Kultur – Bühne

Wojo van Brouwer - Dennis Cubic - Laura Mitzkus - Zeynep Buyraç - Simon Alois Huber (c) Yasmina Haddad
Wojo van Brouwer - Dennis Cubic - Laura Mitzkus - Zeynep Buyraç - Simon Alois Huber (c) Yasmina Haddad

Theatertipp: Demokratische Nacht – Du Prolet!

9. Mai 2017 • Bühne

Arschtritt für die Linke

Mit „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ überschreibt Harald Posch Ödön von Horváths „Italienische Nacht“, beweist dessen bittere Aktualität und seziert mit radikaler Theaterpranke die Ideen- und Prinzipienlosigkeit einer saturierten Sozialdemokratie angesichts der Neo-Konjunktur des Rechtspopulismus.

 

Die „Italienische Nacht“: Was Horváth als von beißender Satire durchtränkte Volkskomödie angelegt hatte, entpuppte sich im Rückblick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Prophezeiung der nachfolgenden Tragödie. Dass sich diese nicht widerholen dürfe, mag als moralischer Konsens nicht nur der bürgerlichen Horváth-Rezeption gelten. Leider vergaß das Bühnen-Establishment, diesen Konsens mit den Waffen des Autors zu verteidigen: 1) Sprachwitz schärfster Art; 2) den Menschen als Repräsentanten ihrer sozioökonomischen Situation präzise aufs Maul zu schauen; 3) Mut zur Zeitgenossenschaft.

 

Fehlen diese Ingredienzen, gerät auf den Theaterbühnen aus dem Blick, dass sich die historische Tragödie gerade eben anschickt, sich als Farce zu wiederholen. Wer aber heute, von Horváth geleitet, genauer hinsieht, wird nicht nur die Parallelen zu den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entdecken. Er oder sie wird auch die Wiederkehr des Personals – hier die Sprechpuppen des Neo-Faschismus, da das von Macht-Pragmatismus durchtränkte rinke und lechte Establishment der politischen Mitte – konstatieren müssen. Die Genauigkeit, mit der Horváth seine Figuren – und damit die Zeitläufte zur Kenntlichkeit entstellt, hat in den 86 Jahren seit Veröffentlichung der „Italienischen Nacht“ nichts an Aktualität eingebüßt.

Zeynep Buyraç - Simon Alois Huber - Dennis Cubic (c) Yasmina Haddad

Zeynep Buyraç – Simon Alois Huber – Dennis Cubic (c) Yasmina Haddad

Harald Posch hat genauer hingesehen. „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ nennt er seine Überschreibung von Ödön von Horváths „Italienischer Nacht“. Sie vertraut auf die messerscharfen Texte und Figurenzeichnungen des Autors, gesellt diesen aber noch wohlsortierte Textbrocken aus aktuellem linkem Pop-Diskurs, gegenwärtige politische Statements und Pamphlete sowie selbstreflexive und selbstironische Gemütsbekundungen des grandiosen Schauspielensembles bei („Ich lasse mir mein Wien von keiner Umfrage schönreden!“).

 

Der WERK-X-Co-Leiter geht die Sache von hinten an. Nicht der von Sozialisten und Faschisten beanspruchte Wirtshaus-Saal befindet sich im Vordergrund von Gerhard Fresachers trashigem Bühnenbild. Es ist die Toilette. Am Rand ein umgelegtes Dixi-Klo, das Proletarier verschluckt und nazistische Wiedergänger ausspeit; in der Mitte ein Pissoir, vor dem das männliche Personal Wasser und selbstgefällige Revolutionstöne ablässt. Der linke Widerstand gegen den rechten Mief – selbst nur ein Latrinen-Witz. Er läuft in Poschs hochbeschleunigter Bühnenberserkerei auf politisch unkorrekte Bierzelt-Schunkelei („N…. sind auch nur Menschen“) und Triebabfuhr hinaus – das Donauinselfest als politische Restvision der Wiener SPÖ. Deren vermeintliche Leitfigur, ein Stadtrat, hängt bereits bei Horváth mehr an der Macht als an den Menschen, bei Posch nur mehr in den Seilen. Da holt ihn auch der Auftritt einer Mindestsicherungsempfängerin nicht mehr heraus.

 

Kurz: ein rund 80minütiger Theaterabend, bei dem einem angesichts des aktuellen sozialdemokratischen Mäanderns zwischen Plan A, Anti-Migrations-Regime und koalitionärem Hickhack das Lachen irgendwann im Hals stecken bleibt. Horváths Theatertext liefert keine Rezepte, wie heute gegen die europa- und weltweite Renaissance von Nationalismus und Faschismus anzugehen wäre. Auch Harald Poschs Inszenierung bleibt die Antwort schuldig. Aber nicht zuletzt dank eines hinreißend agierenden Schauspielteams tritt „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ der selbstgerechten Linken ordentlich in den feisten Allerwertesten. Eine Geste der letzten Hoffnung …

 
Demokratische Nacht – Du Prolet!
8., 9., 26. und 27. Mai 2017
1., 8. und 9. Juni 2017
jeweils 19:30 Uhr
WERK X
Fotos (c) Yasmina Haddad

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WERK X

Oswaldgasse 35A
1120 Wien

 

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