Wien – Grätzltipps – 3. Landstraße

(c) stadtbekannt
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Wien Mitte – The Mall

19. März 2013 • 3. Landstraße, Skurriles

Einkaufszentrum in Wien Mitte

Wir besuchen das jüngste Einkaufszentrum in Wien Mitte. Wir haben versucht unser Geld loszuwerden und sind dabei auf unerwartete Hindernisse gestoßen.

Zwei Touristen kaufen Tickets für den CAT, ein Bettler sitzt mit ins Leere gerichtetem Blick am dreckigen Boden und zwei blonde Mädchen im Teenageralter diskutieren über Haarpflegeprodukte – willkommen in der Magie des Bahnhofs Landstraße. Ich verlasse die U-Bahnstation und trete voller Neugierde ins Freie. Mein Blick fällt sofort auf das altbekannte W3 Einkaufszentrum vor mir. Leicht irritiert suche ich nach dem neu eröffneten The Mall, das sich wie ich annehme im W3 befinden muss, doch ich sehe keinerlei Schriftzug, der auf eine Neueröffnung hinweisen würde. Den Griff der Eingangstür schon in der Hand haltend drehe ich mich und sehe hinter mir erstaunt den riesigen Schriftzug emporragen: The Mall befindet sich genau gegenüber und damit nur ein paar Meter entfernt von dem alten Einkaufszentrum. Die Stadt Wien hat damit einen weiteren Schritt zur Erreichung ihres Zieles gesetzt: für jeden Wiener ein eigenes Shopping Center aus dem Boden zu stampfen.

Dawn of the Dead

Gleich nach dem Eintreten wandere ich an einer einsam daliegenden Kabelrolle vorbei, die mir als das Symbolbild dieses Gebäudes in Erinnerung bleiben wird. Ich staune über die futuristische Architektur: Viel Licht, viel Platz, weite Gänge, doch The Mall hat noch eine prägende, für ein Einkaufszentrum ungewöhnliche, Eigenschaft: es gibt kaum Geschäfte. Man fühlt sich ein wenig wie in einem dieser apokalyptischen Hollywoodfilme, in denen die wenigen Überlebenden durch verlassene Gänge von gigantischen Shoppingkomplexen irren, auf der Suche nach brauchbaren Waren, die geplündert werden können.

„Noch ein Shop. Noch mehr Freude.“ – riesige Plakate zieren eine ansonsten leere Shopwand nach der anderen und versprechen die baldige Eröffnung von New Yorker, Swarowski, Müller und vielen anderen hinlänglich bekannten Geschäften. Ich hebe ehrfürchtig den Kopf, meine Augen brennen angesichts so viel weiß gebliebener Fläche, über mir eine Glaskuppel, auf deren Regentropfen sich das graue Sonnenlicht eines Wiener Herbsttages bricht. Fast erschrocken registriere ich ein paar offene Geschäfte: bei Mediamarkt, Interspar und McDonalds beruhigt sich der Pulsschlag aber gleich wieder – wer in einem Einkaufszentrum nach außergewöhnlichen Einkaufsmöglichkeiten sucht ist auch hier fehl am Platz. Das einsame Highlight der Anlage befindet sich im ersten Stock in der Form des Ramien Go, einer Filiale des New Asia Cuisine Tempels aus der Gumpendorferstraße, mit identischer und deshalb köstlicher Speisekarte.

Wien Mitte goes Griechenland

Es ist Freitagnachmittag und in jedem anderen Shopping Center Wiens ist gerade die Hölle los. Die globale Finanzkrise wurde in Österreich durch die Aufrechterhaltung der Kaufkraft der breiten Bevölkerung weitestgehend umschifft, doch in The Mall fühlt man sich vergleichsweise wie in einem griechischen Einkaufszentrum nach Ladenschluss und mit jeder Minute die man hier verbringt hämmert die Frage nach dem „Warum“ immer vehementer gegen den Verstand. Meine Kreditkartenfirma wird sich aufgrund der mangelnden Einsatzmöglichkeiten an diesem Tag verzweifelt die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen. Am Weg zurück zur U-Bahn lege ich dem immer noch vor sich her starrenden Bettler einen zehn Euroschein in den Becher. Er wird ihn wohl nicht in The Mall ausgeben.

Andreas Rainer

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