Wien – Leben

Wahlplakat Alexander Van der Bellen (c) STADTBEKANNT
Wahlplakat Alexander Van der Bellen (c) STADTBEKANNT

Van der Bellen siegt in der Nachspielzeit

5. Dezember 2016 • Leben

Bundespräsidentenwahl 2016

Wir hätten uns den ganzen Zirkus zwar sparen können, aber Van der Bellens Triumph setzt ein Zeichen der Trendwende in Europa.

 

Sonntagabend nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung für die Bundespräsidentenwahl: Die Stimmung am Christkindlmarkt des Wiener Rathausplatzes ist genauso geteilt wie das Land selbst. Eine Ansammlung junger Studenten feiert den Sieg ihres neuen Präsidenten. Der Punschstandbesitzer gibt spontan eine Runde Glühwein an die Feiernden aus. Etwas abseits steht eine Runde älterer Herren, die mit sicht- und hörbarer Ablehnung auf die jubelnden Menschen reagieren. Einige hundert Meter weiter in einem Café auf der Mariahilfer Straße, im Herzen des Van der Bellen Landes, erklingt „I am from Austria“ aus den Lautsprechern. An diesem Abend scheint alles erlaubt und eine Gruppe junggebliebener Bobos wippt mit den Füßen zum Takt der in diesem Wahlkampf ausnahmsweise von den Linken instrumentalisierten Hymne.

 

Schwere Fehlentscheidung bleibt ohne Konsequenzen

Fast fünf Monate ist es her, dass der Präsident des Verfassungsgerichtshofes mit bedeutungsschwangerer Miene in die Fernsehkameras des Landes blickte und die Wiederholung der Bundespräsidentenstichwahl einforderte. Der Stein, der ihm gestern Abend vom Herzen gefallen ist, muss ein großer sein. Vergleichbar ist die Situation mit einem Fußballschiedsrichter, der in der letzten Spielminute auf eine dreiste Schwalbe hereinfällt und Elfmeter pfeift. Doch der Stürmer verschießt und die Fehlentscheidung bleibt zum Glück ohne Konsequenzen. Dass der Staat ein paar Millionen verschleudert hat, kann man unter den Tisch kehren angesichts des europaweiten Erleichterungsseufzers: Der Siegeszug der Rechtspopulisten hat zumindest im kleinen Österreich einen doch deutlichen Dämpfer erhalten.

 

Van der Bellen überzeugt mit Tracht und ohne Kreide

Egal ob man Van der Bellen aus Überzeugung oder als Kompromiss gewählt hat, er verdient auf jeden Fall Respekt. Der ehemalige Chef der Grünen tauschte im zweiten Versuch die elitäre Professorentracht mit einer volkstümlichen und positionierte sich glaubhaft als Kandidat der Mitte. Trotz dem drohenden Schatten eines Hofer/Strache Dream Teams bei der nächsten Parlamentswahl darf heute durchgeatmet werden. Van der Bellen ist nicht der ganz große Sieger der Herzen und auch kein mitreißender Rhetoriker. Aber er steht klar gegen ein System des Fremdenhasses, der Ausgrenzung und der Isolation aus Europa und ist nicht bereit, einen Millimeter davon abzuweichen.
Der Christkindlmarkt hat mittlerweile geschlossen, die Feiernden sind in die Sophiensäle weitergezogen. Die Trauernden werden zumindest dank der konsumierten Glühweine ganz gut schlafen in der Gewissheit, dass ganz egal wer Präsident geworden ist, der Weihnachtsmarkt auch am nächsten Tag wieder aufsperren wird.

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