaft Pöözgoschn
(„Pelzgoschen”). Wer sich im Gespräch stets aus allem
herauswindet, viel Lärm um nichts macht und somit gekonnt
dampfplaudert, wird als Goschn- bzw. Pappnakrobat be-
zeichnet. Bekommt ein solcher irgendwann einmal Zahnweh,
geht er zum Pappnschlosser („Zahnarzt”).
Über den Besuch bei demselben, seine unhöflichen As-
sistentinnen und die vermutete Liebschaft zwischen dem
verheirateten Herrn Doktor und seiner Sekretärin zerreißn si
sogenannte Bassenatratschn gern de Pappn.
Zur Erklärung: Eine Bassena war eine öffentliche Wasserstelle
im Haus, an der die Parteien jedes Stockwerkes sich das
Wasser für die Wohnung holen konnten. Natürlich kam es da
des Öfteren zu Wartezeiten – und zu eifrigem Austausch von
Klatsch und Tratsch. Viele ältere Zinskasernen („Substandard-
Wohnhäuser”) in Wien haben übrigens nach wie vor
www.stadtbekannt.at | 41SChimpfen in wien
Bassenabecken, einige wenige sind noch in Betrieb.
Die Spezies der Bassenatratschn ist allerdings nie ausge-
storben. Meist sind es ältere Damen, die einem, ganz um
das Wohl des Gesprächspartners besorgt, Details aus dem
Privatleben der Nachbarn, politische Verschwörungen und
ähnlich Spannendes genau erläutern müssen. Und dabei
noch glauben, dass das Gegenüber tatsächlich interessiert
ist.
Zuletzt noch einige Redewendungen rund um die Goschn,
die nicht aus dem Wienerischen wegzudenken sind:

„Bei dera muaßt de Goschn extra daschlogn.” – Wenn diese Person einmal stirbt, muss man das lose Mundwerk separat umbringen = diese Person ist extrem schlagfertig und redet viel
„si de Goschn zerreißn über …” – ablästern / tratschen über …
„jemandem eine Goschn anhängen” – jemanden gekonnt provozieren oder beleidigen
„Hände foitn, Goschn hoitn.” „Hände falten, Mund halten” – ironische Anspielung auf sinnbefreite (kirchliche oder politische) Dogmatik

 

Praktischer Guide

Schimpfen kann man lernen. Wer in Wien wohnt, muss das sogar gewissermaßen tun, um den Alltag unter lauter Deppaten zu bewältigen. Aus diesem Grunde entstand dieser Guide, der einem jenes Wissen vermittelt, das man zum Überleben einfach braucht. Ob universelle Schimpfwörter, kulinarische Schmähungen oder richtig derbe Flüche – all das ist in dem STADTBEKANNT-Guide Schimpfen wie ein echter Wiener enthalten und wartet nur darauf, entdeckt zu werden.

 

Cover Schimpfen wie ein echter Wiener

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »