Kultur – Bühne

Julia Jelinek, Dennis Cubic, Leila Abdullah (c) Chloe Potter
Julia Jelinek, Dennis Cubic, Leila Abdullah (c) Chloe Potter

Theatertipp: It’s a Free World

4. November 2016 • Bühne

Kino als Theaterproduktion

Alexander Simon richtet Ken Loachs und Paul Lavertys filmische Vivisektion des Zeitarbeits-Geschäfts „It’s a Free World“ für die Bühne des Meidlinger WERK X ein. Ein Premierenbericht.

Wo Zu-Kurz-Gekommene auf Kosten Komplett-Zu-Kurz-Gekommener Einkommen und gesellschaftlichen Aufstieg sicherstellen wollen, zeigt der Kapitalismus seine hässliche Fratze. So der Befund jener messerscharfen Spielfilm-Analyse des internationalen Zeitarbeits-Geschäfts, die der britische Filmemacher Ken Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty 2007 mit „It’s a Free World“ vorlegten.

Neun Jahre später, so die Grundthese von Theatermann Alexander Simon (Thalia Theater Hamburg, Volksbühne Berlin, Burgtheater u. a.), hat sich an der mehr als prekären Situation der ausgebeuteten Wanderarbeitskräfte, an deren sozialer und rechtlicher Stellung nichts geändert. Weshalb es hoch an der Zeit sei, den Stoff auch für das Theater zu adaptieren – und weshalb es nicht verwundert, dass das Bühnengeschehen im Meidlinger WERK X sich recht eng an die filmische Dramaturgie hält.

Angie (Leila Abdullah) rekrutiert für ein britisches Personalbereitstellungsunternehmen erfolgreich arbeitswillige Menschen in Polen. Als sie ihren Vorgesetzten bei dessen plumpem Annäherungsversuch abblitzen lässt und daraufhin ihren Job verliert, beschließt sie, mithilfe ihrer Freundin Rose (Julia Jelinek) ihre eigene Arbeitskräfte-Agentur zu gründen. Das Verlangen nach ihrem Stück vom Glück – endlich schuldenfrei und unter einem Dach leben mit Sohn Jamie (Simon Alois Huber, der der Produktion mit Songs und Soundbits seinen Stempel aufdrückt).

Um ihr Ziel zu erreichen, agiert Angie immer skrupelloser. Weil sie billige Unterkünfte für eine Gruppe ukrainischer Leiharbeiter benötigt, lässt sie einen Trailerpark mithilfe der Polizei von den dort Gestrandeten, darunter eine bekannte Familie, säubern. Den Bruch der Freundschaft zu Rose nimmt sie in Kauf. Auch nachdem die Entführer ihres Sohnes vorenthaltenes Geld erpresst haben, denkt sie nicht daran, ihrem Aufstiegsversuch über die Hintertreppe des Kapitalismus abzuschwören.

Regisseur Alexander Simon präsentiert „It’s a Free World“ als Folge emblematischer Szenen, die das gewinnorientierte Geschäftsmodell und dessen systemimmanente soziale Verwerfungen zur Kenntlichkeit entstellen. Thomas Oláhs variables Bühnenbild aus Umzugskartons illustriert die Brüchigkeit des postfordistischen Kapitalismus.

Eine „drastische Parabel über die Auswüchse des Kapitalismus“ und „ein stark beklatschtes Manifest“, so die Premieren-Kritik von Thomas Trenkler im „Kurier“.

 

It’s a Free World
5. & 17. 11, 15. – 17.12, 20.12
jeweils 19:30 Uhr
WERK X

WERK X

Oswaldgasse 35A
1120 Wien

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