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Österreich liest „Indien“ im Stadtsaal

21. Juni 2012 • Kultur

Die Gasthaustester Bösel und Fellner fuhren noch einmal durch die Provinz und entdeckten auch im Stadtsaal fehlende Saunageländer, Trivial Pursuit und die schönste Männerfreundschaft in Österreichs Filmgeschichte.

„An’ Kaffee und a Schnitzerl, mehr brauch i ned in der Früh!“ – wer in Österreich in den Neunzigern aufgewachsen ist, hat den Filmklassiker „Indien“ drei Mal pro Woche auf VHS angeschaut und in den Schulpausen die einzelnen Filmszenen nachgespielt. Alfred Dorfer war der Held jedes pickelgesichtigen Losers und Josef Hader der Paradeprolet des Landes. Der österreichische Film hat zwar gerade in den letzten Jahren auch internationale Auszeichnungen eingefahren, doch damals fühlte sich „Indien“ an, als hätte Österreich die EM gewonnen – und zwar ohne griechische Mauertaktik, sondern durch spanische Schönheit. Die tragikkomische Handlung zeigt uns Österreicher wie wir sind: Schnitzelfressende Proleten und fragile Poeten in einer Person.

Drei, zwo, eins, bussi

„Wissen Sie, dass Sie der einzige Mensch neben meiner Mutter sind, neben dem I scheißn’ hab können?“ Fast zwanzig Jahre nach der Filmpremiere durften wir diese Woche noch einmal Herrn Bösel beim Philosophieren während des nächtlichen Stuhlganges zuhören. Der Mariahilfer Stadtsaal verabschiedete sich mit einer Lesung des Original-Bühnenskripts in die Sommerpause, vorgetragen jedoch nicht von Dorfer und Hader, sondern in einer Neuinterpretation hiesiger Bühnengrößen. Angeführt wurde die mehr oder weniger prominente Truppe von Thomas Maurer, der sich am Premierenabend vor dem halbleeren Stadtsaal für das überschaubare Publikumsinteresse entschuldigte, doch gegen Saharahitze und Fußball EM war kein Kraut gewachsen.

Gelesen wurde trotzdem und zwar in ständig wechselnden Rollen, sodass jeder Darsteller einmal in beide Rollen schlüpfen durfte. Die Darsteller beschränkten sich dabei großteils aufs Vorlesen, „neue und zweifellos ungeahnte Facetten“, wie es im Pressetext hieß, konnte den großen Vorbildern nur selten eingehaucht werden. Dennoch funktionierte der Stoff auch dort und gerade die Unauffälligkeit der Vortragenden ermöglichte es dem Zuhörer, sich auf das Wesentliche, den Text, zu konzentrieren, und der hatte auch nach zwanzig Jahren nichts verloren. Immer noch konnten die Zeilen mitgesprochen werden, und immer noch rührte es zu Tränen, als die so unterschiedlichen Protagonisten am Todesbett des Herrn Fellner zueinander fanden. Der Text ist eine Zelebrierung der Freundschaft zwischen zwei Männern, die viel stärker ist, als die Liebe zur eigenen Frau, die beide schon lange verloren haben. Am Ende legte Bösel auch dieses Mal Plastikkeyboard und Erdbeere in Fellners tote Arme und das Publikum klatschte braven Applaus. Nur der indische Zeitungsverkäufer, der erhielt dieses Mal keinen Auftritt.

„Du Heinzi, woher kommt eigentlich der Regen?
„Aus den Wolken.“
„Und woher kommen die Wolken?“
„Die kommen meistens aus Irland.“
„Und woher kommt Irland?“

Andreas Rainer

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