Wien – Leben

Stephansdom Wienblick (c) STADTBEKANNT
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WaLuLiSo’s Erben – Wiener Originale

18. September 2013 • Leben1 Kommentar zu WaLuLiSo’s Erben – Wiener Originale

Wiens schrulligste Persönlichkeiten

Wer, der in Wien aufgewachsen ist, hat ihn nicht gekannt – WaLuLiSo, den in der Innenstadt quasi omnipräsenten Friedensaktivisten und Prediger für Wald, Luft, Licht und Sonne, kurz für die Natur und insbesondere den Erhalt der Wiener Donauinsel als Naherholungsgebiet?

In eine weiße Toga gehüllt, mit einem Hirtenstab in der Hand und mit erhobenem Zeigefinger versammelte er bis zu seinem Tod im Jahre 1996 Tag für Tag Schaulustige um sich, die wohl nicht immer an den gepredigten Inhalten interessiert waren sondern eher an der guten Unterhaltung.

Doch was ist seitdem passiert? Ist Wien zu einem anonymen Eintopf ohne verbindendes Element geworden, ohne etwas, was jeder und jedem als garantiert erfolgreicher Gesprächseinstieg dienen könnte? Ein Original, so wie es WaLuLiSo eines war?

Keine Sorge, es gibt nicht bloß einen, sondern gleich mehrere jener Menschen, die bestimmte Plätze und Gegenden Wiens charakteristisch prägen und uns dieses gewisse Gefühl von Gewohnheit und Routine geben, welches, ist dieser Mensch dann doch einmal verschwunden, einem Gefühl der Verwirrung und vielleicht sogar der Besorgnis weicht.

 

Mr. Flex (oder: der Andy Warhol des Ausdruckstanzes)

Wer des Öfteren zu Besuch in dem Tanztempel war, dem wird er ein Begriff sein. Mr. Flex, ein Mensch, über den im Prinzip niemand etwas weiß. Er ist herkunftslos, namenlos und alterslos, kann aber trotzem über 4.000 Facebook-Fans sein eigen nennen (nein, nein, die Seite hat nicht er erstellt – keine Macht der Auflösung von Mysterien!).

Egal ob unter der Woche oder an den Wochenenden, unabhängig von Jahreszeit, Uhrzeit oder gar Musikstil, Mr. Flex war immer äußerst zuverlässig, was sein Erscheinen im Flex betrifft und fast noch zuverlässiger, was seinen ausladend kreativen, experimentellen und energetischen Tanzstil betrifft, während dessen Ausübung er sich unter keinen Umständen beirren lässt. An ihn gerichtete Fragen beziehungsweise Annäherungsversuche jeglicher Art ignoriert er gekonnt und gefasst und fast scheint es, als würde Mr. Flex während seiner täglichen Dosis Tanz und Musikbeschallung in uns fernen und unbekannten Sphären schweben.Wer er wirklich ist? Außer den Stichworten Bewegungs- und Tanzanimator oder Wasser- und Bewegungsenergie möchten wir hier nicht allzu viel verraten – wo bliebe denn da der Mythos?

In den letzten Jahren wurde Mr. Flex allerdings kaum noch gesichtet. Es scheint fast, als wäre er verschollen. Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Der Prediger

Dem Prediger kann man nicht nur an einem Fleckchen Wiens begegnen. Das Erscheinungsbild: Ein alter Herr mit weißem Haar, stets ordentlich gekleidet, die Bibel in den Händen, die Stimme laut und eindringlich. Er ist schon seit vielen Jahren unterwegs, um seine Botschaft zu verbreiten – was die Wahrscheinlichkeit, ihm hie und da einmal über den Weg zu laufen, beträchtlich erhöht.  Ob in der U-Bahn, im Volks- oder im Burggarten, auf der Mariahilfer Straße oder sogar im AKH – man entkommt ihm kaum.

Unablässiges Zitieren von Bibelpassagen gehört ebenso untrennbar zu dem eher zierlichen alten Herrn wie das Betonen der „Tatsache“, dass die Sünde Sex vor der Ehe unweigerlich mit der lodernden Hölle bestraft wird. Der Prediger beschränkt sich in seinem Wirken auf das Ausüben seiner Passion. Dass der hitzige Monolog einem Dialog weicht ist quasi nie der Fall.

Häufige Zitate des Wiener Wanderpredigers: „Nicht unzüchtig sein!“, „Bibel lesen, beten! Jesus kann unsere Sünden vergeben!“

 

Der Glatzkopf

Vielleicht mitunter ein wenig einschüchternd in Erinnerung bleibt BesucherInnen der Mariahilfer Straße mit Sicherheit jener glatzköpfige, mächtige Bär, der unablässig die belebte Einkaufsstraße auf- und abgelaufen ist, teils Wort- oder Satzfetzen in sich hineinmurmelnd, teils eben diese mit Inbrunst herausschreiend. Gepaart mit unwillkürlichen, manchmal heftig ausladenden Bewegungen, welche PassantInnen nicht selten zurückschrecken ließen, bahnte er sich schimpfend und fluchend seinen Weg durch die Massen, ohne jedoch jemals in eine Seitengasse auszuweichen.

Seit zwei oder drei Jahren jedoch hat sich vom Mariahilfer Tourette-Bär jede Spur verloren – wo ist er hin?

 

Der Monarchist

Bisher nur in der U-Bahn gesichtet, dafür aber umso eindrucksvoller in Erinnerung geblieben ist jener scheinbar jenseits jeglicher denkbaren Altersgrenze angesiedelte Mann, der als Überbleibsel der Monarchie und Gruß aus vergangenen Zeiten unbekannten Zielen entgegen fährt. Würdevoll neben einer Haltestange aufgebaut (und niemals sitzend) und mit starrem, nach vorne gerichtetem Blick besticht dieses Wiener Original vor allem durch seine makellos gebügelte, ansonsten aber schon recht abgetragene Uniform, welche jedoch ob der sicher an die fünfzig glatt polierten Orden, die daran hängen, kaum auszumachen ist. Manchmal trägt der Monarchist eine Fahnenstange mit sich. Welches Wappen die Fahne birgt, ist aber ebenso ein Geheimnis wie der Abfahrts- und Ankunftsort seiner Reisen mit der U-Bahn.

 

Der Poet der U4

Richtig, über ihn haben wir schon berichtet: Raimund Korner, eine der wenigen Legenden, deren Identität nicht nur durch uns schon gelüftet wurde.
Zwar ist Wiens wohl beliebtester und unterhaltsamster U-Bahn-Fahrer mit 2012 in Pension gegangen, aber die Erinnerung bleibt.

Wem der gewandte Rhetoriker kein Begriff ist und wer sich von seinem Schmäh noch keinen verschlafenen und von übler Laune geprägten Morgen versüßen hat lassen, dem sei hier eine Kostprobe gegönnt, die sicher keine Mundwinkel hängen lässt:

„Ich möchte dem jungen Mann bei der dritten Türe einmal ein ordentliches Kompliment aussprechen: meine Anerkennung zu seiner wunderbaren Beinarbeit. Ich finde nur, dass er sein Talent hier an den U-Bahn-Türen verschwendet.“

 

Die DVD-Verkäuferin

Als erste Frau in unserer Reihe darf die unermüdliche DVD-Verkäuferin nicht unerwähnt bleiben, die in der Gegend um Naschmarkt und Freihausviertel ein Lokal nach dem anderen aufsucht, um mit geduldigem und freundlichem Lächeln eine wahrhaft ansehnliche Auswahl an raubkopierten Filmen aus ihren Taschen zu kramen und sie den BesucherInnen (nicht unbedingt unter dem Tisch versteckt) feilzubieten. Teilweise sollen auch männliche Pendants zu ihr erspäht worden sein. Seltsamerweise wurde noch nie beobachtet, dass sie aus einem Lokal hinaus gebeten wurde.

In letzter Zeit lassen Aktivitäten wie das Verkaufen raubkopierter DVDs jedoch nach. Ob das an den strengeren Razzien oder den erweiterten Möglichkeiten zum Selber-Herunterladen liegt, steht in den Sternen.

 

„50 Cent“

Zu guter Letzt – und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – sei hier noch „50 Cent“ vom Schottentor erwähnt. Der kleine, fröhliche Mann, der nur selten ohne seinen Hut und immer im Umkreis der Station Schottentor und der Uni Wien auftritt, hat es sich zur steten Aufgabe gemacht, mit selbst gemalten, teilweise mit verschiedensten Smileys verzierten Bildchen, Vorbeikommende um 50 Cent zu bitten.

Aufgrund seines Aufenthaltsortes in Uni-Nähe kennt er, zumindest grob umrissen, Inhalte der meisten Studienrichtungen, über welche er sich sehr gerne mit StudentInnen unterhält, und auch die Prüfungszeiten zu Semesterende sind ihm kein Geheimnis, sodass auf seinen Schildchen nicht selten Motivationsfloskeln zu finden sind.

Auch sein Auftreten ist mit den Jahren seltener geworden. Doch eins steht fest: Es wird immer wieder Wiener Orginale wie ihn geben, die das Leben in der Hauptstadt um eine Facette reicher und unterhaltsamer machen…

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  1. Kampfgelse sagt:

    Mr. Flex geht es leider überhaupt nicht gut. Gesundheitlich sehr angeschlagen, hat er sich auf seinen Hof zurückgezogen.

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