Wien – Debatte

Rathaus Christkindlmarkt Weihnachtsmütze (c) STADTBEKANNT Hofinger
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Traumberuf Nikolo?

5. Dezember 2015 • Debatte

Das Pro und Contra zum Nikolaus

Ganz ehrlich – eine gewisse Selbstgefälligkeit und Ignoranz steckt schon dahinter, wenn wir am 6. Dezember ein mit Nüssen, Schoki und Mandarinen prall gefülltes Säckchen erwarten. Was dabei völlig außer Acht gelassen wird, ist die harte Arbeit, die eine Heerschar an Nikoläusen leistet, die sich quer durch die ganze Stadt abhetzt, um, einer Vogelmama gleich, ja alle erwartungsvoll geöffneten Mäuler stopfen zu können. STADTBEKANNT stellt Überlegungen zum Berufsstand Nikolo an – ein Pro und Contra.

 

Freude am 6. Dezember

Auch dieses Jahr hat uns, ganz überraschend und völlig unvermutet, mit dem Öffnen des sechsten Fensterchens im Adventkalender etwas überrumpelt, das uns freudig aufjauchzen und schnell zu jenem Söckchen laufen lässt, das wir am Abend zuvor über unseren Kamin gehängt haben – aber war er auch wirklich da, der liebe Nikolo? Oder ist er mittlerweile an massivem Burn-Out zugrunde gegangen? Vielleicht gehört auch einer von euch zu jener Armada an Nikoläusen, die Tage zuvor von verzweifelten Mamis und Papis rekrutiert wurden, um Schokolade, Nüsse und Mandarinen zu verteilen und den Glauben an eine verzauberte Märchenwelt zu manifestieren? Natürlich, die ganze Sache hat einige, nicht von der Hand zu weisende Vorteile, andererseits sind die Nachteile auch beachtlich.

Habt ihr euch noch nicht entschieden, ob ihr als Nikoläuse Augen zum Glitzern und Leuchten bringen wollt, so hilft euch eventuell folgendes Pro und Contra weiter:

 

Traumberuf Nikolo – Pro

So ein Abend als Berufs-Nikolo kann schon eine ganz feine Sache sein. Zunächst rutscht man mit dieser Berufswahl in der sozialen Rangordnung quasi blitzartig an die oberste Spitze – am 6. Dezember ist man der unbestrittene Liebling aller. Klassische, altgediente österreichische Helden wie Hansi Hinterseer können sich höchstens noch im strahlenden Abglanz des Nikolos sonnen, der umjubelt seine Route von Haus zu Haus fortsetzt. Ganz ehrlich: Wer hat ihn nicht lieb, diesen Nikolo? Für narzisstische Gemüter ein absoluter Traumjob also.

 

Richter über Gut und Böse

Für diejenigen, die darüber hinaus einen gewissen Minderwertigkeits- oder Machtkomplex haben sollten, bietet ein Tag als Nikolo außerdem einen weiteren, nicht von der Hand zu weisenden Vorteil: Mit der Unterstützung von Millionen kann man am 6. Dezember den Gott-Modus aktivieren. In den Grundzügen einem Sim City-Spiel ähnelnd, darf man selbstgefällig und prinzipiell völlig willkürlich über Gut und Böse entscheiden und darüber, wem man den Tag versaut und wem nicht. Das Schöne daran ist, dass diese Entscheidung nie angezweifelt, sondern ganz im Gegenteil eher demütig und schuldbewusst angenommen wird – wer stellt schon den Nikolo in Frage?

 

Herrscher über Gut und Böse

Sollte irgendjemand in Anbetracht der Gott-gleichen und eigentlich nicht in Frage zu stellenden Entscheidungen der Nikolaus-Armee doch kritisch die Stirn runzeln und die Augenbrauen heben, gibt es das eigentlich ultimative Totschlag-Argument: Einfach die noch viel größere Krampus-Armada zur Hilfe rufen, Krampus und Nikolo sind ja quasi Kumpels.

 

Gemütlichkeit als Attribut

Jene, die eine leichte bis starke Tendenz zur Fettleibigkeit haben, werden mit der Berufswahl Nikolo sicherlich ebenfalls glücklich werden. Während schwerfällige Bewegungen und eingeschränkter Bewegungsradius in allerlei anderen Professionen als hinderlich gelten mögen, ist hier genau das Gegenteil der Fall. Was gibt es Gemütlicheres, als sich in den rot-weiß umhüllten Wanst eines gutmütig und gnädig lächelnden Nikolos kuscheln zu können? Für immer hungrige Nikoläuse in spe können auch die prinzipiell zu verteilenden Gaben ein großer Ansporn sein. Dann sind eben nicht acht von zehn erwartungsvollen Kinderlein brav gewesen, sondern nur fünf von zehn.

 

Traumberuf Nikolo – Contra

Der Tag danach

Als schwer wiegendes Contra soll hier gleich zu Beginn der 7. Dezember und das mit diesem Tag zusammen hängende Grauen erwähnt werden: So hoch der soziale Status als Nikolo während des ruhmreichen 6. Dezember ist, so tief kann der Fall am unweigerlich darauf folgenden Tag sein. Sensible Gemüter, die nicht damit klar kommen, dass nur wenige Stunden nach dem glanzvollen Auftritt von selbigen keine Rede mehr ist, sollten vor einer Zusage für ein Engagement als Nikolo also noch einmal in sich gehen und sich ein Programm zur Psycho-Hygiene für die Zeit danach überlegen (eventuell den Kummer in Rumkugerln ertränken?).

 

Die Arbeitsbedingungen

Außerdem in Betracht ziehen sollte man die Umstände, unter denen die Tour absolviert werden muss: Unter einer dicken, schweren Kutte, an der vermutlich noch der kalte Schweiß des Vorgängers haftet, und unter einem wahrscheinlich extrem kratzigen Bart versteckt, schleppt man sich mit einem Beutel von Tür zu Tür und kann sich nicht einmal richtig kratzen, wenn es juckt. Ganz zu schweigen von dem Prozedere, das man durchlaufen muss, sollte man zwischenzeitlich einmal für kleine Jungens oder Mädchen müssen.

 

Einsatzbereitschaft und Motivation

Eigene Bedürfnisse sollte man generell während des 6. Dezember ausblenden können, all die Vorteile, die der Gott-Modus mit sich bringt, verursachen nämlich gleichzeitig eine generelle Auffassung á la „Der Nikolo ist immer und überall“ und damit einhergehenden, enormen Stress. Kann man es sich im Büro auch einmal erlauben, ein bisschen Arbeit liegen zu lassen oder auf morgen zu verschieben, gilt für einen Nikolo höchste Einsatzbereitschaft und Motivation. Am 7. Dezember braucht er nicht mehr zu kommen, da würde sogar ein Fünfjähriger höhnisch die Nase rümpfen und dem abgehetzten Nikolo wieder die Tür vor der Nase zuschlagen.

 

Undankbarkeit

Allzu große und uneingeschränkte Dankbarkeit sollte man sich von Seiten der zu beschenkenden und zu lobenden „Gfraster“ außerdem auch nicht erwarten. Denn selbst wenn man als Nikolo doch irgendwo ein Held ist, irgendwie wissen die ja, dass in dem mitgeführten Beutel zu verschenkende Leckereien sind, die wahrscheinlich trotz großer Lust darauf, er sowieso nicht alle ganz alleine aufessen kann – und wenn doch, so hat leider auch der gute Nikolo einen Auftraggeber als Chef, dem das Kreischen und Heulen seiner Kinderlein unter Umständen sauer aufstoßen könnte.

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