Kultur – Bühne

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre - Mirco Reseg - Miriam Fussenegger - Jeanne Devos (c) Chloe Potter
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre - Mirco Reseg - Miriam Fussenegger - Jeanne Devos (c) Chloe Potter

Theatertipp: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

13. Dezember 2016 • Bühne

Synästhetisches Bühnenpsychogramm

Bis zur Erschöpfung sprechend, tanzend und Kostüme tauschend taucht ein fünfköpfiges SchauspielerInnen-Ensemble in die versch(r)obene Wahrnehmungswelt der Behinderten­pflegerin Natalie Reinegger ein. Thirza Bruncken und Esther Holland-Merten haben die Auszüge des Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ von Clemens J. Setz zu einem intensiven Theaterabend mit viel Musik und Stroboskop-Licht verarbeitet.

 

Clemens J. Setz erspart den Leserinnen und Lesern seines für den Deutschen Buchpreis nominierten Bestsellers wenig und führt sie mehrmals an die Schmerzgrenze. Seine junge Protagonistin Natalie Reinegger, Behindertenpflegerin, nimmt ihre Welt wie eine Ansammlung von Bildern wahr, die sich mehr oder weniger bezuglos voreinander schieben. Aus der so genannten Normalperspektive betrachtet führt sie das verrückte Leben einer Person, die an dissoziativen Störungen leidet – tragfähige soziale Bindungen kann sie nicht eingehen. Dafür zeichnet sie ihre Essgeräusche auf und verarbeitet sie zu Podcasts gegen die eigenen Ohrwürmer. Beinahe täglich steht sie fremden Männern unter einer Brücke für Oralverkehr zur Verfügung. Und eine imaginäre Maus sitzt tagein tagaus auf ihrer Schulter.

 

Im Pflegeheim verstrickt sich Natalie in die komplexe und mit Fortdauer des Romans sich zuspitzende Beziehung zweier Männer. Sie pflegt nämlich einen Mann im Rollstuhl, Herrn Dorm, der vor Jahren einen Herrn Hollberg derart verfolgt und belästigt haben soll, dass dessen Frau sich umbrachte. Nun besucht kurioserweise Herr Hollberg seinen früheren Stalker regelmäßig, und die beiden scheinen sich auch noch prächtig zu verstehen.

 

Aus den unterschiedlichsten Themenfeldern und den Introspektionen Natalies haben Regisseurin Thirza Bruncken und Dramaturgin Esther Holland-Merten eine etwa zweistündige Theaterfassung kondensiert, die weniger dem Handlungsverlauf des Romans folgt, sondern ein packendes, zum Teil an die Schmerzgrenze (Stroboskop!) gehendes synästhetisches Psychogramm der Protagonistin entwirft. Ein bestens disponiertes Ensemble – Jeanne Devos, Miriam Fussenegger, Marta Kizyma, Mirco Reseg, und Dominik Warta – sorgt mit beeindruckendem Körpereinsatz, mit einer Portion Slapstick und Mut zur Grimasse für dessen fesselnde Umsetzung. Christoph Ernsts Bühnenbild verlegt das Geschehen buchstäblich ins Theater – vor ein abgewracktes Guckkastenbühnenimitat aus Sperrholz, auf dem eine billig affichierte Folie kitschige Stuckaturen alter Theaterhäuser zitiert. Eine pointierte Zuspitzung der Rede vom Leben als Theater …

 

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
14.12.2016, 11. und 12.01.2017 jeweils 19:30 Uhr
WERK X

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