Wien – Debatte

Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
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Stadtbekannt Kontrovers: Aufhören wenn es am schönsten ist!

23. November 2010 • Debatte

Es heißt ja oft man soll aufhören wenn es am schönsten ist. Abgesehen davon, dass dieser Aufforderung per se nicht nachgekommen werden kann, weil es ex ante das Wissen erfordert, was von einer ex post Betrachtung aus die Zeit war, als es am schönsten war.

Sprich unerfüllbar. Insofern lässt sich aus dem subjektiven Eindruck, dass ein wöchentliches Fernsehformat konstant schlechter wird auch nicht notgedrungen ableiten, dass es nun an der Zeit wäre es einzustellen. Es könnte ja wieder besser werden…..

Könnte ja, der Autor dieser Zeilen hat die Hoffnung jedoch bereits aufgegeben.

Am Anfang: Ein schlechter Witz

Kennt ihr den? "US-Anwälte verklagen die ÖBB, weil sie den ÖBB vorwerfen, sie seien beteiligt gewesen an der Deportation von Juden: Liebe US-Anwälte, das glaube ich nicht. Wären die Juden mit den ÖBB gefahren, wären sie heute noch nicht in Auschwitz." Ziemlich sicher kennt ihr den, denn eben dieser Witz der im Fernsehen nie zu sehen war, sorgte in den vergangenen Tagen für große Erregung und wurde auch aus dem tatsächlich gesendeten Format herausgestrichen.

Um den Witz geht es mir im Folgenden nicht vordergründig. Persönlich finde ich ihn wirklich ziemlich schlecht und geschmacklos, Grissemann und Stermann ist jedoch mit Sicherheit kein Naheverhältnis zu nationalsozialistischem Gedankengut nachsagbar, das von den beiden präferierte Modell des Stand Ups ist eine glatte Bühne, auf der Ausrutscher, auch mal gröbere, durchaus vorkommen können. Ich finde es aber in Ordnung, dass der ORF einen Witz, der sicher der Verhöhnung der ÖBB und nicht der Opfer des Nationalsozialismus dienen sollte, der aber jedenfalls daneben ging, auf Grund seiner besonderen Verantwortung aus dem gesendeten Material gestrichen hat.

Ein schlechter Witz kommt selten allein…

Ein schlechter Witz ist ein schlechter Witz und nicht mehr. Mein Eindruck ist jedoch, dass es leider bei weitem nicht bei einem schlechten Witz hie und da bleibt. Vielmehr wird die wöchentliche Show seit langer Zeit kontinuierlich flacher und flacher. Als man 2007 mit dem Format begann, konnte man mit Recht von sich behaupten ein innovatives, in dieser Form im ORF nie dagewesenes Late-Night Format zu produzieren.

Inzwischen sind einige Jahre vergangen und die letzten größeren Änderungen am Sendeformat sind lange her. Die Sendung ist stark abhängig vom Gespräch zwischen Grissemann & Stermann und den eingeladenen Gästen. Einzelne Sendungen funktionieren nach wie vor sehr gut, was m.E. primär auf die Leistung der Gäste zurückzuführen ist. Wenn diese mit dem Format und der ihnen dargebotenen Bühne zu Recht kommen, entwickeln sich sehr spannende Diskussionen, sonst ist es oft auch schlicht fad.

Die Herausforderung Woche für Woche eine Late-Night Show abzuliefern, die im Wesentlichen immer nach denselben Regeln funktioniert, ist sicherlich enorm. Insofern ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass ein gewisses Abflachen bemerkbar ist. Ein Teil dieses Eindrucks entsteht vermutlich allein dadurch, dass ein Format, das eben immer nach den selben Grundregeln funktioniert, beim Publikum nach einiger Zeit eben nicht mehr die selbe Begeisterung auslöst wie am Anfang.

Ein weiteres Opfer der ORF Krise

Es mag aber, und hier begebe ich mich ins Reich der Spekulationen, auch daran liegen, dass der ORF seit längerem nicht Gerade vom Glück verfolgt wird. Massiver politischer Druck, gepaart mit dem omnipräsenten Quotendruck, stellt wohl vor allem an die Flagschiffe, und in einem gewissen Segment stellt „Willkommen Österreich“ sicher eines der wenigen funktionierenden ORF Formate dar, eine besondere Herausforderung. Innovation, ganz generell nicht die starke Seite des ORF in den vergangenen Jahren, wird denjenigen Fernsehformaten, die ohnehin funktionieren, vermutlich besonders ungern zugestanden, schwebt über ihnen doch das Menetekel drohenden Quotenverlusts.

Die Folge ist eine gewisse Erschöpfung die sich breit macht und die sich am besten wohl mit „lange schon nichts neues gesehen“ beschreiben lässt. Die Witze der beiden waren auch schon mal besser und wenn sie auch nie die großen gesellschaftskritischen Humoristen waren, bleibt doch der Eindruck, dass ihnen ihr bissiger Humor auch schon leichter von den Lippen ging.

Der Sexismus, den die beiden eigentlich bei jedem weiblichen Studiogast an den Tag legen, hat auch längst das Level des schwer Erträglichen erreicht. Sicher Doris Golpashin wurde vom ORF als hübsches Gesicht für die eigene „Privat-TV Schiene“ eingekauft. Eine Diskussion, die nicht nur um ihre optischen Reize kreist wäre aber doch schön. Dieser leicht schwülstige Altmännerhumor, der sich in Gegenwart von Frauen in dieser Sendung eigentlich immer breit macht, hat an sich nichts Kritisches mehr. Wenn man an diese Sendung den Anspruch stellt ein kritisches und kontroversielles Format zu sein, muss sie diesen Ansprüchen aber auch genügen. Je mehr die beiden ihren eigenen Humor jedoch dem „Privat- Fernseh – mit der Mehrheit lachen- Humor“ anpassen, desto weniger werden sie dem Gerecht. Das mag daran liegen, dass man selbst vor langer Zeit Maßstäbe setzte, wie man mit gewissen Gästen in gewissen Situationen umgeht, eben diese Rahmenbedienungen scheinen mittlerweile aber den kritischen Gehalt der Sendung selbst zu ersticken.

Vielleicht ist es an der Zeit zu beschließen, dass es jetzt genug ist. Auch Grissemann und Stermann werden vermutlich wieder innovativer und auch besser, wenn sie die Möglichkeit haben in einem Format zu agieren, das sie wieder freier agieren lässt und nicht durch all den Ballast des bisher Gesendeten, das den Rahmen für jede Interaktion setzt, so stark eingeengt werden.

Ein Kommentar von Daniel Steinlechner

Daniel Steinlechner

Mit Fug und Recht: Über Sinn und Unsinn

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