Kultur – Bühne

Unterwerfung (c) Chloe Potter
Unterwerfung (c) Chloe Potter

Theatertipp: Unterwerfung

8. März 2016 • Bühne

Theaterstück nach dem Roman von Michel Houellebecq

Am 18. Februar 2016 feierte die Produktion „Unterwerfung“ im WERK X Meidling Premiere. Wir haben uns selbst ein Bild gemacht.

 

Der Skandalroman

Mit „Unterwerfung“ hat sich Regisseur Ali M. Abdullah eines Stoffes bedient, der zum jetzigen Zeitpunkt und mit seiner brisanten Thematik aufgrund der momentanen Ereignisse in Europa nicht aktueller sein könnte. Zudem gilt Michel Houellebecq als einer der radikalsten Schriftsteller unserer Zeit und hat mit seinen formal sowie inhaltlich höchst anspruchsvollen Romanen internationale Bekanntheit erlangt. Nicht nur der Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am 07.01.2015, dem Erscheinungstag des Romans, sondern auch die Tatsache, dass an diesem Tag eine Karikatur Houellebecqs das Titelbild der Zeitschrift zierte, haben den inhaltlichen Skandal rund um das Werk und seinen Autor unterstützt.

 

„2015 verliere ich meine Zähne, 2022 mache ich Ramadan“

Eben diese Karikatur empfängt uns beim Betreten des Saals im WERK X gleich in dreifacher Ausführung am oberen Bühnenrand. Neben einem Tisch und Stühlen finden sich zwei Glaskuben auf der sonst leeren Bühne. Einer dient als Warteraum/ Garderobe der Schauspieler, der andere wird von sieben SchauspielerInnen des diverCITYLAB wie eine Art Studenten-WG bewohnt. Hier wird geraucht, getanzt und gefeiert, während der Literaturwissenschaftler François (Marc Fischer) mit seinen UniversitätskollegInnen (Hanna Binder, Denis Cubic) an der Pariser Sorbonne philosophische und politische Diskussionen führt und seinen Lebensüberdruss und Langeweile in Alkohol ertränkt.

 

Eine aggressive und zynische Gesellschaftsanalyse

Da sich Text und Regie nahe am Roman bewegen, lässt sich dem Inhalt (trotz zum Teil sehr anspruchsvoller Monologe) gut folgen. Wir schreiben das Jahr 2022 in Frankreich. Um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern, geht die sozialistische Partei ein Bündnis mit den Konservativen und der Bruderschaft der Muslime ein. Der gemäßigte Mohammed Ben Abbes wird der erste muslimische Präsident Frankreichs. Er führt die Scharia, Polygamie, das Patriarchat und eine islamische Erziehung ein. Damit gelingt ihm nicht nur der Rückgang von Kriminalität und Arbeitslosigkeit (Frauen werden komplett vom Arbeitsmarkt verbannt), sondern auch eine freiwillige Unterwerfung der westlichen Gesellschaft ohne gewaltsame Maßnahmen.
Am Pranger steht jedoch nicht der Islamismus, sondern eben jene käufliche, korrumpierte bürgerliche Gesellschaft, die von Sex, Macht und Konsum besessen ist. Sie ist es, die ihre (bereits längst verlorenen) Werte und Ideale vergisst und der Verführung durch Status, Geld und der Legalisierung mehrer Ehefrauen erliegt.

 

Der Zwang zur Reflexion

„Unterwerfung“ spielt mit den Ängsten der heutigen Zeit – auf der einen Seite stehen die radikalen Rechten, auf der anderen Seite die Islamisierung Europas und der Verlust der eigenen kulturellen Identität. Mittels beiläufigem Zynismus, witziger Gegenwartskritik aber auch durch Aufzeigen der dramatischen Umstände regt Ali M. Abdullah mit seiner Inszenierung das Publikum zum Denken an, respektive lässt ihm keine andere Wahl als die Reflexion. Ob auch Protagonist Francois zum Islam übertritt, bleibt zum Ende des Stückes offen, aber klingt nicht schlecht, oder?

 

Spezial: Stückeinführung vor der Vorstellung am 21.03.2016 um 19.00 Uhr

Unterwerfung (Soumission)
nach dem Roman von Michel Houellebecq – Inszenierung: Ali M. Abdullah
20.03.2016, 19:30 Uhr
21.03.2016, 19:30 Uhr
08.04.2016, 19:30 Uhr
09.04.2016, 19:30 Uhr
21.04.2016, 19:30 Uhr
23.04.2016, 19:30 Uhr

WERK X

Oswaldgasse 35A
1120 Wien

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